Ausgabe: 07 / 2010
Seite: 8-19
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"Das Gastmahl bei Trimalchio" ist Teil eines antiken satirischen Romans. Darin versucht ein neureicher Römer, den Gästen seines Gelages mit erotischen Darbietungen und gastronomischen Pomp zu imponieren, offenbart jedoch nur umso deutlicher seine Geschmacklosigkeit.
Das gleichnamige Fotoszenario der russischen Künstlergruppe AES+F kommentiert den postsowjetischen Protz-Lifestyle des neuen Bürgertums. Zur Ausstellung "Sexuality & Transcendence" im Pinchuk Art Centre in Kiew wurde das Panoramabild in einer Markthalle installiert: unten die Arbeit, oben das Vergnügen.
"Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube" von Peter Paul Rubens um 1609/10 (links) und "Frau aus Flamen", 2009/10 des österreichischen Künstlers Arnulf Rainer: Original und Übermalung sind noch bis zum 5. September in der konzentrierten Werkschau zu sehen, die die Alte Pinakothek in München Arnulf Rainer zum 80.
Geburtstag ausrichtet
Eine riesige Blase ragt über dem Eingang des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe aus einem Fenster: Oase Nr. 7 von der Gruppe Haus-Rucker-Co wurde erstmals 1972 auf der Documenta 5 gezeigt, nun ist sie Teil der Ausstellung "Klimakapseln" (bis 8. August). Durch einen schleusenartigen Ausgang gelangt man in das Sehnsuchtsidyll, bestehend aus einer Hängematte zwischen zwei Palmen - ein symbolischer Notausstieg oder doch nur eine erneute Gefangenschaft im städtischen Alltag?
Grün, Blau, Gelb, Rot, Weiß und Orange sind die Farben des Zauberwürfels von Ernö Rubik. Der Designer Konstantin Datz hat einen "Cube für Blinde" in Brailleschrift entworfen. "Das absichtliche Weglassen der Farben, die den Würfel auch für Sehende spielbar machen würde, bekommt so auch einen pädagogischen Effekt", sagt Datz. Und einen ganz neuen Schwierigkeitsgrad.
Drei 55-geschossige Hochhäuser mit 963 Hotelzimmern, einem 125 Meter langem Pool, 1000 Spieltischen, 1400 Spielautomaten und 4000 unterirdischen Parkplätzen: Auf einer künstlich aufgeschütteten Halbinsel am Rande von Singapurs Innenstadt ist das Rundumwohlfühl-Resort Marina Bay Sands entstanden. Der von dem israelisch-kanadischen Architekten Moshe Safdie entworfene 5,4-Milliarden-US-Dollar-Komplex mit Casino, Kongresszentrum, Theater und Shoppingmeile lädt ab Ende Juni zur kollektiven Bespaßung ein.
KUNSTWISSEN FÜR ANGEBER (3)
Selbstmord, Sex und sonstige Spitzenreiter • 55, Grundschullehrerin, linksliberal - diese drei Attribute charakterisieren durchschnittliche Besucher dänischer Museen. • Der US-Kunstkritiker Jerry Saltz hat über 4800 Freunde bei Facebook. • Der unter Kunsthistorikern populärste Künstler ist Caravaggio: Von Mitte der achtziger Jahre an erschienen deutlich mehr Bücher, Aufsätze und Artikel zu Caravaggio als zu Michelangelo. • Der einflussreiche Düsseldorfer Galerist Konrad Fischer arbeitete unter dem Pseudonym Konrad Lueg auch als Maler. • Des Künstlers Selbstmordtechniken: Vincent van Gogh und Ernst Ludwig Kirchner erschossen sich, Mark Rothko und Diane Arbus nahmen eine Überdosis Pillen und schnitten sich die Pulsadern auf, Nicolas de Staël stürzte sich vom Balkon, Arshile Gorky erhängte sich und Bernard Buffet erstickte sich mit einer Plastiktüte. • René Magritte, bekannt für sexuelle Anspielungen, könnte mit seinem Werk "Ceci n'est pas une pipe" noch auf etwas anderes anspielen: "Pipe" heißt umgangssprachlich auf Französisch auch "Oralsex". • Die höchste Statue der Welt, der Spring Temple Buddha in China, ist 128 Meter hoch
KITSCH-TREND Der Trend kommt aus dem Design: Seit Jahren lassen junge Gestalter typisch deutschen Kitsch wieder auferstehen. Ihre Läden tragen Namen wie "Heimatdesign", und man kann sich darin kaum retten vor Hirschgeweihen und Kuckucksuhren, die aber immer cool gestaltet werden, damit sie in unserer von globaler Popkultur geprägten Welt wieder akzeptabel sind. Nun wendet sich auch die Kunst den einst verschmähten Objekten zu. Stefan Strumbel macht etwa aus Kuckucksuhren schrillen, grotesken Metakitsch - aber die Pointe ist doch immer dieselbe: Eine Dosis Schwarzwald ist gut für die Seele.
