Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 76-83

Wiedersehen in Kreuzberg.

Von Kito Nedo

Nach dem Mauerfall verlor das Szeneviertel seinen Kultstatus. Jetzt kehren Künstler und Galeristen zurück. Da darf auch nicht fehlen: die Berlin-Biennale!

Berlin Biennale

Für die Oranienstraße fing das Jahr nicht gut an. Mit dem Schwulen- und Lesbentreff "Bierhimmel" und dem Künstlerlokal "Café Jenseits" hatten gleich zwei Szeneinstitutionen in Berlins alter Hauptstraße der Alternativkultur aufgegeben.

"Kneipensterben in Kreuzberg" titelte die "taz". Schuld seien die "rasante Aufwertung des Kiezes" und "exorbitante Mieterhöhungen".

Auch für Ingo Gerken und Stephan Kallage, die beiden Mitinitiatoren des Kunstprojekts "WestGermany" am Kottbusser Tor ist das Verschwinden des "Jenseits" ein Reizthema. Beide stehen vor dem leeren Ladenlokal am Heinrichplatz, in dessen Schaufenster jetzt eine Immobilienfirma Nachmieter für die "beste Kreuzberg-Lage" sucht. Damit passiert im einst legendären Szeneviertel mit einiger Verzögerung das, was in Berlin-Mitte seit der Wende in rasantem Tempo vor sich geht: Kreative Pioniere werden durch die von ihnen betriebene Aufwertung ihres Viertels aus ihm verdrängt.

Dabei wird die Gegend zwischen Checkpoint Charlie und Kottbusser Tor aber gerade auch von jungen Künstlern, Galeristen und Kuratoren als Location wiederentdeckt.

Selbst die Berlin-Biennale, ein Kind des Mitte-Hypes der neunziger Jahre, sehnt sich plötzlich nach Kreuzberger Wirklichkeit.

Mit der Bespielung von rund 2800 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf sechs Etagen in einem leerstehenden ehemaligen Kaufhaus am Oranienplatz bringt Kuratorin Kathrin Rhomberg im Sommer einen großen Teil der Biennale nach Kreuzberg. Ganz bewusst will sie damit einen Wechsel der Perspektive weg von Mitte provozieren, in dem sich das Unternehmen seit 1998, als die erste Berlin-Biennale stattfand, hauptsächlich abgespielt hat (siehe Interview Seite 76).

Auch die "WestGermany"-Macher können auf das schicke Mitte gut verzichten. Eigentlich kommen die Kunstproduzenten zwar aus der Szene um die Brunnenstraße. Doch dort fühlten sie sich irgendwann nicht mehr wohl. "Plötzlich war die Brunnenstraße mit Chichi-Läden zugekleistert." Vergrault von Boutiquen und Cappuccino-Bars, stiegen Gerken und Kallage in die U8 und an der Kreuzberger Haltestelle Kottbusser Tor wieder aus. Am "Kotti" gründeten sie einen Kunstraum ohne "nachgeäfften Galeriengestus" (Kallage). Das "WestGermany", ein nichtkommerzieller Ausstellungsraum, befindet sich mitten in den labyrinthischen Eingeweiden des "Neuen Kreuzberger Zentrums" (NKZ), einer brutalistischen zwölfgeschossigen Wohnanlage aus den frühen siebziger Jahren, als Kahlschlagsanierung im großen Stil das Viertel in Aufruhr versetzte.

Wie ein Monument für stadtplanerisches Scheitern überbrückt der damals von einer privaten Investorengruppe errichtete Komplex seitdem mit 295 Wohn- und 91 Gewerbeeinheiten sowie einem Parkhaus die Adalbertstraße und verwandelt die Dresdener Straße in eine Sackgasse. Ein ursprünglich auf dem Oranienplatz geplantes Autobahnkreuz wurde allerdings nie gebaut.

Am Kotti entzündete sich zum ersten Mal die bürgerliche Gegenwehr, die die Politik schließlich zu behutsamer Stadterneuerung und mehr Bürgerbeteiligung zwang, und es gehört zur Ironie seiner Geschichte, dass das monströse Investorenprojekt aus grauer Vorzeit mittlerweile selbst als das größte Schutzschild gegen Spekulanten und Investoren der Jetztzeit gilt. Neben dem "WestGermany" gibt es im NKZ die Bar "Möbel Olfe", wo sich Abend für Abend die Szene unter einer Möbelskulptur des Bild hauers Philip Wiegard feiert, oder die vor drei Jahren eröffnete Galerie von Kai Hoelzner.

