Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 56-65

Vive la femme!

Von Adrienne Braun

Sie waren mehr als Musen und Modelle: Die Frauen des Surrealismus fotografierten, montierten und malten selbst - und machten mit spektakulären Bildern den männlichen Kollegen erfolgreich Konkurrenz. Die Kunstgeschichte hat sie trotzdem totgeschwiegen. Eine Erkundungsreise

Kunst ist Männersache? Die Surrealisten hätten protestiert. War man jung und hübsch, war es eine leichte Übung, in ihren Kreis zu gelangen. Man setzte sich ins Café du Dôme, und schon gehörte man dazu. Es war eine große, oft überdrehte Schar, die sich in den zwanziger Jahren in den Pariser Cafés tummelte und die Kunst erneuern wollte: Raus aus dem "Käfig" der Vernunft, wie es André Breton, einer der Vordenker der Bewegung, im Ersten surrealistischen Manifest nannte. Sie wollten Unbewusstes und Traumhaftes in die Kunst holen, Fantastisches und Absurdes. Ihr Credo: die Freiheit des Denkens.

Dazu "wurde viel getrunken und auch Haschisch geraucht", berichtete Meret Oppenheim. Sie ist gerade 18 Jahre, als sie zum Studium nach Paris geht, sich ins Café setzt und über ihren Landsmann Alberto Giacometti in den Kreis der Surrealisten kommt. Der Surrealismus war die erste künstlerische Strömung, an der auch Künstlerinnen in großem Stil teilhatten. Trotzdem tauchen in den Geschichtsbüchern die meisten Frauen nur als Musen und Modelle auf: Dora Maar als die "Weinende Frau" von Picasso. Nusch Eluard, Lee Miller und Meret Oppenheim als Modelle des Fotokünstlers Man Ray und Geliebte der großen Männer. Dabei waren sie mehr als nur schön: Erst in jüngerer Zeit wird wiederentdeckt, dass einige dieser Musen auch extrem talentierte Künstlerinnen waren.

Claude Cahun ist eine dieser Ausnahmekünstlerinnen.

Ihre Fotografien wirken so frisch, als wären sie eben entstanden. Identität war Cahuns Thema, die als Frau, Lesbe und Jüdin in kein Schema passte. Sie inszeniert sich für ihre Selbstporträts, färbt sich die Haare rosa, golden, silber, schlüpft in Matrosenanzug und Pierrotkostüm. Kurio se Maskeraden und Metamorphosen sind das, die nicht nur surrealistische Strategien par excellence bedienen, sondern auch die aktuellen Debatten vorwegnehmen, dass "Körper und Geschlecht soziale Konstruktionen" sind, wie der Kunsttheoretiker Peter Weibel es nennt.

Cahun habe das "Nullgeschlecht" angestrebt.

Sie selbst sagte es so: "Ich lasse mir den Kopf kahl scheren, die Zähne ziehen, die Brüste - ... den Magen, die Eierstöcke ..." Cahuns Kunst ist radikal und extrem, so wie ihr Leben auch. Sie ist 1894 in Nantes geboren, wohlhabend, bestens ausgebildet - und verliebt sich in die Tochter ihrer Stiefmutter.

1922 zieht sie mit Suzanne Malherbe nach Paris, schließt sich der Linksopposition an und macht Widerstandsaktionen.

Deshalb wird sie 1944 von der Gestapo zum Tode verurteilt. Nur knapp entgeht sie der Vollstreckung. Bis zu ihrem Lebensende 1954 lebt Cahun mit Suzanne Malherbe auf der Kanalinsel Jersey.

Dass ihre Fotografien bis heute in Künstlerlexika fehlen, daran ist Claude Cahun nicht unschuldig: Sie veröffentlichte so gut wie nichts. Dabei flehte Breton sie an: "Sie selbst wissen ganz genau, dass ich Sie für einen der (vier oder fünf) kuriosesten Köpfe unserer Zeit halte, und dennoch hüllen Sie sich nach Lust und Laune in Stillschweigen." Auch wenn sie 1936 an der "International Exhibition of Surrealism" in London beteiligt war, blieb Claude Cahun eine Außenseiterin. Als Lesbe war es wohl nicht möglich, in den "inner circle" der Surrealisten zu gelangen. "Ein sexuelles Verhältnis mit den Männern in der Gruppe war offensichtlich eine im System angelegte Vorbedingung für weibliche Teilnahme", schreibt die US-amerikanische Kunstkritikerin Laura Cottingham, spricht sogar von "sexueller Initiation".

