Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 72-81

Die Moderne spricht spanisch

Von Till Briegleb

Mit coolen Projekten in Córdoba, Granada oder León melden sich Spaniens junge Architekten zu Wort. Auch wenn ihre Namen noch nicht auf der Liste internationaler Starbaumeister stehen, überzeugt ihr von Rationalismus und Poesie geprägter Stil. art stellt vier Newcomer-Büros vor

Madrid ist die Hauptstadt der spanischen Architekten - allerdings nicht der spanischen Architektur.

Zumindest nicht der zeitgenössischen.

Nahezu alle Prestigebauten der letzten Jahre wurden in Madrid von internationalen Stararchitekten entworfen: Der Flughafen von Richard Rogers, die Erweiterung des Reina Sofía von Jean Nouvel, das Caixa-Forum von Herzog & de Meuron - nur den Prado durfte José Rafael Moneo erweitern, aber der ist auch der einzige Stararchitekt, den das Land beheimatet.

Auch in den schrecklichen Trabantenstädten, mit denen sich die drittgrößte Stadt der EU in die kastilische Ebene frisst, sind die Hingucker ausländisch: MVRDV, Morphosis, Foreign Office, Wiel Arets oder David Chipperfield dekorieren hier einzelne Schlafburgen in einer städtischen Tragödie aus leeren Boulevards und stummen Blöcken.

Selbst von den vier neuen Wolkenkratzern im Norden Madrids, die bei Planungsbeginn um 2000 den wirtschaftlichen Aufbruch des Landes symbolisieren sollten, stammt nur einer aus einer spanischen Feder.

Enrique Sobejano lacht auf die Frage, ob er sich durch dieses mangelnde Vertrauen in die heimische Baukultur beleidigt fühlt.

Allerdings lacht er auch nur dieses eine Mal.

Der weißhaarige Architekt, der mit seiner Frau Fuensanta Nieto eines der vielen, neuerdings international beachteten Büros Madrids führt, wirkt eher nordisch als feurig.

Mit tiefernster Bedachtsamkeit formuliert er seine Antworten, als laste große Verantwortung auf jeder Aussage: "Verantwortlich da für ist der Bilbao-Effekt", erklärt er das Zwei-Klassen-System in Spaniens Bauwesen:

"Nachdem das Museum von Frank Gehry 1997 eröffnet war, wollte jeder spanische Bürgermeister sein eigenes kleines Guggenheim von einem Stararchitekten." In der Phase des wirtschaftlichen Wohlergehens um die Jahrtausendwende wurde so in den meisten Provinzstädten ein Gebäude als Meilenstein geplant. Die bisherige Werkliste des Büros Nieto Sobejano belegt allerdings beispielhaft, wie die einheimischen Büros von dieser Entwicklung profitierten.

Hat das Paar in seiner Heimatstadt Madrid bisher nur eine temporäre Markthalle errichten dürfen, so konnten sie in den letzten zehn Jahren zahlreiche Kulturbauten von Andalusien bis Zaragoza entwerfen. Denn ganz offensichtlich gab es für den Bilbao-Effekt in der Provinz nicht genug ausländisches Glamour-Design. Die meisten dieser Wettbewerbe wurden von spanischen Architekten gewonnen, die bis dahin keine Stars waren.

Der Nachteil dieser Randlagen war Fluch und Segen zugleich. Es dauerte lange, bis die Welt der Architekturmagazine bemerkte, dass in Spanien auch von Spaniern eigenwillige Architektur entworfen wurde. Diese Missachtung war aber auch ein Schutz, unter dem sich ein charakteristischer Nationalstil bildete, der sich deutlich vom Vokabular der global reisenden Baukünstler unterscheidet, die überall das neue Metropolis versprechen.

Spanische Architektur, so bringt es Enrique Sobejano auf einen Nenner, ist "sehr körperlich und schwer, dem Material verpflichtet, solide und abstrakt". Man könnte es auch eine Renaissance der Klassischen Moderne unter anderen klimatischen Vorzeichen nennen. Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier sind hier Götter, aber in der Hitze Spaniens wird ihre Leichtigkeit eher mineralisch.

Das Archäologische Museum Madinat al-Zahra bei Córdoba von Nieto Sobejano ist dafür ein perfektes Beispiel.

