Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 8-18

Studio

Von

ART-NATIONALMANNSCHAFT ZUR FUSSBALL-WM Wer gehört ins Nationalteam der deutschen Kunstszene? Wir präsentieren unseren Traumkader zur WM. Im Tor: Gerhard Richter, die sichere Bank für Markt und Museen; er hält den Kasten der deutschen Kunst ästhetisch und finanziell sauber. In der Innenverteidigung der Routinier Spies, der unbedeutende Malerei souverän ins Abseits laufen lässt und Christov-Bakagiev, deren Documenta 13 kein Eigentor werden darf. Biesenbach übernimmt die Raumdeckung auf amerikanischem Territorium, Hug bringt die Art Cologne mit konsequentem Pressing wieder ins Spiel. Die Mittelfeld- Raute bilden Ackermann, die die Gegenwartskunst mit Moderne-Bezügen nach hinten hin absichert, der Frankfurter Leitwolf Hollein, seit Jahren erfolgsverwöhnter Publikumsliebling, Stoschek, Sammlertalent mit spektakulären Alleingängen, und Kittelmann, Berliner Spielmacher mit Sinn für spontane Aktionen.

Die Sturmspitzen Richter und Rauch machen die Tore: Sie bringen konstante Leistungen und schnelle Erfolge, der eine kommt von links, den anderen sehen Beobachter rechts am stärksten.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (19)

Carlotta, 5, über "Das blaue Mädchen in der Sonne" (1910) von Ernst Ludwig Kirchner:

"Ich sehe einen Schmetterling. Der sitzt auf dem Kopf von einer Frau. Der ist ganz weit geflogen und ruht sich jetzt von seiner Reise aus. Ein bisschen komisch ist nur, dass die Frau ganz blau ist! Eigentlich sind Menschen nämlich hautfarbig.

Vielleicht ist die Frau hingefallen und hat ganz viele blaue Flecken. Vielleicht soll das Blaue auch sagen, dass sie nass ist! Vielleicht war sie gerade schwimmen.

Sie ist ja am Strand und sitzt in einem Sandberg. Aber eigentlich sind Menschen nach dem Schwimmen nicht blau, sondern immer noch hautfarben - nur sauberer.

Blau wird man eigentlich nur, wenn man sich anmalt. Aber eigentlich malt man sich nicht überall an, sondern nur im Gesicht.

Meine Mama macht das jeden Tag an den Augen und Lippen - aber nicht blau! Irgendwie sieht die Frau traurig aus: Sie lässt die Arme so hängen und den Mund auch. Vielleicht hätte sie gerne noch ein paar Leute mit am Strand. Na ja, zumindest ist der müde Schmetterling bei ihr - der wird bestimmt bald ihr Freund."

ZUFALL? KUNST! (1)

Farbfeldmalerei - gefunden von Tore Rinkveld, an einer Hausecke in Berlin.

Haben auch Sie Kunst im Alltag entdeckt?

Jedes abgedruckte Bild wird mit 50 Euro belohnt: photo@art-magazin.de

Für die Designerin Patricia Urquiola ist ein Auto ein familiärer Lebensraum, in dem ge- arbeitet, geredet, gelesen, gestritten und ge- liebt wird. Als BMW und der Textilhersteller Kvadrat die derzeit erfolgreichste Frau der Designwelt baten, zum Mailänder Möbelsalon eine Installation mit dem BMW 5er Gran Turismo zu konzipieren, entwarf die gebürtige Spanierin Accessoires wie Kissen, Kindersitz, Leselampe - und drehte anschließend das Innenleben des Fahrzeugs nach außen. Das gesamte Interieur wurde so zu einer Kartografierung des mobilen Alltags.

