Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 113
Windiger Weltgeist
Von Boris Hohmeyer
KRITIK Ist Steiner wirklich so gegenwartsnah, wie in der Schau behauptet?
Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart // Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags Kunstmuseum Wolfsburg, 13.5.-3.10.2010
Der Prophet solle "entsteinert" werden, verheißt ein Schlagwort im Katalog, also der Klischees entkleidet und aktualisiert.
Dazu hat das Kunstmuseum Wolfsburg eine Auswahl jener Wandtafeln, auf denen Rudolf Steiner seine Gedanken zeichnend und schreibend zu verdeutlichen pflegte, heutigen Kunstwerken gegenübergestellt. Gute Idee, könnte man meinen, zumal die namhaften Künstler selbst keine Anthroposophen sind, also kaum dogmatische Banalität zu befürchten ist.
Doch eben weil es mehr um Parallelen geht als um Nachkommenschaft, entsteht Beliebigkeit, so sehr die sinnliche Kraft mancher Arbeiten für die Schau einnehmen mag. An Steiners ganzheitliches Weltbild kann man überall andocken, und mit seinen mehr als 1000 erhaltenen Tafeln ließe sich wohl zu jedem Kunstwerk jeder Epoche irgendeine Verbindung basteln. Denken in Formen und Farben - haben Maler das nicht schon immer getan? Eint Mario Merz' Unendlichkeitsspiralen und ein Steinersches Erkenntnismodell mehr als die äußere Form, reicht bei Giuseppe Penone die Naturnähe als gemeinsamer Nenner? Zeugt also die Ausstellung von Steiners Gegenwartsnähe oder nicht doch davon, dass immer wieder Menschen rund um den Globus auf ähnliche Gedanken kommen? Das verwiese dann, je nach Blickwinkel, auf unsere Beschränktheit oder auf den universell wehenden Weltgeist. So droht sich die Absicht der Schau umzukehren: Während Steiners Ideenwelt sich in einen alles umhüllenden Nebel auflöst, wird die gezeigte Kunst durch den Kontext "versteinert", in ihrem jeweils eigenen Ausdruck und Inhalt eingeengt. Überzeugender belegt die vom Vitra- Design-Museum veranstaltete Ausstellung "Die Alchemie des Alltags" im Obergeschoss Steiners Rang als Epochenfigur. Sie zeigt ihn als zeitgebundenen, aber kraftvollen Gestalter und Baumeister wie auch als folgenreichen Pionier von Biolandbau, Naturmedizin und Reformpädagogik. Bloß stören immer wieder Dokumentarfilme und Tonaufnahmen von Steiner-Texten die Konzentration auf Werke und Texte. An der freien Entfaltung des Geistes interessierte Waldorflehrer müssten ihre Schüler vor dem Museumsbesuch warnen. Weitere Stationen: Kunstmuseum Stuttgart, 5.2.- 22.5.2011; Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein, November 2011-April 2012 (nur "Die Alchemie des Alltags"). Der Katalog "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" ist bei DuMont erschienen und kostet 39,95 Euro. Der Katalog "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" kostet 79,90 Euro
Bildunterschrift:
Werke von Giuseppe Penone (links), Katharina Grosse (Mitte) und Joseph Beuys (rechts) in der Schau "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart"
Steiner total: Besucherin im Nachbau einer 1913 vom Anthroposophen selbst entworfenen polygonalen Farbkammer in der Ausstellung "Alchemie des Alltags"