Bis zur Traufe versenkt in die Erde und belichtet von scharf rechtwinkligen, verglasten Höfen, wirken die flachen Gebäude wie eine unterirdische Version von Mies van der Rohes berühmtem Barcelona-Pavillon. Ihr jüngst fertiggestelltes San-Telmo-Museum in San Sebastián dagegen spielt eher mit topografischen Abstraktionen: Ein vielfach geknicktes und gefaltetetes Volumen erscheint als vergrößertes Geröll des dahinter aufragen den Berges und ist mit einer perforierten Doppelwand aus schwerem Gusseisen verkleidet.

Solche verschlossenen Baukörper in nüchternen bis kristallinen Formen, deren Reiz sich durch das harte Tageslicht und seine geschickte Umlenkung ins Indirekte und Diffuse im Inneren ergeben, prägen diesen spanischen Rationalismus, der vermutlich nirgends so rein verwirklicht ist wie bei Alberto Campo Baeza. Der enge Freund von Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano ist charakterlich das ziemliche Gegenteil des akkuraten Kollegen. Er lacht und strahlt mit den Augen beim Reden, verschlampt Termine, findet in dem kleinen Büro aus zwei Zimmern, das Teil seiner Wohnung ist, nichts, was er sucht, und nennt sich selbst "ein Desaster". Seine Gebäude aber sind Monumente geistiger Klarheit, die ihre Poesie durch konzentrierte Reduktion erlangen.

In strahlendem Hochzeitsweiß verbinden sie den Minimalismus von Donald Judd mit der Insichgekehrtheit spanischer Wohnhäuser.

"Ich möchte mit möglichst wenigen Worten ein möglichst großes Staunen erreichen", sagt Baeza. Der offenkundige Widerspruch zwischen der chaotischen Person und dem Anspruch eine "nüchterne, logische, präzise" Architektur zu entwerfen, macht diese rigide Haltung wohl so charmant und gibt den Gebäuden ihre Seele.

Baezas letztes Großprojekt, Andalusiens Museum der Erinnerung in Granada, entwickelt sich aus der Spannung zwischen Kreis und Rechteck, zeigt bei aller Liebe zur mathematischen Abstraktion aber auch den Willen zum Monument. Eine riesige Betontafel mit einem verglasten Aussichtsschlitz erhebt sich über einem dreigeschossigen Podest mit einem ellipsenförmigen Hof. Rampen in Form einer Doppelspirale verbinden die unterschiedlichen Ausstellungsgeschosse und bilden dabei ein dynamisches Detail in einem riesigen abstrakten Stadtobjekt.

Noch frecher bemerkbar machen wird sich in Spanien vermutlich nur noch das neue Internationale Kongresszentrum Madrids von Mansilla und Tuñón, das sich gerade im Bau befindet. Als rund 100 Meter hohe Mondscheibe mit Kratern und einer Oberfläche aus spiegelnden Aluminiumplättchen wirkt es wie ein spöttischer Kommentar zu den vier Wolkenkratzern, hinter denen es aufragt. Gegen die Tor res de Madrid, die mittlerweile weniger wie die neue Stadtkrone denn als Babel der Finanzspekulation wahrgenommen werden (Spanien steckt tief in der Rezession, hat rund 20 Prozent Arbeitslose und schwindende Kreditwürdigkeit), gibt sich das neue Objekt künstlerisch und selbstbewusst.

"Wir fanden es falsch, hier ein öffentliches Gebäude hinzubauen, das die privaten Investitionen respektvoll unterlegt. Warum sollen wir nicht stolz auf unsere Demokratie sein und Schritt halten mit den Türmen?", sagt Emilio Tuñón. Inspiriert von Olafur Eliassons "Double sunset" - einer großen gelben Scheibe, mit der der dänisch-isländische Künstler 1999 in Utrecht einen doppelten Sonnenuntergang simuliert hatte - zeigt der neue Mond von Mansilla und Tuñón etwas, das im spanischen Stil eher selten vorkommt:

Humor. Aber das passt sehr gut zu dem fröhlichen Gespann, das aktuell wie kein anderes Büro für den neuen Aufbruch in Spaniens Architektur steht. Geboren am 1. Januar und 1. Juli 1959 erklären Luis M.

