Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 10-21
Studio
Von
FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (21)
Pelle, 5, über Caravaggios "Die Kartenspieler" (1594):
"Das sind Cowboys - das sehe ich sofort an den Hüten.
Die spielen Karten im Wilden Westen. Der eine versteckt die Karten hinter seinem Rücken - das darf man eigentlich nicht! Und der hat auch noch eine Waffe am Gürtel. Ich weiß nicht genau, was für eine Waffe das ist - vielleicht eine Pistole oder ein Dolch. Irgendwie ist der mir ein bisschen unheimlich und der Mann in der Mitte auch. Der guckt ganz böse. Und er schaut dem anderen Mann in die Karten. Das macht man eigentlich auch nicht.
Der links, der einfach nur in seine Karten guckt, sieht am freundlichsten aus. Der Mann mit den Karten hinterm Rücken hat ganz kaputte Sachen an - überall sind Löcher. Und der in der Mitte hat einen kaputten Handschuh an. Auf dem Bild sind zwei Böse und ein Guter. Ich glaube, die zwei Bösen tricksen den Guten aus.
Hm. Vielleicht sind das doch keine Cowboys ... Cowboys machen so was nicht. Das sind bestimmt Räuber! Ich schummle beim Spielen nicht. Bei uns zu Hause geht es immer nur darum, wer gewinnt." EINE GLOSSE Tolle Ideen für Künstler • Wähle stets das größte Format. • Fange jedes Gespräch über Kunst damit an, dass du keine Lust hast, über dich zu reden, weil das langweilig ist. Rede dann aber nur über dich. • Als Mann: problematisiere niemals dein Geschlecht.
Weiche nie von den Stereotypen der Männlichkeit ab; im Gegenteil, wiederhole sie. • Als Frau: Problematisiere ausschließlich und permanent dein Geschlecht. Wechsle es oder hebe wenigstens Abweichungen des Weiblichen hervor. • Nimm Drogen. Bestätige das in jedem Interview, beteilige dich aber an Kampagnen gegen Drogen. • Wenn du bekannt werden willst: Erwähne bei allen Gelegenheiten immer wieder laut, so dass es alle hören, die Namen irgendwelcher bekannten Künstler. Tu so, als wenn du mit ihnen eng befreundet wärst. • Wenn du bekannt bist: Nie wieder laut den Namen eines ebenfalls bekannten Künstlers erwähnen; nur leise und mit Bedacht. • Behaupte, dass du wesentlich eine bestimmte Szene mit aufgebaut hast. Lass dich dort aber nicht mehr blicken. • Tritt als Demokrat auf, wenn du es geschafft hast. Bleibe bis dahin Anarchist. • Erkläre entweder alles, was du machst, oder gar nichts. • Widersprich deiner eigenen Arbeit.
Unvergessen, wie Audrey Hepburn am Schaufenster des Juweliers "Tiffany" in New York steht und davon träumt, dort einmal frühstücken zu können. Die Verfilmung von Truman Capotes Novelle "Breakfast at Tiffany's" machte die Luxus-Boutique weltberühmt. Mittlerweile gibt es auch etliche Filialen in Deutschland, und sie ehren derzeit einen ihrer größten Schmuckdesigner mit Neuauflagen: Jean Schlumberger (1907 bis 1987) war der Stardesigner des Hauses von den fünfziger bis in die achtziger Jahre. Er löste die eher nüchterne Formensprache des Art déco ab und erschuf eine fabulöse Tier- und Pflanzenwelt, die an vornehmen Damen märchenhaft funkelte. Besonders billig sind diese spektakulären Stücke nicht, aber Audrey lehrt: Gucken ist genauso schön!
Bildunterschrift:
Kletternd und kriechend entdeckt der Besucher der mietshausgroßen Installation "Fisch- GrätenMelkStand" von John Bock verkohlte Pizzen oder eine rosarote Erotiklounge. Dicht aneinandergedrängt wie Kühe beim Melken, darauf spielt der Titel an, zeigt Bock Werke von 63 Kollegen. Mit dieser Ausstellung endet die Zeit der Temporären Kunsthalle Berlin.
Am 1. September wird abgebaut - wenn bis dahin alle den Ausgang gefunden haben.
Der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare hat für den leeren Denkmalsockel auf dem Londoner Trafalgar Square eines der größten Buddelschiffe der Welt bauen lassen. Der 3,5 Meter lange Nachbau der "HMS Victory", Admiral Nelsons Flaggschiff in der Seeschlacht von Trafalgar, spielt mit seinen 37 Segeln aus typisch afrikanischem Batikstoff ironisch auf die koloniale Vergangenheit Groß britanniens an.
Der Admiral steht freilich drüber.
Willkommen in der Matrix: Die neue Installation "Breathing Room III" des britischen Plastikers Antony Gormley in der Londoner White Cube Gallery besteht aus fluoreszierenden Aluminiumrahmen. Zusammengenommen entsprechen die 15 Quader dem Volumen des Ausstellungsraums.
Durch intensive Lichtblitze wird die geometrische Struktur mal sichtbar, mal verschwindet sie in der Dunkelheit - wie ein unheimlicher, "atmender" Organismus aus weißen Kuben im "White Cube".
Die Gurke ist Phallussymbol und Schimpfwort, kalorienarm und artenreich, ein mickrig-krummes Gewächs und trotzdem eine der wirtschaftlich bedeutendsten Gemüsesorten.
