Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 124

"Irgendwann werden wir alle zu Aktivisten"

Von Ute Thon

PREMIERE Auf dem Filmfest in Venedig gewann Shirin Neshat mit dem Kinodebüt "Women without Men" 2009 den Preis für die beste Regie. Jetzt kommt die hoch aktuelle politische Parabel der iranischen Künstlerin in die deutschen Kinos

art: Frau Neshat, Sie sind bekannt für konzeptuelle Fotos und Videoinstallationen.

Warum sind Sie jetzt ins Kinofach gewechselt?

Shirin Neshat: Ich war immer nomadisch, wenn es um die Wahl meiner Medien ging. Es liegt in meiner Natur, mich zu häuten, auch wenn das in der Kunstwelt nicht gern gesehen wird. Außerdem war ich frustriert von den vielen Biennale-Teilnahmen. Ich hatte das Gefühl, jetzt gehöre ich zu dem Kreis von Leuten, die Ware für eine sehr exklusive Kunstweltelite produzieren. Am Kino mag ich, dass es demokratischer ist. Man findet ein total anderes Publikum, das niemals in eine Kunstgalerie oder ein Museum gehen würde.

Wie unterscheidet sich die jetzige Filmarbeit von früheren Werken?

Als bildender Künstler arbeitet man zunächst immer mit Konzepten, während man als Filmemacher Geschichten erzählt. In meinen früheren Arbeiten hatten die Figuren keine Identität, sondern waren bewegliche Skulpturen. Die größte Herausforderung war für mich, ob ich mich überhaupt in Figuren hineindenken und eine Geschichte erzählen kann, die die Zuschauer über 90 Minuten in den Sitzen hält.

Ihr Film handelt vom Militärputsch 1953 im Iran, eine wahre Geschichte also. Sie erzählen sie jedoch wie ein Märchen. Warum?

Ich bin jemand, der sich mit Realismus schwer tut. Ich fand, wir sollten uns dem politischen Thema mit allegorischen Mitteln nähern. Ich wollte keine Geschichtslektion erteilen, sondern symbolhaft den Kampf eines Volkes zeigen, das sich über eine Diktatur erhebt.

Muss Kunst für Sie politisch sein?

Nein. Doch Künstler wie ich, die aus politisch zerrütteten Ländern stammen, haben oft keine andere Wahl. Ich frage mich jeden Tag, was passiert im Iran, was geschieht mit meiner Familie ...

Deshalb habe ich keinen freien Kopf, um etwas anderes machen zu können.

INTERVIEW:

Bildunterschrift:

Strahlende Siegerin: Shirin Neshat 2009 in Venedig