Ausgabe: 06 / 2010

Die Verlierer der Wende

INTERVIEW Der Künstler Phil Collins, 40, hat für seine Arbeit "Marxism Today" ehemalige Staatsbürgerkunde-Lehrer der DDR befragt

SUSANNE ALTMANN

Den Film zu seinem Projekt stellt der Brite ab 11. Juni auf der 6. Berlin-Biennale (siehe Seite 84) vor. Anschließend will Collins mit den einstigen Lehrern ein Marxismus- Programm für Schüler im englischen Manchester entwickeln Wie kamen Sie auf die Idee, Ex-Staatsbürgerkundelehrer aus der Versenkung zu holen?

Ich bin in den achtziger Jahren im England von Margaret Thatcher aufgewachsen, in einem Schulsystem, wo Marxismus als Tabu galt. Wir nahmen die Könige von England durch, die industrielle Revolution und den Zweiten Weltkrieg - alles aus britischer Sicht.

Auf meinen späteren Reisen in den Balkan habe ich dann viele Gespräche über den dortigen sozialistischen Bildungskanon geführt und begann, mich für den Marxismus als Schulfach zu interessieren.

In Zeitungsannoncen haben Sie sich an jene Lehrkräfte gewandt, die nach dem Mauerfall ihre pädadogische Daseinsberechtigung verloren haben. Wie war das Echo?

Es war überwältigend, denn es meldeten sich über 40 Interessierte; weit mehr, als wir in unserem Projekt berücksichtigen können.

In den letzten Wochen bin ich quer durch Ostdeutschland gereist, von Sachsen bis an die Ostsee und habe die Leute zu Hause besucht.

Wir sprachen nicht nur über den Unterricht von damals, sondern auch darüber, wie sich ihre Biografien in den letzten 20 Jahren drastisch geändert haben. Anders als bei den zahlreichen Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum, geht es bei mir um die Verlierer der Wende.

Hat das aktuelle Interesse am Marxismus auch mit der Wirtschaftskrise zu tun?

Sicherlich, aber für mich ist das auch ein historisches Phänomen. Schließlich startete die marxistische Philosophie damit, dass Karl Marx den Unternehmersohn Friedrich Engels in Manchester besuchte und danach begann, sein "Kapital" zu schreiben.

In diesem Sinne möchten Sie den deutschen Marxismus nach England zurückimportieren?

In den letzten zehn Jahren hat sich der öffentliche Diskurs radikal entpolitisiert. Die Schüler reden heute nur noch über Entertainment, Konsum, Preise und den Dresscode von Lady Gaga. Insofern bietet unser Vorhaben eine Alternative, eine Art Realitätsprüfung.

INTERVIEW: SUSANNE ALTMANN

Bildunterschrift:

Unterwegs in Ostdeutschland: Phil Collins

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