Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 40-47

Countdown in Düsseldorf

Von Camilla Pus, Hartmut Ngele

Museen sind glanzvolle Horte von Sicherheit und Ordnung, Direktoren halten schöne Eröffnungsreden. Soweit das Klischee. Wir begleiteten Marion Ackermann, die in Düsseldorf gleich zwei große Museen neu einrichtet, in der letzten Bauphase - und trafen eine Managerin, die mit viel Verantwortung und unerschütterlichem Optimismus das Chaos regiert

CAMILLA PÉUS

9 UHR: FLIESEN FÜR SARAH MORRIS UND BLEISTIFTE FÜR SOL LEWITT "Das ziehen wir jetzt durch", sagt Marion Ackermann zu ihren Kollegen am großen Konferenztisch und blickt auf den DIN-A3- Bogen vor ihr, eng bedruckt mit Linien, Daten und farbigen Zeitleisten. Der Plan ist eine Art Countdown bis zum 10. Juli, dem Tag, an dem die 45-jährige Direktorin das K20 am Grabbeplatz mit rund 5000 Ausstellungsquadratmetern wiedereröffnet. "Wo brennt es noch?", fragt sie. Stefanie Jansen, Leiterin des Ausstellungsmanagements, will wissen, wo die Arbeit von Sol LeWitt realisiert werden soll. "Er braucht einen ruhigen Ort." Noch befindet sie sich in der Galerie Konrad Fischer, wo der Künstler sie mit vielen Bleistiften und Assistenten 1969 an die Wand zeichnete. Seine damaligen Mitarbeiter leben in Amsterdam, sie müssen gebucht werden, um die Konzeptarbeit aufs Neue zu zeichnen. "Und was ist mit der 27 Meter langen Kachelwand von Sarah Morris am Paul-Klee-Platz? Werden die Fliesen tatsächlich erst Mitte Juni geliefert", fragt Marion Ackermann und zeigt zwei Stirnfältchen zwischen ihren blassen Sommersprossen:

"Dann muss man halt mal Wochenendund Nachtarbeit machen." Doch der Fliesenleger protestierte, er könne seine Leute nicht länger als zehn Stunden arbeiten lassen und auch keine Zusatzkräfte einsetzen.

Solch eine präzise Arbeit müsse schließlich aus einem Guss kommen. Marion Ackermann bleibt gelassen. Die Direktorin, die aus Göttingen stammt und über Wassily Kandinsky promovierte, ist abgehärtet: Schon als sie mit 38 Jahren, als damals jüngste Museumsdirektorin Deutschlands ans Kunstmuseum Stuttgart ging, hatte sie mit Wasserrohrbrüchen und defekten Stromleitungen zu kämpfen. Bei ihrem Düsseldorfer Einstand vor knapp einem Jahr folgte dann prompt der Streit um das Monumentalwerk "Deutschlandgerät" von Reinhard Mucha.

Marion Ackermann zog den Abbau der Rauminstallation in Betracht, viele Künstler und Museumsdirektoren protestierten aufs Schärfste (art 12/2009). Der Ausgang des Disputs ist ungewiss. Doch eins fällt schnell auf: Marion Ackermann ist willensstark, eine die anpacken kann. Nun tritt sie an, um ein Mammutprojekt zu bewältigen. Nach zweijähriger Erweiterung und Sanierung des K20 revolutioniert sie das Konzept des Hauses und wagt eine Neupräsentation der Sammlung - auf die Gefahr hin, dass die Düsseldorfer "ihre alte" Ordnung vermissen.

Im K21 im Ständehaus am Schwanenspiegel lässt sie internationale Kunststars 26 Künstlerräume inszenieren und eine Hightech- Medienwerkstatt einrichten, und ins ehemalige Galeriehaus von Alfred Schmela lädt sie zu Diskussionsforen. Die junge Generalintendantin verdichtet, verjüngt und verwandelt die Inszenierung weltberühmter Kunstwerke in zwei der bedeutendsten Museen Deutschlands.

In dem Stammhaus, erbaut und erweitert von dem dänischen Architektenbüro und Arne-Jacobsen-Schülern Dissing + Weitling, das seit Jahrzehnten bekannt ist als Schrein für die Klassische Moderne und Schlüsselwerke von Warhol, Rauschenberg und Pollock, wird sie auch Gegenwartskunst zeigen.