"Hier zu sein" sagt der Galerist, "hat einen elitären Touch. Das ist natürlich absurd, weil es gleichzeitig auch der scheußlichste Ort des Universums ist." Räumlich zieht sich der Stadtteil Kreuzberg vom Anhalter Bahnhof und dem alten Zeitungsviertel um die Kochstraße im Westen bis zur Oberbaumbrücke im Osten, vom Flughafen Tempelhof bis zum Spreeufer. Von den rund 150 000 Einwohnern sind zirka ein Drittel Migranten, viele davon türki scher Herkunft. In den siebziger und achtziger Jahren wurde besonders der südöstliche, von der Mauer an drei Seiten begrenzte Randbezirk SO 36 - so genannt nach dem ehemaligen West-Berliner Postzustellbereich - zum Zentrum der Alternativbewegung und der Hausbesetzerszene.

Dass es die Kunst nach Kreuzberg zieht, verwundert Stéphane Bauer, den Leiter des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien, einer kommunalen Galerie im ehemaligen Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz - und neben dem Hebbel am Ufer (HAU) und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst auf der Oranienstraße eine der traditionsreichen Institutionen - nicht. "Dieser Ort war schon immer durch enormen kulturellen Reichtum gekennzeichnet", weiß Bauer, der seit Anfang der Neunziger hier arbeitet. "Es war immer ein Platz, nicht nur für bildende Künstler, sondern auch für Musiker, Architekten und Designer." Deren Präsenz, so Bauer, nehme in der letzten Zeit nach einer Flaute in den neunziger Jahren wieder spürbar zu. "Seit vier, fünf Jahren gibt es hier eine neue Generation von Leuten und interessanten Projekten." Bauer selbst hat zusammen mit dem Kurator Adrian Nabi und seiner "Backjumps"-Ausstellungsreihe den Kunstraum zum ersten in stitutionellen Ausstellungsort für Street Art in Deutschland gemacht und in einer jungen Szene zu überregionaler Bekanntheit verholfen. Die viel diskutierten "Aufwertungsprozesse" fänden natürlich auch in Kreuz berg statt, aber lange nicht mit der Geschwindigkeit, wie etwa in den östlichen Innenstadtteilen Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Solange Reibungsflächen entstünden, sieht der Kurator die Veränderungen im Viertel positiv. Um zu sehen, ob es funktioniert, muss er sein trutzburghaftes Haus gar nicht verlassen. Seit 2005 nutzen linke Hausbesetzer einen Seitenflügel und zahlen inzwischen sogar Miete wie die anderen Parteien, darunter eine Druckwerkstatt und eine Musikschule.

Einen großen Mieter haben die Linken dennoch vergrault: Das von Christoph Tannert geleitete internationale Atelier- und Ausstellungsprogramm Künstlerhaus Bethanien zieht im Juni an die neue Adresse in der Kohlfurter Straße Ecke Kottbusser Straße. Dafür soll neben neuen künstlerischen Nutzern das Lokal "3 Schwes tern" für neues Leben im ehemaligen Kasino des Hauses sorgen. Dessen Betreiber kennt man bereits aus zwei sehr erfolgreichen Mitte-Ins titutionen: Wolfgang Sinhart ist Mitgründer des Club-Restaurants "White Trash Fast Food" und Michael Böhl ehemaliger Produktionsleiter beim Admiralspalast an der Friedrichstraße. Interessante Fragen werden sich nun hier stellen. Zum Beispiel: Wie hip kann ein Ort wie das Bethanien werden?

Anderswo ist man schon weiter. Der Galerist Javier Peres etwa, der seit 2005 neben seinem Hauptsitz in Los Angeles eine Dependance an der Schlesischen Straße unterhält, investierte nicht wie viele deutsche Galeristen in immer exklusivere Ausstellungsarchitekturen, sondern setzte auf den rauen Charme einer Baracke am Schleusenufer.

