Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 99

So flüchtig wie das Leben

Von Claudia Bodin

KRITIK Talentschau ohne großen Wurf, aber mit vielen kleinen Entdeckungen

Greater New York MoMA P.S.1, New York, 23.5.-18.10.2010

Wieder sind fünf Jahre vergangen, und im Ableger des Museum of Modern Art, P.S.1, treten mit der dritten Ausgabe von "Greater New York" 68 lokale Künstler zur Talentschau an. Die Arbeiten, die vom neuen Direktor Klaus Biesenbach, von MoMA-Kuratorin Connie Butler und Gastkurator Neville Wakefield ausgesucht wurden, sind seit 2005 entstanden. Auffällig viele drehen sich um Sexualität, vor allem Homosexualität, und um das Selbstbild. Sie ergründen die Privatsphäre und scheinen das Leben als Kunstprojekt zu betrachten.

Malerei ist im Gegensatz zu den Vorjahren kaum vertreten. New Yorks Nachwuchs bedient sich bei der Fotografie, der Video-, Performance- und Installationskunst. Zu den stärksten Arbeiten zählen die an Cindy Sherman angelehnten Fotos aus der Serie "Best Friends" von K8 Hardy, der Mitbegründerin eines lesbisch-feministischen Kollektivs.

Liz Magic Laser pflückt in ihrem Video "Mine" mit Hilfe von chirurgischem Werkzeug den äußerst privaten Inhalt einer Handtasche auseinander. Hank Willis Thomas analysiert mit der Serie "Unbranded" anhand von 41 Fotos die tragikomische Art und Weise, in der farbige Amerikaner seit 1960 in Werbung, Film und Modeindustrie porträtiert wurden. Sharon Hayes lässt auf politischen Protestveranstaltungen lautstark Liebesbriefe verlesen.

Direktor Klaus Biesenbach funktionierte sein Museum darüber hinaus für die Dauer der Gruppenschau in einen Workshop um: Künstler, die sich in den Ateliers einquartierten, laden Besucher ein.

Andere produzierten ihre Arbeiten direkt vor Ort im ehemaligen Schulgebäude des P.S.1. Einige davon werden während der Ausstellung weiter wachsen: So füllte die Truppe Bruce High Quality Foundation einen Raum mit Podesten, die Kunstschulen gegen gebrauchte Exemplare austauschen sollen.

David Brooks ließ ein Stück Regenwald heranschaffen, das er als Protest gegen die Zerstörung der Natur mit Beton übergoss.

Die Pflanzen werden mit der Zeit eingehen, die Kunst wird in sich zusammenfallen.

Mit dem Schlagwort Transformation beschreiben Biesenbach und sein Team die Schau treffend: Denn schließlich bleibt die Kunst nie wirklich stehen. Ausstellungen wie diese können nur kurze Momentaufnahmen liefern. Im Fall von "Greater New York" sind es viele anregende Augenblicke.

Der große Wurf bleibt dabei zwar leider aus.

Aber vielleicht geht es in Zeiten der Unsicherheit und des Umbruchs auch gar nicht darum - sondern um die kleinen Entdeckungen, die hoffentlich zu etwas Großem heranwachsen.

Der Katalog erscheint im August und kostet 19 Dollar

Bildunterschrift:

Eigenwillige Schutzmaßnahme:

David Brooks gießt ein Stück Regenwald in Beton ("Preserved Forest", 2010)