Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 117
"Ein Generalangriff"
Von Susanne Altmann
DENKMALSCHUTZ Sachsen will sich nur noch um wichtige Denkmäler kümmern. Experten reagieren entsetzt auf die Pläne
Ein internes Papier aus dem CDU-geführten sächsischen Innenministerium sorgt für Aufruhr: Darin werden gravierende Veränderungen des Denkmalschutzgesetzes in Sachsen geplant, die zahlreiche Abrisse sowie den Verfall wertvoller Bauten nach sich ziehen könnten. Landesdenkmalpfleger, Kunsthistoriker sowie das Deutsche Nationalkomitee von ICOMOS reagierten entsetzt auf den Vorstoß aus Dresden. Besonders die Absicht, Baudenkmäler in eine Rangfolge einzuordnen, stößt auf Widerstand:
Nur noch Leuchttürme wie der Dresdner Zwinger, die Meißner Albrechtsburg oder der Muskauer Park blieben dann relevant.
90 Prozent der gesamten Denkmalsubstanz des Landes aber würden niedriger eingestuft, verlören damit auch rückwirkend ihren Status und wäre letztlich dem Verfall preisgegeben. Das beträfe alle Dorfkirchen und fast alle Stadtkirchen Sachsens, die Landschlösser der Region sowie die meisten bislang geschützten Villen. Denn die Verantwortung dafür würde an unterbesetzte lokale Denkmalbehörden delegiert, die von den Kommunen finanziert sind und häufig Willkür und Sparzwängen unterliegen.
Schon jetzt wurde die staatliche Förderung des Denkmalschutzes im sächsischen Landesetat von 12,8 Millionen Euro für 2009 auf aktuell sechs Millionen gesenkt. Dabei ist die seit Jahren andauernde Erfassung von Kulturgut in Sachsen noch nicht einmal ab geschlossen. Neben Bayern ist Sachsen mit mehr als 100 000 registrierten Objekten Deutschlands denkmalreichste Region (in Baden-Württemberg sind es 75 000 Objekte, in Thüringen und Sachsen-Anhalt je knapp 30 000). Wie unheilvoll die Pläne des Innenministeriums sind, so Gerd Weiß, Vorsitzen- der der Vereinigung deutscher Landesdenkmalpfleger, zeige das Beispiel Frankreichs.
Dort werden nur höher klassifizierte Bauten staatlich gefördert, die anderen gehen leer aus. Als skandalös werten die meisten Experten zudem die Idee, die Genehmigungspflicht für die Wiederherstellung von Kulturdenkmälern zweiter Klasse zu streichen.
Dann entfielen kostspielige Schutzverpflichtungen etwa für Privateigentümer historischer Villen: Abriss wäre kein Tabu mehr.
Für Sachsens Ex-Kultusministerin Eva- Maria Stange (SPD) ist der umstrittene Arbeitsentwurf ein "Generalangriff auf den Denkmalschutz". Das Papier, das laut Landesregierung nur eine Angleichung an die Gesetze anderer Bundesländer anstrebe, verfolge nur ein Ziel: "in Krisenzeiten die Kosten zu senken!".
Bildunterschrift:
Bald weniger schützenswert? Umgebindehäuser im Landkreis Löbau-Zittau
Könnte ein Verlierer sein: Stadtkirche St. Marien im sächsischen Pirna
