Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 110

Fischskelett und Chaiselongue

Von Joachim Hauschild

VORSCHAU Eine Retrospektive lässt die französische Gestalterin und Innenarchitektin Charlotte Perriand aus dem Schatten Le Corbusiers hervortreten

Charlotte Perriand Museum für Gestaltung Zürich, 16.7.-24.10.2010

Man kennt das: Bis heute werden der Sessel mit beweglichem Rücken und die Chaiselongue unter den Bezeichnungen LC1 und LC4 hergestellt. "LC" für "Le Corbusier".

Doch in Wahrheit hat Le Corbusier sie mit seinem Vetter Pierre Jeanneret entworfen, und generell war eine Frau für sie zuständig: Charlotte Perriand. Als die 24- Jährige 1927 in das Atelier in der Pariser Rue de Sèvres eingetreten war, sei sie frostig vom Meister empfangen worden. "Hier", habe er mit Blick auf ihre Zeichnungen gesagt, "werden keine Kissen gestickt." So berichtet es die französische Gestalterin in ihrer Autobiografie "Une vie de création".

Charlotte Perriand (1903 bis 1999) hat sich selbst nie als "Designerin" gesehen. Sie wollte vor allem: die Umwelt gestalten. Nach der Trennung von Corbusier zehn Jahre später - sie blieben lebenslang Freunde - wendet sich Perriand verstärkt dem Holz zu, dem sie freie Formen abgewinnt, und entwickelt ein Interesse für "objets trouvés", gefundene Gegenstände. "Das sind unschein bare Objekte", sagt der Ausstellungskurator Andres Janser: "Steine, Hühnerknochen, eine Fischgräte." Diesen Dingen, die sich im Nachlass fanden, werden im Zürcher Museum für Gestaltung Fotografien gegenübergestellt, die Perriand selbst machte. Janser: "Erst da durch wird deren formale Qualität deutlich." Auf annähernd 1000 Quadratmetern präsentiert die Schau rund 350 Objekte, darunter Sammlerstücke aus dem Besitz des Schweizer Architekten Arthur Rüegg, viele aber auch aus der aktuellen Produktion der Firma Cassina, "damit die Leute das auch benutzen können und ein Gefühl dafür bekommen", wie Janser sagt. Ergänzt werden die Objekte durch die fast maßstabsgetreue Rekonstruktion großer Foto-Text-Collagen, die Perriand zum Teil gemeinsam mit Fernand Léger gestaltete. So für den Pariser "Salon" von 1936, wo sie eine didaktisch überzeugende Fotowand präsentierten, die dem Pariser Wohnungselend preiswerte Möbel gegenüberstellte. Hier wird das gesellschaftliche Engagement von Charlotte Perriand besonders deutlich. Weitere Stationen: Petit Palais, Paris; Musée Nicéphore Niépce, Chalon-sur-Saône (hier nur Fotografien).

Es erscheint eine begleitende Publikation von Jacques Barsac: "Perriand et la photographie - L'oeil en éventail"

Bildunterschrift:

Von unscheinbaren Objekten wie dem "Rückenwirbel eines Fisches" (Fotografie von Charlotte Perriand, 1933) zum rafinierten Designobjekt ("Stuhl Ombre", um 1934)

Perriand auf einer mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret gestalteten Chaiselongue