Die Frauen wurden zwar als Künstlerinnen ernst genommen, gleichzeitig sollten sie aber doch die alte, klassische Rolle übernehmen als Modell und/oder Muse.

Die Fotografin Lee Miller hat diese Initiation durchlaufen, indem sie Schülerin und Geliebte von Man Ray wird. Oder Leonor Fini, erfolgreiche Porträtistin, die den herablassenden Breton scharf kritisiert und ein aufregendes Liebesleben führt - auch sie posiert aufreizend für Henri Cartier- Bresson.

Der Spagat zwischen autonomem Künstlertum und der Rolle als Geliebte, Muse, Modell hat die Künstlerinnen des Surrealismus wie keine andere Generation geprägt.

"Als ich jung war, haben die Surrealisten als Erste meine Arbeit anerkannt", berichtete Meret Oppenheim. Sie zeichnet Giacomettis Ohr. Das sei nicht einfach ein tranchiertes Ohr, meint der Kunsthistoriker Werner Spies, sondern dahinter stecke "der surrealistische Wunsch, Körper und Welt auf ungebräuchliche Weise wahrzunehmen".

Die Surrealisten laden sie prompt ein zum "Salon des Surindépendants", weil sie erkennen, dass Oppenheim die Ideen des Surrealismus durch und durch verkörpert. Schon mit 14 Jahren schrieb sie ihre Träume auf. Sie schert sich nicht um Stil und Form. "Ich realisiere die Ideen, wie sie mir in den Kopf kommen" - und auch ihr bedeutendstes Werk verdankt sie einer beiläufigen Idee: Sie verdient sich in Paris ihr Geld mit pelzbezogenen Armbändern.

Man könne alles mit Pelz überziehen, scherzt Picasso. So überzieht sie Tasse, Unterteller und Löffel - und schafft eine Ikone des Surrealismus.

"Déjeuner en fourrure" wird sofort angekauft für die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art. Es ist ihr Durchbruch. 1933 steht Oppenheim Modell für Man Ray. Bei der heute weltberühmten Aufnahme "Erotique Voilée" wird ihre Nackt heit nur knapp verdeckt vom Rad einer Druckerpresse. Auch sie ist zum Modell geworden, zum surrealistischen Ideal des Androgynen: Man Ray hat die Kurbel des Schwungrads passgenau vor ihrem Schoß platziert wie einen erigierten Penis.

Meret Oppenheim leidet darunter, plötzlich auf ihren Körper reduziert zu werden, schließlich war ihre Großmutter Frauenrechtlerin und eine der ersten Frauen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studierten.

In Oppenheim ringen widerstreitende Kräfte. Sie beginnt 1934 mit Max Ernst eine Affäre, die sie abrupt beendet - und Ernst ist so beleidigt, dass er später hämisch schreibt: "Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein.

Wer ist uns über den Kopf gewachsen?

Meretlein." Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Teilhabe und dem Drang nach Unabhängigkeit, wird Oppenheim depressiv, kehrt heim in die Schweiz und wendet sich schließlich ganz vom Surrealismus ab. Ausgerechnet sie, die sich so entschieden lossagte, nimmt heute einen festen Platz in der Geschichte des Surrealismus ein. Sie ist auch die Einzige, die bis zu ihrem Tod erfolgreich war. Keine der anderen hat das geschafft.

Auch Dorothea Tanning ist sukzessive aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Sie malte verstörende Kindfrauen, in ihren alptraumhaften Szenerien brodelt eine dumpfe Triebhaftigkeit. Als sie 1946 Max Ernst heiratet, pocht die selbstbewusste Tanning auf ihre Leistung. "Niemals durfte man bloß von einer Ausstellung von Max Ernst reden", hat ein Galerist erzählt, "Immer musste gleichzeitig auch eine Ausstellung von Frau Tanning eingeplant werden. Sonst konnte sie sehr unangenehm werden." Und doch: "Je mehr Max Ernst neben Salvador Dalí zum berühmtesten Surrealisten aufstieg, desto weniger wurde Dorothea Tanning als eigenständige Künstlerin wahrgenommen", meint die Kunsthistorikerin Karoline Hille. Letztlich sei Tanning "zur schönen Frau an der Seite des ,Genies' degradiert" worden.

