Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 108

Bis zu den Knien im Sumpf

Von Mirja Rosenau

VORSCHAU Die Neuentdeckung eines amerikanischen Ausnahmekünstlers

Charles Burchfield Whitney Museum of American Art, New York, 24.6.-17.10.2010

Er war nicht geisteskrank und auch kein Außenseiter. Im Gegenteil: Gleich im ersten Jahr richtete das gerade eröffnete New Yorker MoMA 1930 Charles Burchfield (1893 bis 1967) prominent eine Einzelausstellung aus. Gezeigt wurden allerdings nicht seine realistisch gemalten Industrialisierungsszenen, für den ihn Amerika kannte.

Vielmehr trat er mit frühen, um 1917 entstandenen Aquarellen auf, die mit so eigensinnigen Formen und so ungewöhnlicher Pinselführung überraschen, dass man tatsächlich meinen könnte, sie seien weit abseits des Kunstbetriebs in schöner Unschuld entstanden.

Tatsächlich hatte Burchfield Kunst studiert, und seine hauptsächlich aus der Anschauung des eigenen Gartens gewonnenen Abstraktionen folgten einer ausgeklügelten Systematik. Die Natur transportierte für ihn eine überwiegend gedrückte Grundstimmung, der Burchfield in meist verregneten Szenen und scheinbar naiv-animistischen Zeichen Ausdruck gab: Tannen sehen aus wie Gespenster, einem Monster gleich stürzt sich der Sturm auf ein kleines Haus, die Luft vibriert in Zickzacklinien, unter Busch und Baum tun sich plan schwarze Abgründe auf.

Als Thema benannte Burchfield ein in der Kindheit empfundenes, durch Witterung begünstigtes Grundgrauen.

Im New Yorker Whitney sind nun Aquarelle, Notizbücher, Skizzen, Korrespondenzen sowie von Burchfield entwickelte Tapeten- und Camouflagemuster zu sehen, die der Künstler Robert Gober zu einer großartigen Retrospektive mit dem Titel "Heat Waves in a Swamp" (Hitzewellen im Sumpf) zusammengetragen hat. Er sehe sich selbst als bis zu den Knien im Morast stehend, hatte Burchfield einmal notiert, "die lebendige Schönheit malend, die ich da sehe, auf meine eigene Art, ohne mich um Traditionen zu scheren oder darum, was andere denken". Der Katalog ist bei Prestel erschienen, 39,95 Euro

Bildunterschrift:

Unterm Busch lauert das Grauen: Burchfields "The Insect Chorus" (1917, 51 x 38 cm)