Zu den Eröffnungen gibt es billiges Bier in Dosen. Doch wenn Peres hier zu Vernissagen mit Arbeiten des New Yorker Asian-Punk-Boy Terence Koh, des amerikanischen Feinzeichners John Kleckner oder der kanadische Sexploitation-Legende Bruce LaBruce ruft, dann drängelt sich der internationale Easy-Jetset zu Hunderten auf dem Gewerbehof an der Spree und verwandelt die Galerie mit seinem vielstimmigen englischsprachigen Geschnatter für eine kur ze Zeit in einen exterritorialen Ort, der näher am New Yorker Chelsea-Viertel zu liegen scheint als am Gendarmenmarkt.

Wer allerdings echte internationale Galerienballungen sucht, der muss vom Schlesischen Tor in den Westen, zum Checkpoint Charlie, wo die Galerienhäuser in der Lindenstraße, der Rudi-Dutschke-Straße und in der Markgrafenstraße mit einem guten Dutzend Galerien wie Carlier/Gebauer, oder in der Charlottenstraße mit den Galerien September oder Aurel Scheibler/Scheibler Mitte den alten Mitte-Adressen in der Auguststraße mittlerweile den Rang abgelaufen haben. Im einstigen Niemandsland zwischen Mauerstreifen, Axel-Springer-Haus und hässlichen Mietskasernen hat auch der schwedische Galerist Claes Nordenhake 2007 ein ehemaliges Kaufhaus von 1912 in ein elegantes Galeriequartier verwandelt.

Dort residiert er nun mit Kolle gen wie den Dresdner Gebrüdern Lehmann, der slowenischen Galerija Gregor Podnar und Konrad Fischer aus Düsseldorf. Zum Gallery Weekend stauen sich dort nun die VIP-Limousinen.

Dennoch: Dass Kreuzberg einmal ein pulsierendes Kunstquartier werden würde, war noch vor ein paar Jahren undenkbar.

Anfang der neunziger Jahre hatte es eine starke Weg zugbewegung der kreativen Szene in Richtung Mitte und Prenzlauer Berg gegeben. Der Mythos des alten West-Berlin, das als "Kolonie der Unangepassten" galt und das den Rahmen für "politischen Widerstand und kulturellen Aufbruch" lieferte, war plötzlich restlos "pul verisiert", so der Kritiker und Kurator Marius Babias.

Das mythische Kreuzberg - mit der Hausbesetzerbewegung der Siebziger, seinen Jungen Wilden vom Moritzplatz, die Wiege der "Genialen Dilletanten" und der "Einstürzenden Neubauten, die Geschichten von Kippenberger und dem Punkschuppen SO 36 in den Achtzigern - all das fühlte sich plötzlich ganz schön alt an.

Im postsozialistischen Vakuum der neuen Mitte gingen Kunst, Musik und Nachtleben für begrenzte Zeit und sehr improvisiert eine neue Symbiose ein. Clubs wie der Tresor oder auch das Kunsthaus Tacheles künden heute wie antike Ruinen den Zuspätgekommenen vom großen Sommer der Anarchie.

Die letzten Tage von West-Berlin fanden in Kreuzberg, die ersten Tage von Ber lin in Mitte statt. "Mit dem Fall der Mauer", sagt der Journalist und Techno-Forscher Ulrich Gutmair, "hatte sich eine Lücke aufgetan, durch die man freundlich ins Niemandsland einzutreten gebeten worden war." Dieses Niemandsland wurde zunächst bevölkert von Leuten, die sich nicht für das Grundbuch interessierten. Die Verwandlung von Mitte in eine temporäre autonome Zone, so Gutmair, verlief im Verborgenen:

"Die internationale Boheme aus Künstlern, DJs, Partyveranstaltern, Ravern, Hausbesetzern, Galeristen, Netzaktivisten, Designern, Anarchisten, Bastlern und umherschweifenden Jüngern des dionysischen Rauschs besetzte Mitte eher heimlich." Selbst die Yuppies und das neue Bürgertum interessierten sich nach dem Mauerfall nicht mehr für Kreuzberg, sie folgten den Künstlern und den Partys in die Ostbezirke. Die Abwanderung der Mittelschicht brachte die soziale Balance ins Wanken und ließ auch die Kunstszene nicht unberührt. "Als in den Neunzigern die letzten Galerien wie Zwinger oder Carlier/Gebauer in den Ostteil zo gen, herrschte hier auf der Oranienstraße das Gefühl: In Kreuzberg bleiben nur die ganz Traditionellen, die letzten Mohikaner", erinnert sich Leonie Baumann. Seit 1991 ist sie Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), eines Kunstvereins, der mittlerweile auf eine 40-jährige Geschichte zurückblickt und mit seiner basisdemokratischen Grundstruktur fast schon auf klassische Weise den Do-it-yourself-Traditionen des Viertels zu entsprechen scheint. 1992, als Klaus Biesenbach und seine Mitstreiter in Mitte mit der Ausstellung "37 Räume" für Furore sorgten, bezog man den heutigen Sitz in der Oranienstraße. "Uns hat der Mitte- Hype immer ein wenig irritiert", sagt Baumann. "Die NGBK hat sich stets als Teil der ,Kreuzberger Mischung' verstanden." Und diese Mischung hat wieder begonnen zu brodeln. Die informellen Netze, die das Klima heute im Viertel um die Oranienstraße bestimmen, sind vielfältiger und internationaler als noch vor kurzem, was oft daran liegt, dass man trotz räumlicher Nähe nicht zwangsläufig miteinander zu tun hat.

Besuche bei Klaus Theuerkauf von der Galerie "endart" in der Oranienstraße 36 etwa gleichen Geschichtslektionen zum Geist der achtziger Jahre. Über Theuerkaufs neue Collagen, in denen er in klassischer Provo-Manier historische Arno-Breker-Postkartenmotive mit Gesichtern aus Genitalien aufpimpt, könnte die Klientel, die sich beim schweizerisch betriebenen Künstlerbuchladen "Motto" auf der Skalitzer Straße durch die raren Magazine gräbt, vermutlich nicht mal lachen.

Viel lieber steigen sie die Treppen zur italienischen Hinterhof-Kellergalerie Supportico Lopez in der Graefestraße hinunter oder versuchen herauszufinden, wann es die nächste Aktion bei Silberkuppe gibt, einer verlassenen Pförtnerloge, die von den Kritikern und Kuratoren Dominic Eichler und Michel Ziegler in unregelmäßigen Abständen für Kunstprojekte genutzt wird.

Ob die vielen neuen Galerien und Kunstinitiativen der Anfang vom Ende des Charmes des Viertels sind? Darüber wird derzeit ge stritten. Aber vielleicht bleibt ja der Oranienstraße aufgrund der traditionellen Wider spruchskultur das Schicksal der geschniegelten Auguststraße erspart.

FOTOS: ANNETTE HAUSCHILD

Bildunterschrift:

Kreuzberger Mischung:

Mitarbeiter des Off-Kunstraums "WestGermany" auf einer Terrasse des NKZ am Kottbusser Tor

Sehnsucht nach Kreuzberg: Vergrault von den Chichi-Läden in Mitte gründeten die Kunstproduzenten einen kommerzfreien Kunstraum am "Kotti"

Mitte-Flüchtlinge: "WestGermany"-Macher Stephan Kallage und Ingo Gerken

Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien, vor dem ehemaligen Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz

Hauptstraße der Punkbewegung:

Der legendäre Musikclub SO 36 in der Oranienstraße wurde einst von Martin Kippenberger geführt

Easy-Jetsetter an der Spree: Die Galerieeröffnungen von Peres Projects erinnern mehr an New Yorks Viertel Chelsea als an den Gendarmenmarkt

Javier Peres' Galerie, hier mit einer Installation von Amie Dicke, in der Schlesischen Straße

Bei Scheibler Mitte, einer von vielen neuen Galerien in der Charlottenstraße, wird eine Installation von Thomas Rentmeister abgebaut

Street Art in Kreuzberg: Früher war kurz hinter der Ecke Cuvryund Schlesische Straße Schluss mit West-Berlin

Kolonie der Unangepassten.

Plötzlich war der Mythos vom alten West-Berlin mit seinem Ruch des Avantgardistischen völlig pulverisiert

"endart"-Galerist Klaus Theuerkauf (Mitte) mit dem Oberkreuzberger Nasenflötenorchester

"Die letzten Mohikaner": Leonie Baumann, Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK)

Boom im Niemandsland: Blick in die Galerie Gebrüder Lehmann, einer von vielen neuen Kunsträumen im Galerienhaus Lindenstraße