Mansilla und Emilio Tuñón ihre erfolgreiche Zusammenarbeit daraus, "dass wir so völlig unterschiedlich sind". Begeistert von ihren Ideen, Konzepten und Inspirationen und besessen von kulturhistorischen Anekdoten von Marcel Duchamp bis Arne Jacobsen fällt der eine dem anderen dauernd ins Wort, wobei Mansilla mehr den Walter Matt hau und Tuñón den Jack Lemmon dieses perfekten Architekturpaars gibt. Ihre Entwürfe verwenden zwar ebenfalls das typische spanische Repertoire gefalteter Beton skulpturen, die an Steine, Origami oder Vulkane erinnern, aber sowohl im Um gang mit Farbe, mit Materialien wie Vorbildern sind Mansilla und Tuñón eher eigensinnig. Ihr bekanntester Bau, das Museum Musac in León, ist eine wellenförmige Struktur mit fließenden Grundrissen, auf dessen Fassade die riesig aufgepixelte Abbildung eines Kirchenfensters aus der Kathedrale der Stadt mit Sonnenschutzpaneelen nachgebildet ist. Für ein kreisrundes Automuseum bauen sie gerade eine Fassade aus gewürfeltem Autoschrott.

Und für spanische Architekten verwenden sie erstaunlich groß zügige Glasflächen.

Neben der Handschrift Le Corbusiers, dessen expressive Betongebäude deutliche Spuren in ihren Formen hinterlassen haben, steht vor allem Joseph Beuys als ideeller Ziehvater bereit - und wurde lange in allen Entwürfen des Büros als Passant gezeigt.

"Jeder ist ein Architekt", lautet das von Beuys entliehene Motto Mansillas und Tuñóns, mit dem sie ihre demokratische und diskussionsoffene Planungskultur beschreiben.

"Ich glaube", sagt Luis M. Mansilla, "Architekten haben viel zu lange versucht, die Gesetze ihres Berufs zu verheimlichen, weil sie so gerne Schamanen wären. Wir sind aber keine Schamanen. Und deswegen müssen wir die schwarzen Schachteln unseres Wissens öffnen, damit die Menschen verstehen, was Architektur eigentlich ist." Man begegnet dieser Haltung, auf die Menschen zuzugehen und Architektur im Dialog mit den Nutzern zu entwickeln, häufig unter Spaniens Architekten - und das ist vielleicht mit dafür verantwortlich, dass der spanische Stil bei allen künstlerischen Ansprüchen eher reduziert, zurückhaltend und leicht verständlich auftritt. Allerdings ist die se Lehre auch nicht ganz freiwillig gezogen worden. "Als Architekt in Spanien wird man wie ein Verdächtiger behandelt", sagt Alberto Veiga vom Büro Barozzi Veiga in Barcelona:

"Der Grund ist leicht zu verstehen, wenn man einmal an die Küste fährt. Das dort verursachte Architekturtrauma erklärt auch, warum es in Spanien eine Bewegung gibt, die zurück zur Einfachheit strebt." Zwischen den Eindrücken brutaler Bettenburgen mit zahllosen Bauskandalen auf der einen und schillernder Importarchitektur wie Jean Nouvels Torre Agbar in Barcelona auf der anderen Seite entstand für Spaniens Architekten im vergangenen Jahrzehnt die Notwendigkeit, sich neu zu positionieren - und da lag ein Rückgriff auf die starke modernistische Tradition Spaniens nahe. "Natürlich sind wir alle Nachkommen der großen rationalen Meister", sagt Emilio Tuñón, und damit meint er die Bewahrer der Moderne aus der Franco- Zeit, Francisco Javier Sáenz de Oiza, Alejandro de la Sota und José Antonio Coderch de Sentmenat sowie ihre Nachfolger José Rafael Moneo und Juan Navarro Baldeweg.

Leider kam just zu dem Moment, in dem sich die Stärke dieser Rückbesinnung zu einer spanischen Originalität zu entfalten begann, die große Krise. Monströse Projekte wie die Justizstadt am Flughafen Madrids in Form von 14 herausgeputzten "Autoreifen" liegen ebenso brach wie der private Markt. Das Ausweichen ins übrige Europa ist für große Büros wie Nieto Sobejano, die in Halle (Saale) das Museum der Stiftung Moritzburg umgebaut haben und jetzt Projekte in München und Graz planen, ebenso überlebenswichtig wie für kleine wie Barozzi Veiga, die mit ihren stark abstrahierten, mineralischen Baukörpern im Moment vielleicht die ästhetische Essenz des spanischen Stils verkörpern. Ihre ersten Projekte, etwa eine Konzerthalle in Águilas und eine Weinzentrale in Roa, harren im Rohbau der Vollendung. Aufwändig gebaut wird in Barcelona nur noch im Vorzeigedistrikt 22@ im Schatten des Torre Agbar. Hier steht auch die Minder heitsmeinung zum spanischen Stil, das Media-Tic von Enric Ruiz-Geli. Der Chef des Büros Cloud 9 ist der Paradiesvogel unter Spaniens Architekten, hat lange Robert Wilson bei seinem Theater assistiert, selbst Kunstaktionen veranstaltet, war in New York und Hamburg zu Hause und verkörpert bei Spaniens Suche nach der schönen Stabilität das sprühende und technoide Element. Er hat eine Bibliothek entworfen, deren Fassade aus weit in den Himmel ragenden Glasfaserstäben besteht, die dort Windenergie sammeln. Die Villa Nurbs, die er für einen Privatmann entworfen hat, könnte in jedem Science-Fiction als Raumgleiter durchgehen. Und das Media-Tic sieht aus wie ein Enkelkind des Centre Pompidou, je doch angestrichen mit einem Phosphatmineral, das nach Sonnenuntergang fünf Stunden grüngelb vor sich hin glimmt.

