Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 119

Schwer zu erwischen

Von Jrgen Hohmeyer

NACHRUF Der mit 69 Jahren gestorbene Sigmar Polke war einer der wichtigsten und umtriebigsten Künstler der Gegenwart - ein journalistischer Weggefährte erinnert sich

JÜRGEN HOHMEYER

Er war ein Luftgeist, ein Farbmagier und Vexierbildner, ein Tiefenforscher und Possenreißer, Herold des Trivialen wie des Übersinnlichen, ein Zeitkritiker, der eine persönliche Mythologie betrieb. Kurzum, ein unberechenbares Irrlicht. So habe ich Sigmar Polke kennen oder, falls das zu hoch gegriffen ist, immer genauer schätzen gelernt.

Der gebürtige Schlesier war zwölfjährig mit seiner Familie ins Rheinland gekommen, hatte in Düsseldorf studiert und sich nach einer wilden Kommunen- Zeit auf dem Lande in Köln niedergelassen. Dreimal nahm er an der Documenta teil. 1973 gab das charakteristische Polke- Thema "Original und Fälschung" den Titel einer Ausstellung in Münster ab, bei der mir der Künstler und ein wichtiger Teil seines Werks zuerst begegneten, mich allerdings ziemlich ratlos ließen.

Fasziniert war ich davon, wie Polke bei der Berliner "Zeitgeist"- Schau (1982) als Alchimist violetter Pigmente auftrat, die scheinbar beiläufig Bildmotive mit sich schwemmten. Der Künstler selber entzog sich, und mein Artikel im "Spiegel" begann mit der Erfahrung vieler Bewunderer: Sigmar Polke ist .

Von da an aber war er ansprechbar.

Als Polke sich 1986 zur Biennale von Venedig rüstete, empfing er mich im Chaos seines Ateliers, beteuerte den medialen Kontakt zu Albrecht Dürer, demonstrierte die Veränderlichkeit von ihm benutzter "Klimafarben" und fand es bedenkenswert, dass sein eigener Ofen just am selben Tag explodiert sei wie der Reaktor von Tschernobyl. Beim Aufbau seiner Bonner Retrospektive (1997) durfte ich scheußliche Gemälderückseiten betrachten und Augenzeuge sein, als der Künstler lockere Farbe von seinen Werken herunterbröselte:

"Lebensdauer ist bei Bildern nicht so wichtig." 2003 war dann ein ergiebiger Besuch in Polkes vergrößerten Werk- und Lagerhallen Grundlage einer art-Geschichte, die auch das Verhältnis von Druckraster- Punkten und Einschusslöchern zur Sprache brachte.

Was ihm an dem Text missfiel, werde ich wohl nie erfahren.

Danach jedenfalls war wieder Funkstille - wie sich nun leider zeigt, endgültig. Das Werk des Künstlers, der als Glasmaler- Lehrling begonnen hatte, rundete sich 2009 mit einem Fensterzyklus für das Zürcher Großmünster.

Bildunterschrift:

Sigmar Polke posierte 2005 im Kunsthaus Zürich vor seinem Bild "Levitation" aus dem selben Jahr