Ausgabe: 08 / 2010
Seite: 114-115

Kein Schloss - was nun?

Von

DEBATTE Das Humboldtforum mit Schlossfassade wird nicht gebaut - vorerst nicht. Die meisten Berliner haben mit der Entscheidung kein Problem, ganz anders geht es manchem der Akteure

Für die Entwicklung einer Berliner Debattenkultur hat die Idee der Neuerrichtung des Berliner Stadtschlosses wichtige Impulse gegeben. Ob es nun um Geschichtsvergessenheit, Heilung architektonischer Narben, Wiedergutmachung ehemals geschehenen Unrechts oder die Renaissance eines unzeitgemäßen Preußenkults ging - der Schlossplatz war die öffentliche Arena, in der die Argumente ausgetauscht werden.

Doch was die Stadt und das Land mit der Errichtung der Schlossarchitektur von Franco Stella ganz handfest gewinnen würden, das wurde mit den Jahren immer unklarer. Mit dem Beschluss, den Baubeginn in die nächste Legislaturperiode zu verschieben, haben Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble die Notbremse gezogen. Der 552 Millionen Euro teure Prestigebau, dessen Betrieb weitere Millionen verschlingen würde, ist in Krisenzeiten offenbar nicht opportun. Die Finanzkrise wurde zum letzten harten Argument in einer zunehmend esoterischen Debatte - das verschobene Schloss zum neuen Symbol der staatlicher Sparpolitik. art befragte Schlossplatz- Akteure, wie sie der neuen Situation begegnen.

Bildunterschrift:

Mehr als Kulissenzauber ist vorerst nicht drin: Der Baubeginn für das Berliner Stadtschloss ist auf 2013 verschoben

Muss vom Schlossplatz weichen: Temporäre Kunsthalle

Sollte ins Schloss: Ethnologisches Museum in Dahlem

Optimistisch bis zornig

UMFRAGE Baubeginn erst 2013 - die Konsequenzen

Peter Traichel, Geschäftsführer der Baukammer Berlin: "Mit dem Entscheid, den Bau des Berliner Stadtschlosses nun um drei Jahre zu verschieben, hat die Regierung ihr Wort gebrochen und das zur Zeit größte Antikonjunkturprogramm in Berlin für die Bauwirtschaft verabschiedet.

Von Einsparmaßnahmen kann schon wegen der drohenden Schadensersatzforderungen nicht die Rede sein. Zumal die Regierung das Schloss später ja doch bauen will. Die Rechte und Interessen all derer, die auf die Einhaltung bindender Verträge, auf die zugesagte Vergabe öffentlicher Aufträge vertraut haben, werden missachtet. Der unverantwortliche und kleinliche Beschluss der Bundesregierung, auf ein Symbol von überragender nationaler und internationaler Bedeutung zu verzichten, steht auch als Symbol für den Stopp öffentlicher Investitionsvorhaben im Bauwesen."

Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau und Schloss- Kritiker: "Die Öffentlichkeit war größtenteils erleichtert, dass das Projekt erst mal nicht kommt. Wenn manche denken, es ginge jetzt nur um eine zwei- bis dreijährige Verschiebung, dann ist das die falsche Antwort. Das Vorhaben hat mit seiner Konkretisierung in den letzten Jahren nicht nur wegen seiner Architektur, sondern vor allem wegen seines unschlüssigen Nutzungskonzepts zunehmend an Zustimmung verloren. Der Formelkompromiss einer Fusion von Preußentum (Fassade), Multikulti (außereuropäischen Sammlungen) und spätsozialistischen Träumereien (Agora) hat in eine Sackgasse geführt. Die Spenden sind rückläufig, und auch in der konservativen Presse mehren sich die kritischen Stimmen.

Entweder gelingt es den Akteuren, das Vorhaben inhaltlich und architektonisch so neu zu qualifizieren, das es überzeugt.

Ist dies nicht der Fall, sollte man es ad acta legen."

Manfred Rettig, Vorstand Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum: "Politisch war dieses Bauprojekt mit Fertigstellung 2014 ursprünglich völlig unrealistisch eingetaktet. Diesbezüglich kommt die Verschiebung dem Neubau zugute. Wir bekommen jetzt die Ruhe und Solidität in die Planungsphase, die man für ein solches Großprojekt braucht. Das bedeutet:

Kostentransparenz und sichere Zeitplanung.

Mit dem Baubeginn 2013 sollen alle Planungen weitgehend abgeschlossen sein. Trotzdem müssen wir die Zeit im Auge behalten: Im Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahnlinie 5 wollen wir mit vorgezogenen Baumaßnahmen bereits 2012 beginnen. Im Bereich der U-Bahn soll eine Bodenverdichtung vorgenommen werden, um die Tragfähigkeit des Bodens auf das Schloss hin auszurichten.