"Jeder Künstler möchte lebendige Werke erschaffen", sagt Aleksey Alekseevich Potupin alias Aljoscha, 36. Seine filigranen, amorphen "Bioism"-Objekte wirken wie lebende Organismen, bestehen aber aus bunten Acrylfäden und sind inspiriert von der Bio- und Gentechnologie. Der in der Ukraine geborene Künstler inszeniert sie gerne wie Street Art und hat sie sogar schon einmal in einen Discounter gebracht - um dort dann die irritierten Reaktionen der Kunden zu fotografieren.
Stundenlanges Sitzen, permanente Wachsamkeit und manchmal eine Ad-hoc-Kunstkritik - das wird von Museumsaufsichten erwartet. Und obwohl viele von ihnen selbst Künstler sind, bleiben sie meist unerkannt. New Yorker Aufsichten wollen das ändern und haben ein eigenes Kunstmagazin entwickelt:
SW!PE zeigt jetzt die Zeichnungen, Malerei, Gedichte und Fotos des kreativen Personals.
Der anhaltende Hype der Internetseite Chatroulette gründet in ihrem anarchischen Reiz:
Per Zufallsprinzip verbindet sie die eigene Webcam mit einer der anderen, rund 20 000 gleichzeitigen Benutzer. Weckt das Gegenüber kein Interesse, genügt ein Klick und das Bild wechselt zum nächsten unzensierten Unbekannten. Wer im folgenden Kampf um Aufmerksamkeit nicht mit Nichtbeachtung bestraft werden möchte, ist zu schrillen Aktionen fast verdammt. Punkten können aber da nur Exhibitionisten, Kostümfetischisten und andere Alltagsjecken.
Die italienischen Netzkünstler Eva und Franco Mattes setzten einfach einen drauf und erweckten während ihrer Online-Performance "No Fun" den Eindruck, der zufällige Chatpartner habe sich erhängt. Was wie ein schlechter Scherz daherkommt, entfaltet seine eigentliche, viel beklemmendere Wirkung aber aus entgegengesetzter Perspektive: aus Gesichtern nämlich, über die sich nach einem ersten Johlen über den nächstgrößeren Wahnsinn, ein leiser Zweifel legt, ob hinter dem grellen Geflimmer nicht doch der Ernst des Lebens lauern könnte. Zu sehen auf: www.0100101110101101.org
FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (20)
Katharina, 6, über Francisco de Goyas "Spanisches Vergnügen" (1825) aus der Serie "Stiere von Bordeaux":
Vier Stiere versuchen, die Menschen anzugreifen. Das gefällt mir nicht, denn die Menschen können sich dabei verletzen oder sogar sterben. Manche Menschen auf dem Bild haben Angst und versuchen wegzulaufen. Andere gucken einfach zu. Die, die zugucken, sind sicher vor den Stieren - die brauchen keine Angst zu haben. Vorne in der Mitte ist ein Mann, der hält einen Sack in der Hand. Vielleicht will er den Stier damit fangen. Ich habe noch nie einen echten Stier gesehen, aber dafür eine Kuh auf einem Bauernhof. Kühe sehen zwar so ähnlich aus wie Stiere, sind aber viel lieber. Wenn mich ein Stier angreifen würde, würde ich ganz schnell wegrennen und nach einem Klettergerüst suchen - denn da kommt kein Stier rauf! Ich mag keine Bilder, auf denen Menschen oder Tieren wehgetan wird. Neulich waren wir im Museum in Berlin in der Walton-Ford-Ausstellung, und da gab es ganz viele Bilder mit Tieren, die gequält wurden. Das fand ich total doof und wollte ganz schnell wieder aus der Ausstellung raus.