Außerhalb Madrids und Barcelonas, deren Architektenschaften eine ähnliche Schmähbeziehung führen wie die dortigen Fußballvereine, gibt es in Spaniens Regionalstädten noch viele bemerkenswerte Büros: RCR in Olot, Francisco Mangado in Pamplona, Fernando Menis auf Teneriffa oder Irisarri und Piñera aus Vigo. Und für eigentlich all ihre Entwürfe gilt, was Enrique Sobejano über künstlerische Qualität sagt: "Alles, was schön und eindrücklich ist, sieht einfach aus." Das ist der neue spanische Stil, der gerade auszieht, die Welt zu erobern.

Bildunterschrift:

Mies van der Rohe im Erdreich: Das Archäologische Museum "Madinat al-Zahra" bei Córdoba von Nieto Sobejano stülpt die Eleganz der Klassischen Moderne nach innen. Versenkt im Boden, verschließt es sich gegen die andalusische Sonne, entfaltet innen aber eine kühle, filigrane Strenge

Die Rationalisten: Das Architektenpaar Nieto Sobejano fühlt sich den Baumeistern der Klassischen Moderne verpflichtet

Die Lichthöfe des Museums erinnern im Stil von Mies' berühmtem Barcelona-Pavillon an die Patios arabischer Häuser

Neben der Renaissance der Klassischen Moderne prägen gefaltete und kristalline Bauskulpturen den neuen spanischen Stil. Das Kongress-Zentrum für die Expo 2008 in Zaragoza von Nieto Sobejano türmt Erdwellen zu Fabrikhallengröße

Poesie des Rationalen: Kongress- und Ausstellungszentrum Mérida von Nieto Sobejano

Bisher konnten Nieto Sobejano ihre Entwürfe vor allem in der Provinz realisieren, in Madrid setzt man auf internationale Stars

Kunstvolle Lichtführung und das Spiel von Schwere und Schweben wie in Mérida sind charakteristisch für die neue spanische Architektur

Baezas Haus Guerrero bei Cádiz ist umgeben von einer acht Meter hohen Mauer in Granada erzeugt Wirkung mit puristischen Mitteln und den starken Kontrasten, die das harte Licht des Südens erzeugt

Die weiße Moderne in reinster Form kultiviert Alberto Campo Baeza. Sein Museum der Erinnerung

Der Minimalist: Alberto Campo Baeza verbindet mathematische Abstraktionen mit poetischer Monumentalität

Strengste Klarheit auch im Inneren: Die rigide Geometrie erzeugt mit lichter, rationaler Architektur eine klösterliche Atmosphäre

Materialfarben geben in Spanien zwar den Ton an. Mit der bunten Fassade für das Museum Musac in León haben Mansilla und Tuñón trotzdem internationale Preise gewonnen

Die Eigensinnigen: Mansilla und Tuñón verbinden die Handschrift Le Corbusiers mit Humor und Witz

Ein Mond geht auf bei den Torres: Kongresszentrum (Simulation) von Mansilla und Tuñón in León haben Mansilla und Tuñón trotzdem internationale Preise gewonnen

Das Media-Tic von Cloud 9 in Barcelona glüht nachts in Phosphorfarben

Die Paradiesvögel: Cloud 9 überrascht mit energiesparender Architektur und Science-Fiction-Ästhetik

Minderheitsmeinung unter den spanischen Architekten: Enric Ruiz-Geli mit seinem Büro Cloud 9. Die skurrile Villa Nurbs, die er für einen Industriellen entworfen hat, wirkt wie ein Raumgleiter aus Star Wars

Die Fassade ist ein Symbol für Öko-Tech.