Das ist möglich, obwohl der Bundestag bis 2013 die Mittel für den Bau aus dem Haushalt herausgenommen hat - denn Berlin hat seinen Anteil für die Jahre 2011, 2012 und 2013 nach wie vor vorgesehen. Deshalb sehe ich keine Probleme, den Bau nach Grundsteinlegung 2013 kontinuierlich fortzusetzen."

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "In der Stiftung beschäftigen wir uns seit zehn Jahren mit den Planungen für das Humboldtforum.

Die jetzt eintretende Verzögerung ist nicht das erste Tal der Tränen, das wir durchschreiten. Das Grundproblem:

Wenn man erst 2014 mit dem Bau beginnt, dann ist das Humboldtforum nicht vor 2022 fertig. Das ist keine schöne Aussicht. Vor allem müssen wir dadurch bei den maroden Dahlemer Bauten weitere Maßnahmen zum Bauerhalt vornehmen - das sind Investitionen am falschen Ort. Ein anderes Problem ist die Außenwahrnehmung:

Noch immer wird das Humboldtforum vor allem als Bauprojekt gesehen. Es ist aber das derzeit größte und bedeutendste kulturpolitische Projekt des Landes - trotzdem haben wir keine einzige Stelle zusätzlich dafür. Von uns Nutzern wird erwartet, dass wir die Vorbereitungen dazu nebenher leisten.

Auch bei der Kommunikation des Humboldtforums nach außen haben wir niemanden, der sich voll darauf konzentrieren kann. Das wäre aber nötig, um deutlich zu machen, um was es hinter den Barockfassaden eigentlich geht. Klar ist aber: Die Grundsteinlegung muss auf 2013 vorgezogen werden, das wäre jetzt ein ganz wichtiges Zeichen."

Benjamin Anders, Geschäftsführer der Temporären Kunsthalle Berlin:

"Die Temporäre Kunsthalle wird in der bisherigen Form am 31. August geschlossen und abgebaut. Bislang hat sich hierzu keine abweichende Möglichkeit ergeben. Unser Verbleib hier am Schlossplatz hat auch nur mittelbar mit dem nun verzögerten Neubau des Schlosses zu tun, sondern ganz unmittelbar mit dem für Anfang 2011 geplanten Bau des U-Bahnhofs der Linie 5 an der Museumsinsel. Das Projekt der Temporären Kunsthalle war von Beginn an auf zwei Jahre angelegt, ursprünglich aus der Notwendigkeit heraus, diese Fläche nach dieser Dauer zu räumen.

Unsere Planung bleibt angesichts der neuen Situation bestehen, auch weil die Finanzierung immer auf diesen Termin ausgerichtet war; das Projekt wird komplett privat getragen durch die Stiftung Zukunft Berlin von Dieter Rosenkranz.

Theoretisch könnte man die Temporäre Kunsthalle versetzen und an einem anderen Ort weiterführen - doch das ist mit der derzeitigen Struktur, dem Träger und dem Team nicht vorgesehen.

Wir sind gerade dabei, einen Käufer für die Kunsthalle zu suchen."

Viola König, Leiterin des Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem: "Unser Museum ist weltweit eines der größten seiner Art. Ende der neunziger Jahre entstand die Idee, mit dieser einmaligen Sammlung in das Schloss/Humboldtforum zu ziehen. Doch seitdem stagniert die Umsetzung dieser Vision. Als Umzugsdatum galt zuletzt 2017. Nicht nur wegen der maroden Bausubstanz von Museum und Depot in Dahlem gab uns der Umzug jedoch immer eine Perspektive. Mittlerweile sind fast alle Museen aus dem ehemaligen Westteil in das Zentrum gezogen, und es wurden neue, attraktive Museen im Zentrum gegründet. Unsere Besucherzahlen hingegen nehmen seit Jahren ab, wir geraten immer mehr in Vergessenheit.

Unsere typischen Themen werden zunehmend von anderen Institutionen im Zentrum aufgegriffen: im Martin-Gropius- Bau oder im Haus der Kulturen der Welt.

Unter diesem Gesichtspunkt kann ich nicht empfehlen, aufgrund der Verzögerung nun große Bausummen in Dahlem zu investieren. Mein Wunsch ist vielmehr, die kommenden Interimsjahre in einem zentrumsnahen Gebäude im Stadtzentrum zu überbrücken, wo wir unser Konzept für das Humboldtforum testen können.

Dazu benötigen wir 2000 bis 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche."