Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 115

Lasziv und verletzlich

Von Konstanze Seifert

VORSCHAU Grenzgänge des Erotischen in zwei großen Fotografie-Werkschauen

Nobuyoshi Araki. Silent Wishes & Sergey Bratkov. Heldenzeiten Haus der Fotografie in den Deichtorhallen, Hamburg, 18.6.-29.8.

Sein erstes Motiv war ein Mädchen, das ihm gefiel. Irgendwann liefen ihm die Tokioter Abiturientinnen hinterher, wollten unbedingt von ihm fotografiert werden, nackt in der Dusche, verschnürt und verknotet, an Seilen von der Decke baumelnd.

"Kinbaku" nennt man im Japanischen das erotische Fesseln, das Nobuyoshi Araki mit einer "metaphysischen Umarmung", einem "Akt der Liebe" vergleicht. Im Westen sorgte er mit seinen Bildern für Aufregung. Aber der 1940 in Tokio geborene Fotograf kann auch anders - und zwar ganz leise.

Die Hamburger Deichtorhallen zeigen nun in einer gemeinsam mit dem Museum der Moderne Salzburg erarbeiteten Schau den schüchternen Araki, der jenseits von Sex und Skandal in der frühen Serie "Meine Frau Yoko" (1967/75) seiner Frau mit der Kamera nachspürt. Momente von Privatheit sind das, in denen er ihr beim Leben zusieht. Und beim Sterben: Immer wieder sieht man die todkranke Yoko in "Winterreise" (1989/90) liegend, weggewandt, in sich gekehrt. Der Fotograf lässt ihr diesen Raum - und dokumentiert dabei das eigene Abschiednehmen.

Zeitgleich zeigt das Haus der Fotografie in Kooperation mit dem Fotomuseum Winterthur die erste große Werkschau des 1960 geborenen russisch-ukrainischen Fotografen Sergey Bratkov. Er schildert den Alltag nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Kinder, die halb lasziv, halb verletzlich so verführerisch sein wollen, wie es Erwachsene manchmal sind - und scheitern.

Sekretärinnen, die in Unterwäsche und Stöckelschuhen auf ihrem Schreibtischstuhl sitzen und sich in Sachen Sexappeal versuchen - und ebenfalls scheitern. Bratkovs Porträts schildern Versuche, die irgendwo auf dem Weg zum Erfolg steckenbleiben, ins Groteske kippen. Das Überholte der Sowjetzeit, das Antrainierte des Postkommunismus - Bratkov zeigt, wie viel Klischee beidem anhaftet. Die Kataloge sind in den Verlagen Bibliothek der Provinz (Araki, 22 Euro, im Buchhandel 34 Euro) und Scheidegger & Spiess (Bratkov, 45 Euro) erschienen

Bildunterschrift:

Mit der Serie "My Wife Yoko" (1967/75) dokumentierte Araki das Leben und Sterben seiner Frau

Links "Sasha" aus Sergey Bratkovs Serie "Kids" (2000), rechts "Mickey Mouse" aus der Serie "Juvenile Detention" (2001)