Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 62-66

Von Taten und Leiden des Lichts

Von Thomas Wagner

Vor 200 Jahren erschien Goethes Farbenlehre. In der Naturwissenschaft konnte er damit nicht reüssieren. Künstler aber haben sich immer wieder daran orientiert. Was heute daran beeindruckt, ist der ganzheitliche, der menschliche Ansatz

Welch Absonderlichkeit. Ein berühmter Dichter und Minister wendet, wie er selbst sagt, "die Mühe eines halben Lebens" an die Beschäftigung mit dem Licht und den Farben, hält das Ergebnis gar für wichtiger als seine dichterischen Werke und legt sich dabei auch noch mit den Naturwissenschaften an, auf deren Feld er nur ein Dilettant ist. Man stelle sich vor, so etwas geschähe heute. Und während Napoleon Europa mit Krieg überzog, empfand Johann Wolfgang von Goethe den 16. Mai 1810, jenen Tag, an dem die Erstausgabe der vollständigen Schrift "Zur Farbenlehre" in der Cotta'schen Buchhandlung erscheint, als "Befreiungstag". Über 20 Jahre liegt das Erweckungserlebnis da schon zurück, das zu dem monumentalen Werk geführt hat. Das Interesse des Augenmenschen Goethe an der farbigen Schönheit der Welt war auf seiner Italienreise von 1786 bis 1788 wiederbelebt worden. Er aquarelliert mit Freude, labt sich an mediterranen Landschaften und römischer Malerei. Doch so sicher er sich auf dem Feld der Dichtkunst bewegt, so sehr sucht er auf dem der bildenden Kunst nach Orientierung. Folgen die Maler, so fragt er sich, wenn sie Farben verwenden, nur einer unreflektierten Gewohnheit? Oder lässt sich den Farben, als physischen Erscheinungen, von der Seite der Natur beikommen und so größere Sicherheit im Umgang mit ihnen gewinnen?

Farberscheinungen haben Goethe von früh an beschäftigt. Nun aber erregt ihn ein Experiment des Physikers Isaac Newton, das in dessen "Opticks" von 1704 dokumentiert ist. Newton hatte einen Lichtstrahl in einem abgedunkelten Raum mittels prismatischer Brechung in verschiedenfarbige Strahlen zerlegt und diese durch eine Sammellinse wieder zu weißem Licht zusammengeführt.

Als Goethe Anfang 1790 selbst ein Prisma vors Auge hält, erwartet er, auch die weiße Wand seines Zimmers würde aufgrund der prismatischen Brechung viele Farben zeigen. Umso mehr überrascht es ihn, dass diese nach wie vor weiß bleibt und nur da, wo "ein Dunkles" daran stößt, sich "eine mehr oder weniger entschiedene Farbe" zeigt. Auf der Grundlage von Newtons Theorie lässt sich durchaus erklären, was Goethe sieht: Tatsächlich bildet jeder Punkt einer durchs Prisma betrachteten weißen Wand ein farbiges Spektrum, doch überlagern sich die Einzelspektren und mischen sich abermals zu Weiß. Für Goethe indes ist die Sache klar: "Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass eine Grenze notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische Lehre falsch sei." Hier irrte der Dichter. Und doch entstand aus seinem Irrtum ein furioses, vielschichtiges und bis heute umstrittenes Werk darüber, wie wir Farben wahrnehmen. Doch während seine Farbenlehre bei Künstlern wie Philipp Otto Runge und William Turner Anklang fand, konnten sich seine Ansichten gegen Newtons Theorie des Lichts in der Wissenschaft seiner Zeit nicht durchsetzen. Für Goethe sind Farben "Taten des Lichts, Taten und Leiden". Sie entstehen, wenn Helligkeit und Finsternis aufeinandertreffen.

Was bedeutet, dass die Addition von Spektralfarben niemals weißes Licht ergeben könne. Es ist diese Dualität aus Licht und Finsternis, die das Grundmuster der Farbenlehre bildet. An ihr richtet Goethe seine eigenen Versuche aus, und aus ihnen entwickelt er ein eigenes, komplementäres Farbspektrum. Überspitzt kann man sagen: Für Newton sind alle Farben im weißen Licht der Sonne enthalten, für Goethe in der Dunkelheit.

Doch damit nicht genug. Wenn Goethe davon spricht, wir müssten uns Farben und Licht "als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will", so versteht er unter "Natur" etwas völlig anderes als Newton. Nur wenn man erkennt, dass Goethe - der Germanist Albrecht Schöne hat es ausgeführt - Licht als ein genuin religiöses Phänomen verstanden hat, begreift man die Heftigkeit, mit der die Auseinandersetzung geführt wurde. Offenbar sucht Goethe das Göttliche in der Anschauung der Natur und findet es "in lumine et coloribus". Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Grundlage seines Weltbilds. Deshalb versucht er klarzustellen: Mensch und Welt sind nicht getrennt, sondern durch die Vermittlung des Auges untrennbar miteinander verbunden.

Und eben das erweist sich in den Farben.

Die "Farbenlehre" besteht aus drei Hauptteilen: einem didaktischen, der Goethes eigene Erkenntnisse präsentiert, einem polemischen, der sich gegen Newton wendet, und einem historischen, der Theorien zu Farbe und Licht von der Urzeit bis ins 18. Jahrhundert rekapituliert.

Mag Goethe auch später - recht überheblich und stur - zu Protokoll geben, er sei "unter Millionen der Einzige", der über das Phänomen der Farbe das Rechte wisse, so beweist er in der Sache doch Mut, als er dem großen Gelehrten auf dem Gebiet der Optik einen Irrtum unterstellt. Aus Goethes Sicht liegen die Dinge so: Wer den farbigen Abglanz eines Sommertags auf einen dünnen Strahl reduziert und das Licht durch ein enges Loch in die düstere Kammer eines Inquisitors zwingt, es dort auf die prismatische Folter spannt und ans Kreuz seiner Irrlehre schlägt, der wendet Gewalt an und nötigt die Natur dazu, zu bekennen, was er wissen wolle. Dabei übersehe er, dass die Natur geprägt sei vom historisch veränderlichen Zusammenhang aller Wesen und deren beständiger Metamorphose. Wie anders klingt es, wenn Goethe seine eigenen Empfindungen beschreibt. Auf einer Harzreise, als er bei sinkender Sonne vom Brocken heruntersteigt, erlebt er, wie sich dem "gelblichen Ton des Schnees" leise "violette Schatten" beimengen und ein "gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen" widerscheint.

Und als die Sonne dabei ist, ganz zu versinken, verwandelt "sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün" gleicht.

Er glaubt, sich "in einer Feenwelt" zu befinden. Wie sollte das Künst ler nicht faszinieren? Sehen wir nicht genau das, wenn wir die gemalten Schatten auf den Bildern eines Edvard Munch betrachten?

So weigert sich Goethe immer wieder, die Unzuverlässigkeit und die Begrenztheit unserer Sinneserkenntnis anzuerkennen, Subjekt und Objekt, Beobachter und Natur in verschiedenen Sphären anzusiedeln. Er will die erfahrbare Welt des Individuums davor schützen, auf winzige Ausschnitte reduziert zu werden, also attackiert er eine Naturwissenschaft, die die "sinnlich-sittliche" Qualität der Natur aus dem Auge verliert. Epoche konnte Goethe in seiner Zeit damit nicht machen. Doch werden wir, die wir zur Naturvernichtung und zur Selbstvernichtung fähig geworden sind, seine "Farbenlehre" wohl mit neuen Augen lesen müssen.

Ausstellung: Vom 19. Juni 2010 bis 19. Juni 2011 zeigt das Goethe-Nationalmuseum in Weimar eine umfassende Schau zum Jubiläum der Farbenlehre.

Unter dem Titel "Augengespenst und Urphänomen" werden Zeichnungen, Aquarelle, Mineralien, Präparate, Stoff- und Tapetenproben aus Goethes Sammlungen präsentiert, dazu historische Instrumente und Versuchsanordnungen, mit denen sich Goethes Versuche nochvollziehen lassen. Im ehemaligen Wohnhaus am Frauenplan nebenan lässt sich von jeher Goethes Farbpsychologie studieren.

Die Räume sind ausgeklügelt temperiert: durch Anstrich und Fresken

Bildunterschrift:

Mit Schirmen wie diesem hielt Goethe im Winter 1805/06 den Weimarer Damen Vorträge zur Farbenlehre

Angewandte Farbpsychologie:

In seinem Haus am Weimarer Frauenplan setzte Goethe Farben strategisch ein - auch um die zahlreichen Besucher zu stimulieren

Farben haben nach Goethe Wirkungen, und zwar "sinnlich-sittliche". In dieser Skizze für das Kapitel "Allegorischer, symbolischer und mystischer Gebrauch der Farbe" von 1809 liegt das "edle" Orange dem "gemeinen" Blau gegenüber

Negativbeispiele: Goethe legte umfangreiche Sammlungen zur Farbenlehre an. Hier verschiedenste Stoffproben, deren Farbzusammenstellung seiner Auffassung von Harmonie widersprachen

Der Erstausgabe war ein Band mit Farbkupferstichen nach Goethes Entwürfen beigegeben.

Links eine Illustration zur Lichtbrechung, rechts eine Tafel mit Farbkreisen und Versuchsanordnungen zur Erzeugung farbiger Schatten. Die Landschaftsszene unten soll zeigen, wie Menschen mit der von Goethe fälschlicherweise diagnostizierten "Blaublindheit" die Welt wahrnehmen