"Wenn man bedenkt, dass die Documenta nur alle fünf Jahre stattfindet und den Status quo der Kunst abbilden soll, dann kann man sich entweder auf eine kurzfristige, modische und damit der Albernheit preisgegebene Grafik einlassen oder man kann dem Motto folgen "konzeptionell Konstante, visuelle Variable" (Peter von Kornatzki). Das haben die Kollegen hier gemacht, den Schriftzug von allem Ballast befreit und die Veranstaltung einfach beim Na- men genannt, denn der wird sich nicht ändern. Die "falsche" Schreibweise stellt eine Frage, deren Antwort im ganzen Wort zu finden ist. Ein wenig kann der Zeitgeist sich noch äußern in der Schriftwahl und dem Umgang mit dem Zeichen. So einfach wie folgenschwer. Die mitgelieferte Begründung ist dann allerdings wieder so betroffenheitstriefend und intellektualisiert, dass die wunderbare Idee sich fast selber karikiert."

Eine ganz neue Form von Kunstgenuss bietet seit kurzem das Café des Museum of Modern Art in San Francisco an: Desserts als Hommage an die eigene Sammlung. Im Angebot: Ein "Mondrian Cake" (Vanille- und Red-Velvet-Kuchen mit Schokoladen-Kuvertüre), "Jeff Koons White Hot Chocolate" (weiße Schokolade, Kardamom, Zitronenschale, Marshmallows und Blattgold), serviert in einem ornamentverzierten Teeglas und "Andy Warhol Pop Art Corn" (Popcorn mit Ahornsirup und Erdnuss-Brandy) in einer Art Brillo-Box.

KUNSTWISSEN FÜR ANGEBER (2)

Ansturm, Ahnen und Affären • Die weltweit bestbesuchte Ausstellung 2009 war "Ashura and Masterpieces from Kohfukuji" im Natio nal Museum Tokio - mit 15 960 Besuchern pro Tag. "Edgar Degas" in der Hamburger Kunst- halle, die erfolgreichste deutsche Schau, lag mit 1633 Besuchern pro Tag - auf Platz 167. • Für die Vorstudie von Michelangelos Skulptur "Ma- donna mit Kind" in Brügge stand ein Mann Modell . • Der britische Maler Lucian Freud ist der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. • Die Sammlerin Peggy Guggenheim hatte Affären und Beziehungen mit folgenden Künstlern: Max Ernst, Marcel Duchamp, Constantin Brâncusi, Tancredi Parmeggiani, Nat Tate und Yves Tanguy. • Herostratentum, nach dem antiken Brandstifter Herostratos benannt, bezeichnet das zwanghafte Verbrechen Kulturgüter zu zerstören. • August Macke, deutscher Maler des Expressionismus, fiel mit nur 27 Jahren im Ersten Weltkrieg. • Der Street Artist Banksy und der Musiker Fatboy Slim werden vom gleichen PR-Agenten vertreten.

DIE ART-HOME-STORY (35)

Zu Gast bei Cyprien Gaillard

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Contax T2 Mit dieser Kamera mache ich alle Bilder. Das ist die beste Kompaktkamera, die je produziert wurde. Mittlerweile ist es mein fünftes Gerät, sie gehen mit der Zeit kaputt. Beim letzten Mal fand ich es langweilig, schon wieder ein schwarzes Gehäuse zu kaufen. Das goldfarbene Gehäuse wurde anlässlich eines Jubiläums als Sonderauflage produziert. Nun habe ich einen Luxusgegenstand.

Das funktioniert wie Geschmeide: Man braucht sie nur irgendwo auf den Tisch zu legen, und schon fragen die Leute.

Detroit-Compilation Als Teenager war ich oft in Detroit, nur um Schallplatten zu kaufen, die es in Frankreich nicht gab. Wie diese, ein rares Vinyl mit Tracks von Musikern wie Shake oder Claude Young. Gekauft habe ich die Platte direkt von Mad Mike, dem Boss des DJ- und Produzentenkollektivs Underground Resistance. Der ist dort fast so eine Art Bürgermeister. Die Platte ist eine Inspirationsquelle.