Glattem Mainstream gegenüber ist sie jedoch skeptisch. Ihre Maxime: die beiden Museen zu beleben, ohne das von "Qualitätspapst" und Gründungsdirektor Werner Schmalenbach, der die Kunstsammlung NRW von 1962 bis 1990 aufbaute, und seinem Nachfolger Armin Zweite gesetzte hohe Niveau zu verlassen. Durcheinander wirbeln wird sie es dennoch. Auch Jacobsens Ameisen-Stühle werden nicht mehr im Museumscafé stehen. "In ein paar Tagen kommt die Künstlertruppe van Lieshout", berichtet die Direktorin. "Die Holländer liefern uns archaisch-farbige Möbel für das neue Literaturlokal Lieshout." 10 UHR: "INTENSIF STATION" "Intensif Station" - mit f heißt Marion Ackermanns großes Projekt für das K21.

Der Titel stammt von einem Werk des Schweizers Thomas Hirschhorn. Er und 27 andere Künstler, darunter Monica Bonvicini, Lucy Skaer und Nathalie Djurberg, installieren in den Räumen rund um den Lichthof des palastartigen Gebäudes ihre Arbeiten. "Und die Hirschhorn-Arbeit passt jetzt durch den Eingang - die gesamte Installation kommt geschnitten an", sagt Marion Ackermann und lächelt triumphierend. "Mir war es bisher zu nett im Ständehaus, das wird sich mit der ‚Intensif Station' ändern." Auch im Lichthof selbst wird mehr passieren: Alle zwei Jahre sollen hier Großinstallationen realisiert werden. Zurzeit schraubt sich die halsbrecherische Wendeltreppe von Monika Sosnowska bis zum Skulpturenpark unter der Glaskuppel empor.

11 UHR: BAUSTELLEN-TESTS VON OLAFUR ELIASSON Mit großen Schritten eilt die Museumschefin durch die staubigen Hallen des K20. Vor einem alten Blumenfenster, einem Lichtschacht über dem Eingang, den Armin Zweite abdecken ließ, wartet die Kuratorin Doris Krystof auf zwei Assistenten von Olafur Eliasson, die aus Berlin anreisen, um Nebeltests durchzuführen. "Sie machen uns farbige Dampfwolken, die man von allen Etagen aus sieht", sagt sie. "Wenn es funktioniert, sind wir schon ein großes Stück weiter", befindet Marion Ackermann unerschütterlich optimisch.

12 UHR: KUNSTKÄUFE FÜR MILLIONEN In einem leeren Café in der Düsseldorfer Altstadt trifft die Direktorin den Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde der Kunstsammlung Robert Rademacher zum Vier- Augen-Gespräch. Es geht um Neuankäufe.

Sie präsentiert Farbkopien einiger Arbeiten, die ihr Rosemarie Trockel gerade auf der Baustelle gezeigt hat. Ihr Favorit: ein minimalistisches Strickbild, pur wie eine monochrome Malerei. Robert Rademacher signalisiert Zustimmung: "Wir sind Erfüllungsgehilfen und haben immer auf den Pfiff des Direktors gehört." In Relation zu anderen deutschen Kunsthäusern operiert man in Düsseldorf jährlich mit rund zwei Millionen Euro Budget - einen Großteil davon machen die Zuwendungen des mächtigen Museumsfreundeskreises mit über 1000, häufig prominenten Mitgliedern aus.

Der elegante Herr mit dem Einstecktuch verspricht noch einen Ausbauetat für die Museumsbibliothek. "Ich habe auch noch eine schöne Idee für die Freunde", sagt Marion Ackermann und strahlt ihn an: "Eine Italienreise auf den Spuren von Beuys, wie finden Sie das?" 14 UHR: KRISENSTIMMUNG IM BAUCONTAINER Die Wände sind gepflastert mit Grundrissen.

Marion Ackermann blättert in ihrem knallroten Notizbuch und fordert von der Bauleitung eine realistische Einschätzung des Zeitplans. Schnell wird klar, die Arbeiten dauern länger als geplant, die Termine zur Anlieferung der Kunst wackeln. Dann meldet auch noch der Chefrestaurator Werner Müller Bedenken an: "Wir können mit Klee, Mondrian, Chagall und Picasso nicht einziehen, wenn das Klima nicht stabil ist", warnt er. Die Testphase sei zu knapp. Stirnrunzeln und fahle Gesichter. "Wenn die Künstler ihre Werke installieren, wie funktioniert das mit dem Sicherheits..."? Dröhnendes Bohrgeräusch schneidet Marion Ackermann das Wort ab. Hunderte Leute müssen überwacht werden. Niemand weiß Rat. Die Stimmung schlägt um, der Ton wird gereizt. Hagen Lippe-Weißenfeld, kaufmännischer Direktor der Museen, sucht nach Kompromissen. Marion Ackermann lächelt zynisch: "In Stuttgart hatte ich drei Monate zum Einziehen mit der Kunst - hier habe ich drei Wochen." Aber natürlich hätte sie einen Plan B, verrät sie.

16 UHR: TITELKONFERENZ MIT BEUYS Welches Porträt von Beuys soll auf das Cover des Katalogs? Beuys ohne Hut am Strand von Kenia? Oder glamourös im Pelzmantel?

Aufnahmen des Künstlers gibt es viele, aber mit welchem Motiv wird Eva Beuys, die von Düsseldorf aus jede beuyssche Museumsinitiative verfolgt, glücklich sein? Gemeinsam mit der Kuratorin Isabelle Malz plant Marion Ackermann anlässlich der zweiten Düsseldorfer Quadriennale im Herbst die Ausstellung "Parallelprozesse" im K20.

"Für die Retrospektive haben wir Werke ausgeliehen, von denen es hieß, dass sie ihren Standort nie wieder verlassen würden", sagt Marion Ackermann. Etwa die Arbeit "The Pack (das Rudel)" aus Kassel mit VW-Bus und 24 Schlitten, oder "Zeige deine Wunde" aus dem Münchner Lenbachhaus. Auch der Katalog soll überraschen. Isabelle Malz hält einen Probedruck gegen das Licht. Das Papier ist voller Fettflecken, ein neues Verfahren, bei dem Bindemittel als fünfte Farbe eingesetzt wird. Die Anspielung ist der Museumschefin zu offensichtlich. Sie wünscht sich eine einzige dezente "Fettecke" im Essayteil des Buchs.

17 UHR: KURATORENRUNDE MIT ÜBERRASCHUNG Die vier Kuratorinnen des Hauses und zwei Volontäre nehmen auf den Ledersesseln im Chefbüro Platz. Der Computer auf dem Schreibtisch ist aus. Neben ihm liegt eine Unterschriftenmappe mit dem Betreff "Leihgaben".

Beinahe täglich kommen Anfragen ins Haus. Die Kunst wird deshalb ständig neu gehängt. Auf dem Boden stehen Holzmodelle des K20, die alte und die neue Halle.

An die Miniaturwände hat Marion Ackermann bis zu postkartengroße Abbildungen einiger Kunstwerke der Sammlung zur Probe geklebt. "Imi Knoebel hat sich gewünscht, neben Lucio Fontana im Neubau zu hängen", erzählt sie mit leuchtenden Augen, die auch nach dem fünften Meeting noch hellwach sind. "Dazu passen Gerhard Richters vier ornamentale Silikatbilder." In einem anderen Raum versammelte sie eine Installation von Tony Cragg, Fotografien von Thomas Demand und die realistisch gemalten Apparaturen von Konrad Klapheck - weil Demand ihr anvertraute, wie interessant Klapheck für sein eigenes Werk ist. Neugierig beugen sich die Kollegen über die Mini-Kunsträume. Doch Marion Ackermann hat umgedacht: Die Entscheidung sei ihr schwer gefallen, doch die Sammlung wird nicht zur Eröffnung in die obere neue Halle einziehen. Die Klimatestphase ist zu kurz, die Aufbauzeit zu knapp. Aber sie hätte zwei schöne Alternativen. Jetzt präsentiert sie den Kollegen den Plan B aus dem Baucontainer: Der belgische Künstler Kris Martin könnte einen Riesenballon landen lassen. Im Raum darüber der Bildhauer Michael Sailstorfer eine Arbeit aus LKW-Planen installieren. "Die Werke korrespondieren sogar mit Warhols silberfarbenen Heliumballons und Eliassons Wolken - vielleicht wird das noch schöner als die Sammlungspräsentation!", sagt sie und schaut erwartungsvoll in die Gesichter der Kuratoren.

Man glaubt es ihr sofort. Das Selbstbewusstsein und die Begeisterungsfähigkeit für derartige Entscheidungen gewann sie schon am Lenbachhaus, wo Helmut Friedel sie ausbildete. "Er hat mir das rein akademische Denken ausgetrieben und mir von Anfang an sein Vertrauen gegeben. Schon nach zehn Tagen musste ich für eine Kollegin einspringen und eine riesige Ausstellung eröffnen." UM 19:30 UHR SITZT MARION ACKERMANN IM TAXI AUF DEM WEG NACH HAUSE Ihre Augen sind plötzlich klein und müde.

Wie baut sie den Druck ab? "Das beste Rezept sind meine Kinder, vor allem meine vier Monate alte Tochter - da muss ich zwangsläufig umschalten", sagt sie. "Aber vier Abendtermine pro Woche sind das Maximum.

Ich bin kein Szenemensch und habe mir geschworen, nie zur Art Basel Miami Beach zu gehen. Ich suche lieber das direkte Gespräch mit Künstlern, besonders gern mit Karin Sander, Olaf Nicolai, Katharina Grosse und Thomas Demand, wegen ihrer Klarheit und Intelligenz. Eigentlich habe ich auch eine sehr introvertierte Seite.

Nur jetzt vor der Wiedereröffnung durchlebe ich eine rauschhafte Phase." Gleich morgen früh geht der Countdown weiter:

Um 7.30 Uhr steht ein Interviewtermin im NRW-Frühstücksfernsehen an. "Ach, das ziehe ich jetzt durch."

Info Kunstsammlung NRW Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf gilt als "geheime Nationalgalerie" Deutschlands mit Schlüsselwerken der Klassischen Moderne und der internationalen Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte der Sammlung begann 1960 mit dem Ankauf eines großen Konvoluts von Werken Paul Klees. Gründungsdirektor war Werner Schmalenbach, der bis zu seiner Pensionierung 1990 mit großem Gespür für Qualität und erheblichen Mitteln kontinuierlich sammeln konnte.

1986 wurde der Neubau am Grabbeplatz mit seiner markant geschwungenen Steinfassade (heute K20 genannt) eröffnet, 2002 das umgebaute Ständehaus am Schwanenspiegel (K21) als Dependance für die zeitgenössische Kunst.

2009 löste Marion Ackermann Armin Zweite, der auch den Erweiterungsbau und die Sanierung des K20 durchgesetzt hatte, als Direktorin ab. Am 10. Juli wird das Haus am Grabbeplatz wiedereröffnet, dazu die neue Ausstellung "Intensif Station" im K21. Bis zum 25. Juli ist der Eintritt in beiden Häusern frei!

Info: www.kunstsammlung.de

FOTOS: HARTMUT NÄGELE

Bildunterschrift:

Wenn "Installation" plötzlich ganz wörtlich gemeint ist:

Das Knäuel neben Marion Ackermann ist keine zeitgenössische Skulptur, sondern ganz gewöhnlicher Kabelsalat

Die Kunstsammlung NRW bekommt im Hof ihres Stammhauses am Grabbeplatz einen Erweiterungsbau

"Das ziehen wir jetzt durch", sagt Marion Ackermann zu ihren Kollegen am Konferenztisch und blickt auf den DIN-A3-Bogen vor ihr, eng bedruckt mit Linien, Daten, Zeitleisten

Das neue Café für das K20 von Atelier van Lieshout, hier noch in einer 1:1-Simulation

Baustellenbegehung: Während noch über Sicherheits- und Klimafragen diskutiert wird, hängt die Direktorin im Geiste schon die Bilder

Sammlungsleiterin Anette Kruszynski (links) und Managerin Stefanie Jansen

Monika Sosnowskas Stahltreppe ist das erste der Lichthofprojekte im K21

"Wir können mit Klee, Mondrian und Chagall nicht einziehen, wenn das Klima nicht stabil ist," warnt der Restaurator. Die Testphase sei zu knapp. Stirnrunzeln und fahle Gesichter.

Thomas Hirschhorns Installation "Intensif-Station" (Projektskizze) wird geschnitten angeliefert

Bange Mienen im Baucontainer: Bei der Besprechung wird klar, dass der Zeitplan für die Eröffnungsausstellung mit fragilen Meisterwerken nicht zu halten ist

Vermittlung ist alles: Im Schmela-Haus läuft eine Diskussionsreihe zu Beuys

Im Gespräch mit Robert Rademacher, Vorsitzender des Freundeskreises

Ein Terminplan wie bei Politikern: Schon 7.30 Uhr erklärt Marion Ackermann beim NRW-Frühstücksfernsehen, wie die Bauarbeiten laufen

In den Oberlichtsälen am Grabbeplatz wird letzte Hand angelegt

Museum en miniature: Am Modell des K20 wird Platzierung der Werke erprobt

"Vielleicht wird das sogar schöner als die Sammlungspräsentation!", sagt Marion Ackermann und schaut erwartungsvoll in die Gesichter der Kuratoren. Man glaubt es ihr sofort

Das K20 wird nach Erweiterung wieder eröffnet

Das K21 residiert im umgebauten Ständehaus