Auch Erwin Wurm ist eine Gurke - so sieht sich der Meister des Absurden zumindest selbst und zeigt im Museum der Moderne Salzburg sein "Selbstporträt als Essiggurkerl" (bis 10.
Oktober): 36 in Acryl gegossene und naturalistisch bemalte Gurken - jede natürlich ein Unikat.
Mit viel Humor torpediert Erwin Wurm immer wieder den traditionellen Begriff der Skulptur: In Salzburg zeigt er jetzt sein "Selbstporträt als Essiggurkerl" (2008)
Philosoph als Künstlercoach:
Roger Behrens
Zwei Jahre vor der Eröffnung wurde in Kassel bereits das erste Werk der Documenta 13 eingeweiht: Der italienische Künstler Giuseppe Penone (links im Bild) ließ eine fast neun Meter hohe, baumförmige Bronzeskulptur, die ein Stein in den Ästen krönt, eingraben.
"Wir feiern damit den Beginn des Sommers und der Schaffenskraft von Kunst", kommentierte Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev.
Skulptur "Idee di Pietra (Ansichten eines Steins) von Giuseppe Penone in der Karlsaue von Kassel
ZUFALL? KUNST! (3)
Minimal-Art-Stromkasten - entdeckt von Brigitte Schmitz auf der Insel Curaçao, Niederländische Antillen Haben auch Sie Kunst im Alltag entdeckt? Jedes abgedruckte Bild wird mit 50 Euro belohnt: photo@art-magazin.de
Funkelnde Unterwasserwelt: von Schlumberger entworfene Ohrclips in Form einer Muschel (1951) und eines Seepferdchens (1965)
Luxus für alle: Audrey Hepburn im Film "Frühstück bei Tiffany"
Begründer der Dynastie: Foto von Hans Gursky (um 1925) "Als ich in den Westen kam, gab es nur zehn namhafte Werbefotografen": Willy Gurskys "People"
Geschmückte Schöne: Porträt von Willy Gursky
"Andreas ist immer seinen eigenen Weg gegangen":
"Nha Trang", 2009 - von Andreas Gursky
"Ich kann nicht, was er macht, und er kann nicht, was ich mache": Andreas und sein Vater Willy Gursky
DIE ART-HOME-STORY (36)
Zu Gast bei Norbert Schwontkowski
Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Yogamatte Yoga ist mir sehr wichtig, und deshalb bedeutet mir diese Matte auch so viel. Auf ihr drehe ich mich jeden Morgen um meine eigene Achse.
Kiste von Gunter Christmann Diese Kiste ist eine Arbeit von meinem Freund Gunter Christmann.
Er ist 73 Jahre alt, kommt eigentlich aus Berlin-Wedding und lebt seit fast 50 Jahren in Sydney. Als ich dort mein Atelier hatte, haben wir uns angefreundet. In solchen Kisten sammelt Christmann alles, was für ihn wichtig ist. Dinge, die er auf der Straße findet, flache Deckel oder Plastikverschlüsse. In der Box schüttelt und rüttelt er die Dinge so lange, bis sie für ihn eine kosmische Ordnung gefunden haben - und malt sie dann ab.
"Ich male nicht nach Fotos, ich male nach Empfindungen", sagt der Bremer Künstler Norbert Schwontkowski, 61, der erst mit Mitte 50 von der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts entdeckt wurde und seitdem auch international große Erfolge feiert. Seine Bilder bestehen aus weitläufigen Landschaften und skurrilen Situationen, in denen UFOs, Mönche, Tiere und Fantasiegestalten aufeinandertreffen. Die Werke sind voller Melancholie und trockenem Humor, dabei ist es das Leuchten unter den dunklen Farbschich ten, das die besondere Magie seiner Malerei ausmacht.
Norbert Schwontkowski:
"Miramare" (2007, 200 x 180 cm)
Traumhaus-Modell Mein Haus, in dem ich seit fünf Jahren wohne, ist recht gesichtslos.
Deshalb träume ich davon, es umzubauen und in einen Palast zu verwandeln. Ich habe dieses kleine Modell gebastelt, das sich aber in meiner Vorstellung permanent ändert. Es ist so etwas wie mein Traumhaus - an der Peripherie der Innenstadt gelegen, nahe am Fluss und dicht an den Bars.
Gorilla-Skulptur Diese Bronzeskulptur von Angus Fairhurst habe ich mit ihm gegen ein Bild von mir getauscht. Der Gorilla gefällt mir deshalb so gut, weil er sich genau auf der gleichen ambivalenten Ebene befindet, auf der auch ich arbeite: Einerseits ist das jemand, der sich den Kopf abreißt, also etwas Gruseliges, Abgründiges tut, andererseits könnte es aber auch nur ein Kostümierter sein, der sich gerade den Affenkopf absetzt.
Die in Berlin lebende Künstlerin Monica Bonvicini hat im Hafen von Oslo, direkt vor der neuen Oper, eine dreidimensionale Interpretation von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer" (1823/24) realisiert. Bonvicinis zwölf Meter hohe, zerklüftete Skulptur "She Lies" gleicht einem fragilen Eisberg, der durch seine transparenten und verspiegelten Elemente extrem zerbrechlich wirkt. Das schwimmende Kunstwerk ist eine romantische Hommage und gleichzeitig ein kritischer Verweis auf den Klimawandel.
Ein Denkmal über Wandel, Sehnsucht und Hoffnung: die Eisbergskulptur "She Lies" der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini im Osloer Hafen