Monte Alban Mezcal In der Zeit, als ich die Zapoteken- Ruinen in Südmexiko besucht habe, wurde immer viel gefeiert. Am Ende der Reise habe ich dann diese Flasche entdeckt, und diese Ruine auf dem Etikett hatte plötzlich einen Sinn: der Ort, das Trinken und die Tatsache, dass man sich am nächsten Morgen selbst wie eine Ruine fühlte. Alkoholismus und Architektur - auch da gibt es Zusammenhänge in meinem Werk. Eine heilige Stätte auf dem Etikett einer Schnapsflasche ist für mich keine Profanisierung.

Football-Team-Banner Ein Mitbringsel von meiner letzten USA-Reise: die Flagge der Seminoles - das Football-Team der Florida State University. Die Seminolen waren ursprünglich Indianer, die im 18. Jahrhundert vor der Sklaverei nach Florida flohen. Ein Football-Team so zu nennen ist eine schrecklich rassistische Aneignung, wenn man die amerikanische Geschichte kennt. Mit solchen Anachronismen beschäftige ich mich.

Architecture of Aggression Ein fantastisches Buch über Militärarchitekturen:

Bunker, Panzersperren, überhaupt jede vorstellbare Form von Festung. Man könnte auch sagen: eine Lektion in minimalistischer Plastik. Klar, ich hätte hier auch Paul Virilios "Bunker Archaeology" hinlegen können, aber dieses Buch hat einfach das bessere Cover.

Bildunterschrift:

Ein riesiger "Organismus" wächst und wuchert bis zum 31.

Oktober auf der Dachterrasse des Metropolitan Museum of Art in New York: Die Künstlerzwillinge Mike und Doug Starn verbinden 5000 Stangen Bambus mit 80 Kilometern Nylonschnur zu einer begehbaren Skulptur. "Es musste so groß werden", sagte Doug Starn, "damit man sich kleiner fühlt und einem klar wird, dass wir als Individuen nicht groß sind."

Einst brachten diese Lämpchen die Casinos und Hochzeitskapellen von Las Vegas zum Strahlen, nun liegen sie ausgeknipst und ausgemustert auf dem Neon Sign Boneyard. So einen Friedhof für Leuchtschriften kann es wohl nur in der legendären amerikanischen Wüstenstadt geben. Er ist Teil des "Neon Museum Las Vegas", das es sich seit 1996 zur Aufgabe macht, die alten Schilder als "klassische Kunstform der Stadt" vor der Vernichtung zu bewahren.

Die Sammlung des Museums umfasst mehr als 150 Exponate von den dreißiger Jahren bis heute und soll Aufschluss geben über die Entwicklung einer Stadt, die so eng mit bunt blinkender Leuchtreklame verbunden ist wie keine andere auf der Welt. Mehr Infos unter: www.neonmuseum.org

Ein rotierender Wasserstrahl und Stroboskoplicht - mehr braucht die Installation "Water Pendulum" des Künstlers Olafur Eliasson nicht, um den Berliner Martin- Gropius-Bau in ein ästhetisches Wasserballett zu verwandeln. Für seine Ausstellung "Innen Stadt Außen" (bis 9. August) spielt der dänisch-isländische Künstler wieder mit viel Kunstnebel, Wasser, bunten Lichtern, Schatten und Spiegeleffekten. Kurzum: künstliche Naturphänomene als sinnliches Kunsterlebniss.

Ein hochkarätiger Kader: Die deutsche Kunstszene ist zur WM bestens aufgestellt

"The Dwelling Lab" von Patricia Urquiola auf dem Mailänder Möbelsalon

Eine Regel, flexible Schriftarten: Die neue visuelle Identität der dOCUMENTA - entworfen von Leftloft

Typo-Papst Erik Spiekermann, 63

Lecker, lecker Kunst: Nachtische - inspiriert von Jeff Koons, Andy Warhol und Piet Mondrian

Der französische Künstler Cyprien Gaillard, 30, Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms 2009, in seinem Berliner Atelier (Foto: Nina Lüth)