Es waren also weniger die Künstler selbst, die die Frauen in den Hintergrund drängten, sondern die Kunsthistoriker und Kuratoren ließen sie letztlich unter den Tisch fallen - oder reproduzierten wie im Fall Dora Maars einen pathosgeschwängerten Mythos. Dora Maar wird bis heute als die von Picasso verlassene "Weinende Frau" besungen. Noch im Jahr 2000 schrieb der Sammler Heinz Berggruen, sie sei "in allen Höhen und Tiefen ihres von Tragik getränkten Lebens ein Teil des Planeten Picasso". Bloß: Stimmt das überhaupt?

Dora Maar war eine stolze, aufbrausende Frau, "stets motiviert und herausfordernd, mit ihren sechsundzwanzig Jahren bereits absolut von sich selbst überzeugt", berichtete ein Zeitgenosse. Sie studiert in Paris an der Kunstgewerbeschule, entscheidet sich aber für die Fotografie - und ihre frühen Reportagen zeigen soziales Engagement, während Porträts und künstlerische Inszenierungen ästhetische Sicherheit und Experimentierfreude verraten. In der Fotomontage "Verbotene Spiele" (1935) spielt sie auf sexuelle Eskapaden an, überzeichnet grotesk Gesichter oder platziert rätselhafte Figuren in verzerrten Räumen - wie in "Rue d'Astorg 29". Ihr "Bildnis von Ubu" (1936) gilt als Meilenstein der surrealistischen Fotografie, vermutlich ist die geheimnisvolle Kreatur der Fötus eines Gürteltiers.

Picasso wisse nicht, wie man liebt, hat sie nach der Trennung konstatiert. Fatal für sie war, dass Picasso sie zum Malen ermunterte - weil sie ihm als Fotografin überlegen war, wie böse Zungen behaupten. Maar fotografierte zwar weiterhin, aber nur noch als Chronistin der surrealistischen Bewegung.

Einerlei, wo Dora Maar später auftauchte, stets wurde getuschelt, dass sie die Geliebte Picassos war. "Sie trug diese Geschichte immer mit sich mit", sagt der Autor Bernard Minoret. Wohl deshalb hat sie sich zurückgezogen, wobei sie keineswegs nur weinend zu Hause saß, sondern viele Freunde hatte, malte und ausstellte und später auch wieder mit Fotografie experimentierte. Dass sie sich aus Kummer dem Katholizismus zuwandte, mag ins Bild der Leidenden passen, aber ihr Gleichgewicht scheint sie durchaus gefunden zu haben.

Es war mir vielmehr, als würde die jahrtausendealte Diskriminierung der Frau auf meinen Schultern lasten", hat Meret Oppenheim Jahre später einmal gesagt.

Die Frauen des Surrealismus befanden sich gesellschaftlich an einer Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne.

Ihre Wiederentdeckung wird noch einige Korrekturen der Geschichtsschreibung nach sich ziehen. Man mag ihr Werk unterschlagen haben, Opfer waren sie nicht. Meret Oppenheim überwand ihre Depression und fühlte sich mit Anfang 40 kraftvoll für einen Neubeginn. Dorothea Tanning, die im August ihren hundertsten Geburtstag feiert, arbeitet bis heute in New York und pflegt den Austausch mit jungen Künstlern und Poeten. Und Dora Maar hat gezielt Profit geschlagen aus ihrer Rolle als verstoßene Geliebte. Wenn sie mal wieder Geld brauchte, verkaufte sie eines der Geschenke Picassos - oft zu horrenden Preisen.

Sie wusste genau, was man für die Schätze der "weinenden Frau" zu zahlen bereit war.

Literatur: Karoline Hille: Spiele der Frauen - Künstlerinnen des Surrealismus, Belser Verlag 2010

Bildunterschrift:

Fantastisches und Absurdes: oben Tannings Gemälde "Spannung" (29 x 31 cm) von 1942 und rechts "Ein sehr glückliches Bild" (91 x 122 cm) von 1947

Auch für die Surrealistinnen galt das Credo: Raus aus dem Käfig der Vernunft!

