Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 144
Nur bedingt göttlich
Von
Der Historiker Volker Reinhardt und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp sind dem Genie des Ausnahmekünstlers Michelangelo auf der Spur
Als größten aller Künstler, gar als "göttlich" priesen schon Zeitgenossen Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564).
So erstaunlich seine Skulpturen, Fresken und Bauten sind, so unausstehlich war er dabei als Mensch: starrsinnig, cholerisch und notorisch vertragsbrüchig, stets bereit, auch höchstrangige Auftraggeber vor den Kopf zu stoßen. Volker Reinhardt sucht das Phänomen Michelangelo nun aus dessen Familiensinn zu erklären. Vor allem zum Ruhm der eigenen Sippe habe sich der Spross alten, aber heruntergekommenen Adels durch seine Kunst über Fürsten und Päpste zu erheben gesucht. Dieser Gedanke, durch Schriftquellen plausibel untermauert, begründet jedoch eher Michelangelos Ehrgeiz als seinen Erfolg. Im Übrigen wird die Karriere des Künstlers im Kontext seiner Zeit lebhaft und eingängig beschrieben, oft aber auch oberflächlich, spekulativ und weitschweifig.
Michelangelos Arbeit als Festungsbaumeister der kurzlebigen Florentiner Republik von 1527 findet man konkreter und schlüssiger von Horst Bredekamp geschildert.
Dessen fünf in einem schlanken Bändchen gesammelten Michelangelo-Aufsätze, etwa zur Entstehung des Grabmals Julius' II., sind eine lohnende, wenngleich fordernde Lektüre. Bredekamps These, die Ästhetik des Unvollendeten bei Michelangelo entspringe der nicht zu bewältigenden Fülle von Projekten, lässt sich übrigens auf diese beiden Bücher übertragen: Den Texten der höchst fruchtbaren Autoren hätte gern ein gründlicher Lektor den letzten Schliff geben dürfen. B. H.
Volker Reinhardt: Der Göttliche. Das Leben des Michelangelo.
C. H. Beck Verlag. 381 S., 78 Abb., 24,95 Euro Horst Bredekamp: Michelangelo. Fünf Essays. Verlag Klaus Wagenbach. 124 S., zahlr. Abb., 22,90 Euro