Oldenburgs Vertriebenendenkmal beim Aufbau in China
Man könnte mal wieder ein Lamento anstimmen:
Magnetschwebebahnen, Exportweltmeistertitel - jetzt wird auch noch ein für Oldenburg geplantes Vertriebenendenkmal nach China abgegeben.
Insa Winkler hatte es entworfen, der Stadtrat wollte sich jedoch nicht durchringen, es zu bauen.
Die Verwaltung der Millionenstadt Ordos in der Inneren Mongolei im Norden Chinas war weniger zimperlich und erwarb das Denkmal für die Parkanlage ihres Kunstzentrums. Schlimm, schlimm!, klagt der Deutsche vorschnell, ohne zu wissen, wovor ihn sein zäher Demokratieapparat da eigentlich geschützt hat. Das vor naiver Symbolik nur so strotzende Denkmal ließe sich nämlich nur allzu leicht in jene Reihe von Mahnmalen schlechten Geschmacks einreihen, die allenthalben als "Kunst im öffentlichen Raum" herhalten. Ach ja und bitte, liebe Chinesen, könnten Sie nicht unsere ganzen verfehlten Stadtbrunnen und Plastikmaskottchen des Stadtmarketings gleich mit dazunehmen?
Wir machen auch einen guten Preis!
JUNGES DESIGN Die Pariser Designer von Atypyk sind Meister der doppelten Funktion - und doppelt hält bekanntlich besser!
So braucht, wer den Glauben verloren hat, auf sein Kreuz nicht zu verzichten.
Zumindest, wenn er die Regeln des französischen Brettspiels Solitaire beherrscht. Ein Sparvorschlag ist die Doppelfunktion des atypischen T-Shirts "Human Torso".
Auf teure Lehrmittel könnte schließlich verzichtet werden, wenn das TShirt des Biologielehrers auch gleich die inneren Organe zur Anschauung bringt. Und selbst die heimische Toilette ist reif für eine zweite Identität: als Ready-Made. Der "R.Mutt"- Aufkleber, der Duchamps berühmte Pissoir-Signatur imitiert, erhebt aber auch jede andere Schüssel in den Rang eines Kunstwerks.
ZUFALL? KUNST! (2)
Doppelte blaue Linie - entdeckt von Ariel Schlesinger in Frankreich Haben auch Sie Kunst im Alltag entdeckt? Jedes abgedruckte Bild wird mit 50 Euro belohnt: photo@art-magazin.de
Bildunterschrift:
"Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube" von Peter Paul Rubens um 1609/10 (links) und "Frau aus Flamen", 2009/10 des österreichischen Künstlers Arnulf Rainer: Original und Übermalung sind noch bis zum 5. September in der konzentrierten Werkschau zu sehen, die die Alte Pinakothek in München Arnulf Rainer zum 80.
Geburtstag ausrichtet
Fühlen statt Se hen:
"Rubiks Cube für Blinde" von Konstantin Datz
Aljoscha-Skulptur im Discounter - verkauft nach 13 Minuten Organische Street Art: Aljoschas "Object #100" in Düsseldorf
Neues Paradies für Zocker: Das Mega- Casino von Moshe Safdie in Singapur
Neugierige Passanten - und "Bioism"-Objekt in Wien
Verfremdet, verpoppt, geliebt:
Kuckucksuhr von Stefan Strumbel
Neues Kunstmagazin von und für Museumsaufsichten
Kein Spaß: die Online-Performance des Künstler-Duos Eva und Franco Mattes
Diese Designobjekte wollen eins nicht sein: eindeutig!
