Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 129

Raus mit dem Familiensilber

Von Hans Pietsch

MARKT Alte Meister bringen Spitzenpreise - Englands Adel nutzt die Gunst der Stunde und verkauft bevorzugt Gemälde aus dem Familienerbe

Was tun, wenn das Dach leckt und die Kasse leer ist? Woher das Geld für die Reparatur nehmen, ohne zu stehlen? Earl Spencer weiß Rat: einen Teil des Familiensilbers verscherbeln. Und so wird Lady Dis kleiner Bruder im Juli bei Christie's zusammen mit weiteren Kunstwerken, Porzellan und seltenen Möbelstücken zwei Gemälde versteigern lassen, die schon seit über 200 Jahren im Familiensitz Schloss Althorp in der Grafschaft Northamptonshire hängen: "Feldherr von Pagen in Rüstung gekleidet" vom großen Peter Paul Rubens und "König David" vom italienischen Barockmaler Il Guercino. Auf zwölf Millionen (rund 13,5 Millionen Euro) und acht Millionen Pfund werden die Bilder geschätzt, 30 Millionen Pfund will der Earl für die insgesamt 500 Lose einstreichen. In der Liste der englischen Superreichen von 2009 wurde der Earl mit einem Vermögen von 91 Millionen Pfund aufgeführt.

Und er ist beileibe nicht der einzige Schlossbesitzer, der in diesen harten Zeiten angeblich am Hungertuch nagt. Der Earl of Rosebery - geschätztes Vermögen von 60 Millionen Pfund - will das Gemälde "Modern Rome - Campo Vaccino" von William Turner verkaufen. "Eines der bedeutendsten Werke des Malers, die jemals versteigert wurden", prahlt das Auktionshaus Sotheby's und erwartet 18 Millionen Pfund, wenn es im Juli unter den Hammer kommt.

Zum Leidwesen der National Gallery of Scotland, wo es seit 1978 als Leihgabe hing.

Sowohl der Earl of Devon als auch Lord Hastings haben die Kunst in ihren Schlössern bereits erfolgreich ausgedünnt. Sie befinden sich damit in illustrer Gesellschaft: Der Duke of Sutherland veräußerte 2009 für 100 Millionen Pfund gleich zwei Werke von Tizian: "Diana und Aktaion" und "Diana und Kallisto". Er tat dies, um seinen "Besitz neu zu gewichten", so die clevere Erklärung. Nun darf man in Zeiten der Rezession mit den Adligen schon ein bisschen Mitleid haben. Der Wert ihres Grundbesitzes sackte ab, riskante Geld anlagen verbrannten Kapital. Und nun droht auch noch die Erbschafts steuer. Gut, dass der Markt für Altmeister sich nach kurzem Zittern rasch erholt hat. Das muss man sofort ausnutzen.

Bildunterschrift:

Auch das erlesene Sèvres-Porzellan (um 1786) aus Schloss Althorp will Earl Spencer verscherbeln

Earl Spencer

Wird im Juli versteigert: Peter Paul Rubens Gemälde "Feldherr" (um 1613/14)