Dorothea Tanning wird 1910 in Illinois geboren. Nach dem Kunststudium geht sie nach New York, arbeitet als Illustratorin für Magazine und hat 1944 ihre erste Einzelausstellung. Nach der Heirat mit Max Ernst lebt sie in Sedona (Arizona), wo dieses Foto 1948 entstand, und in Beverly Hills. In ihren Gemälden geht es um Gewalt, Geschlechtlichkeit, Zivilisation und Rebellion. Tanning unterrichtet auf Hawaii und stattet Ballette von George Balanchine aus.

Nach Stationen in Paris und im Loire-Tal zieht das Paar nach Seillans, wo sie ihr Traumhaus entwirft. Seit Ernsts Tod 1976 lebt Tanning wieder in New York.

Claude Cahun wird 1894 in Nantes als Lucy Schwob geboren. Wegen ihres Künstlernamens wird sie oft für einen Mann gehalten. Auch in ihren Fotografien spielt sie mit Rollenklischees, inszeniert sich in kuriosen Verkleidungen und gilt heute als Wegbereiterin feministischer Kunst. Ihre Pariser Wohnung ist Treffpunkt der Intellektuellen, Cahun, hochgebildet und exzentrisch, ist politisch aktiv, schreibt Gedichte, Essays und Novellen. Sie wird von den Nazis verfolgt und lebt von 1937 bis zu ihrem Tod 1954 mit ihrer Freundin Suzanne Malherbe auf der britischen Insel Jersey.

Der Körper als künstlerisches Material: Cahuns Handstudie ohne Titel von 1939 (25 x 19 cm)

Mit ihren kuriosen Maskeraden nimmt Claude Cahun aktuelle Geschlechterdebatten vorweg

Surreale Rollenspiele: links oben zwei Selbstporträts von Cahun als Gewichtheber um 1927, unten um 1937 als athletisches Bikini- Girl und um 1932 als Mädel im Schrank

Meret Oppenheim 1913 in Berlin geboren, wächst in der Schweiz in einer weltoffenen Familie auf und malt und schreibt schon früh.

Sie geht nach Paris zum Studium, tummelt sich im Kreis der Surrealisten. Ihre berühmte Pelztasse, ein Hauptwerk der Bewegung, entstand fast beiläufig. Man Ray verewigt sie 1933 in einem Aktbild an der Druckerpresse (Foto). Immer wieder kämpft sie mit Depressionen. 1937 kehrt sie in die Schweiz zurück. 1949 heiratet sie. Sie stellt immer häufiger aus - und als sie 1985 stirbt, gilt sie als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Schweiz.

Meret Oppenheims Pelztasse wird sofort vom MoMA angekauft.

Das ist ihr Durchbruch

Meret Oppenheims Objekt "Déjeuner en fourrure" (Frühstück im Pelz) von 1936 gilt als Ikone des Surrealismus; links: Das "Stillleben mit Früchten" (15 x 38 cm) malte sie 1946, "Sterben in der Nacht" (50 x 58 cm) entstand 1953

Dora Maars Vielseitigkeit zeigt sich in Fotomontagen wie der Hand in der Muschel, der eleganten Modeaufnahme und dem Schnappschuss des Mannes mit dem Kopf im Schacht, alle ohne Titel, unten rechts: "Callasblumen"; alle Arbeiten sind zwischen 1932 und 1935 entstanden

Bei Dora Maars "Bildnis von Ubu" (1936, 18 x 11 cm) handelt es sich wohl um einen Gürteltierfötus

Dora Maar Die 1907 geborene Henriette Theodora Markovitch wächst in Buenos Aires auf und kommt zum Studium nach Paris. Die schöne wie aufbrausende junge Frau macht Modeaufnahmen, fotografiert die Reichen und Schönen, schafft aber auch Ikonen des Surrealismus.

Sie gehört zum engen Kreis der Bewegung und engagiert sich für die Linken. 1936 beginnt sie eine Beziehung mit Picasso, der sie als "Weinende Frau" malt, weil er in ihrem Gesicht das Leid des Spanischen Bürgerkriegs sieht. Nach der Trennung widmet sie sich der Philosophie, dem Buddhismus und lebt schließlich zurückgezogen als Katholikin. Bis zu ihrem Tod 1997 hat sie gemalt, ausgestellt und im Alter sogar wieder angefangen, mit der Fotografie zu experimentieren.

