Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 147
Wunderbarer Irrsinn
Von Ulrike Von Sobbe, Ralf Schlter
Der Kunstbuchhändler Florian Sautter über die Lust, in Zeiten des Internets einen Buchladen zu führen, krisenresistente Kundschaft und Fahrradfahren
RALF SCHLÜTER \ ULRIKE v. SOBBEWie kann sich ein Buchladen in Zeiten des Internets behaupten? All diese Bücher hier kann man ja auch im Netz bestellen.
Die Frage ist berechtigt. Viele unserer Kunden informieren sich vorab übers Netz, aber das Besondere an diesem Laden sind natürlich die Themen, die wir präsentieren.
Das sind Publikationen, die über ihren textlichen Inhalt hinaus noch ganz andere Dinge transportieren, das Buchdesign spielt eine wichtige Rolle, Fotografien, Reproduktionen von Kunstwerken. Selbst wenn man diese Bücher im Netz durchblättert, kann man sie nicht so wahrnehmen, wie wenn man sie in der Hand hält.
Welchen Unterschied zur Internetbestellung macht die Beratung?
Viele kommen zu uns, weil sie genau das erwarten und, hoffe ich mal, auch bekommen.
Die meisten sind Künstler, Architekten, interessierte Laien oder Studenten, und nicht wenige haben einen Lieblingsverkäufer.
Es gibt drei Kernbereiche, die von drei Leuten betreut werden, bildende Kunst von Hannes Konter, Fotografie, Film und Grafikdesign von Heike Müller, Architektur und Produktdesign von mir. Im Jahr nehmen wir 4000 bis 5000 neue Titel in unser Angebot auf. Vielleicht wird es aber für die junge Generation ganz normal sein, wenn hinter den Empfehlungen im Netz niemand steht, der für sie erkennbar ist.
Sie sind ja praktisch in der Buchhandlung aufgewachsen.
Kann man so sagen.
Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?
Die Stammkundschaft über die Jahre, immer mehr Leute, zu denen ich eine enge Bindung habe, dabei entstehen sogar freundschaftliche Beziehungen. Wenn ich die Verlagsprogramme durchforste, weiß ich oft gleich, was für wen interessant wäre, und wenn es dann auch noch passt, macht das richtig Spaß. Das kann sicher kein Internet leisten. Was wir hier machen, ist vielleicht betriebswirtschaftlich gesehen Irrsinn. Aber es ist das, was uns Freude macht, und das, was uns ausmacht.
Verkaufen sich Bücher über Malerei besser als Architekturbände?
Erstaunlicherweise scheint die bildende Kunst krisenresistent zu sein. Da gehen die Umsätze nicht zurück. Dafür wollen die Leute offensichtlich immer noch Geld ausgeben.
Sind Sie zufrieden mit Ihrem Standort an der Admiralitätsstraße?
Wir sind nur fünf Minuten vom Jungfernstieg entfernt, eigentlich im Herzen von Hamburg, haben mit Galerien und Ateliers ein tolles Umfeld, und durch die neue Hafencity kommen viele Leute, die uns entdecken.
Hinrich und Gisela Sautter haben die Buchhandlung vor 40 Jahren gegründet. Hatten Sie schon als kleiner Junge vor, den Laden später mal zu übernehmen?
Mein Lebenslauf hört sich ziemlich geradlinig an. Aber ich habe lange überlegt, ob ich einsteige.
Als ich klein war, war es immer aufregend, in den Laden zu kommen, ich habe mich dann gleich in der Comic-Ecke verdrückt.
Eigentlich wollte ich Jura studieren, habe dann aber doch eine Buchhändlerlehre gemacht und hinterher Kunstgeschichte studiert. Danach wollte ich probieren, wie es sich anfühlt hier zu arbeiten, und fand es so wunderbar, dass ich dabei geblieben bin. Seit 2000 bin ich da, seit 2006 bin ich Inhaber.
Hatten Ihre Eltern das von Ihnen erwartet?
Eigentlich haben die gesagt, mach mal lieber was anderes. Nicht weil sie den Laden nicht lieben, im Gegenteil, aber mit einem Geschäft, wie wir es betreiben, kann man nicht reich werden. Nicht materiell reich, sonst schon. Ich komme jeden Morgen mit guter Laune in den Laden, ich brauche nicht noch ein Auto, ich fahre sowieso Fahrrad.
INTERVIEW: RALF SCHLÜTER, ULRIKE v. SOBBE
Bildunterschrift:
Inmitten von rund 50 000 Büchern:
Florian Sautter, 40, betreibt die Kunstbuchhandlung Sautter + Lackmann, die seit 40 Jahren in Hamburg ansässig ist