Trotz ihres enormen Talents wird Dora Maar bis heute als die von Picasso verlassene Frau besungen

Toyen Marie C?ermínová, 1902 in Prag geboren, glaubt an die Utopie einer neuen Gesellschaft. Sie nennt sich Toyen und geht nach Paris. Ab 1935 nimmt sie an allen Surrealismus-Ausstellungen teil, bis die Nazis sie mit Ausstellungsverbot belegen. Sie versteckt den jüdischen Künstler Jindrich Heisler, der später ihr Partner wird.

Als Heisler 1953 stirbt, verdunkelt sich ihre düstere Malerei noch, in der Menschen nur angedeutet werden durch leere Kleiderhüllen.

Toyen selbst stirbt 1980. Ihre porösen Farbstrukturen gelten heute als Vorläufer des Informel (Abb.: "Die gefährliche Stunde", 1942).

Lee Miller Der Vater war Hobbyfotograf, also arbeitet Lee Miller, 1907 in den USA geboren, zunächst als Fotomodell, bis Edward Steichen sie ermuntert, selbst zu fotografieren.

Sie wird in Paris Schülerin von Man Ray, dem sie 1930 Modell steht (Foto oben). Nach einer ersten Ehe und Stationen in New York, Kairo und London wird sie Kriegsfotografin, 1945 fotografiert sie Konzentrationslager, ihr berühmtestes Selbstporträt zeigt sie in Hitlers Badewanne.

Mit ihrem zweiten Ehemann lebt sie zurückgezogen in England und fotografiert bis zu ihrem Tod 1977 nur noch wenig (Abb.: Millers Porträt von Charlie Chaplin, 1930).

Unica Zürn wird 1916 als Tochter eines Schriftstellers in Berlin geboren, bricht die Schule ab und geht als Stenotypistin zur UFA, ab 1936 schreibt sie selbst Drehbücher für Werbefilme. Nach einer kurzen Phase als Hausfrau und Mutter zweier Kinder veröffentlicht sie Erzählungen und beginnt zu zeichnen.

Mit ihrem neuen Freund Hans Bellmer zieht sie nach Paris, stellt mit den Surrealisten aus und ist 1959 auf der Documenta 2 vertreten. Wegen einer Psychose ist sie über Jahre in Kliniken, schreibt und zeichnet aber weiterhin und hat 1967 ihre erste große Ausstellung in Deutschland. Als sie 1970 die Klinik für ein paar Tage verlassen darf, stürzt sie sich in Bellmers Wohnung aus dem Fenster (Abb.:

Zeichnung ohne Titel von 1963).

Die Frauen des Surrealismus standen an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne

Leonor Fini wird 1908 in Buenos Aires geboren, aber die Mutter verlässt den despotischen Vater und geht mit der Tochter nach Triest. Das rebellische Mädchen wird mehrmals von der Schule ausgeschlossen und bringt sich das Malen selbst bei. 1936 geht Fini nach Paris und hat enge Kontakte zu den Surrea listen. Sie ist eine begehrte Porträtistin, aber auch als Bühnen- und Kostümbildnerin tätig, illustriert Bücher und schreibt im Alter mehrere Romane. Fini ist eine äußerst frei denkende Frau, die die Ehe kategorisch ablehnt und in einer Ménage à trois lebt. 1996 stirbt sie in Paris (Abb: "Erdgöttin, den Schlaf eines jungen Mannes bewachend", 1947).

Leonora Carrington wird 1917 in eine reiche englische Familie hineingeboren. Sie studiert in London Malerei, zieht mit Max Ernst nach Paris und dann nach Südfrankreich. 1939 stecken die Nazis Ernst in ein Internierungslager. Carrington kommt in die Psychiatrie. Nach der Flucht gelingt ihr ein Neubeginn in New York, später in Mexiko, wo sie bis heute lebt.

Sie malt Tiergestalten und Traumbilder, etwa das Selbstporträt mit Hyäne um 1937, bekannter wurde sie mit Erzählungen und dem Roman "Das Hörrohr".