Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 20-33
Szene Südafrika - Schwarz, Weiß und alle Farben
Von Camilla Pus, Chris Saunders
16 Jahre nach dem Ende der Apartheid formiert sich eine junge, Aufsehen erregende Szene in Südafrika. Mit neuem Selbstbewusstsein produzieren Künstler unterschiedlichster Herkunft eigenwillige Arbeiten, ohne Trends zu folgen. Jetzt rückt das Land zur Fußball-WM in den Fokus. Die große Reportage über Kunst und Leben in Kapstadt und Johannesburg
CAMILLA PÉUSAn einem heißen Montagmorgen öffnet Nandipha Mntambo energisch die schwere Tür der Johannesburg Art Gallery. Ihre Augen verdunkelt eine Louis-Vuitton-Sonnenbrille, den Jackenkragen hat sie hochgeschlagen, ihre Fingernägel, neonpink lackiert, umklammern ihr Handy. "Bleib auf Distanz", scheint die Künstlerin signalisieren zu wollen. Und als ihr dann noch der Museumswärter zuruft, dass sie an diesem publikumsfreien Tag nur in Begleitung der Kuratorin zu ihrem soeben installierten Werk dürfe, schimpft sie:
"Ich hasse es, wenn man mir Vorschriften macht." Wenige Minuten später jedoch, als sie in einem lichten Saal vor ihrer Arbeit steht, setzt ihre Verwandlung ein: Akribisch prüft sie die Knoten der Schnüre, an denen fünf Kuhhäute hängen, starre Felle, die sie mit ihren Brüsten und Hüften geformt hat.
"Alles bestens" sagt sie, nimmt ihre Sonnenbrille ab und streicht über das glänzende Fell.
Nandipha Mntambo stellt mit ihren Werken die traditionelle Rollenverteilung auf den Kopf: "Wie ein Mann auf der Jagd, suche ich mir meine Beute, präpariere sie und schütze mich mit ihrer Haut", sagt die Künstlerin, die als Schülerin Kriminalmedizinerin werden wollte. Auch bei ihrer Performance, in der sie als Stierkämpferin in einer Arena in Maputo (Mosambik) auftritt, erobert sie männliches Terrain - jedoch nicht, ohne vorher mit einer Choreografin in Portugal jede Pose einstudiert zu haben. "So behalte ich wenigstens ein bisschen die Kontrolle darüber, wie ich wahrgenommen werde", sagt sie und lächelt wie jemand, der einen Triumph verbuchen konnte. Dann durchquert sie die Halle des Museums, das hier schon seit 1915 auf dicken Säulen ruht, und entschwindet zwischen Minibussen und fliegenden Händlern in die Straßen von Hillbrow.
Hillbrow gilt als kriminellstes Viertel des Großraums von Johannesburg, in dem geschätzte acht Millionen Menschen leben.
Hier herrschen Mafiabosse über Drogenhandel und Mietshäuser, während die Stadt im Hinblick auf die Fußball-WM versucht, die Straßen mit Überwachungskameras, Sicherheitsteams und einem neuen Busshuttle zu den Stadien, touristentauglich zu machen.
Ein paar Kreuzungen jenseits von Hillbrow, in einem Fabrikgebäude namens "August House", arbeitet Nicholas Hlobo. Er sitzt mit Hut und geblümtem Hemd am Schreibtisch in seinem turnhallengroßen Atelier und kühlt sein Gesicht im Wind eines Ventilators. Seine Assistenten Tiba und Mussa fädeln rosarotes Geschenkband durch perforierte Gummischläuche, die an ein Feldbett genäht sind.
"Das Werk heißt ,Upholelwe' und bedeutet:
Er relaxt im Schatten", sagt der Künstler, der allen seinen Arbeiten Titel in isiXhosa gibt, der Sprache seines Volkes. Es handelt von Initiationsriten, von schmerzlichen Erkenntnissen beim Erwachsenwerden und wieder gefundenem Frieden. "Ich zerschneide und durchsteche das Gummi und ziehe die Bänder hindurch - es ist wie eine Wunde, die verheilt", sagt er und spielt damit auf seine eigene Geschichte an: die Erziehung nach strengen Xhosa-Traditionen und das ängstliche Eingestehen seiner Homosexualität.
"Es wäre dumm, die Freiheiten nicht zu nutzen, die wir heute haben", sagt Hlobo, dessen mit Seidenbändern durchzogenen Papierarbeiten schon Wartelisten haben.
Der Künstler wird, ebenso wie Nandipha Mntambo und der Fotograf Pieter Hugo, von der Michael Stevenson Gallery repräsentiert.
Mit dem rund 500 Quadratmeter großen Raum im Kapstädter Viertel Woodstock, das mit seinen leer stehenden Fabriken dem New Yorker Meatpacking District vor zehn Jahren ähnelt, spielt die Galerie die Rolle eines zeitgenössischen Kunstzentrums.
Weitere wichtige Neuzugänge sind die Galerien Whatiftheworld in Kapstadt und MOMO in Johannesburg, die erste von einem Schwarzen geführte Galerie der Stadt, gegründet vom Kurator Monna Mokoena.
Ein paar schäbige Treppenstufen über Nicholas Hlobo wohnt Kudzanai "Kudzi" Chiurai. Erst nach dem dritten Klingeln öffnet er müde die Tür und schlurft barfuß durch sein spärlich möbliertes Loft-Atelier.
Keine einzige seiner mit Schablonen, Farbspray und Textfragmenten gefüllten Leinwände im Street-Art-Stil, die vom Überlebenskampf der Asylanten und Arbeitslosen im Schmelztiegel Johannesburg erzählen, ist zu entdecken. "Nicht mal einen Katalog habe ich hier - sie sind alle vergriffen" entschuldigt sich Kudzi. Seit Linda Givon, ehemalige Inhaberin der bereits 1966, in den Hochzeiten der Apartheid eröffneten Goodman Gallery, Kudzis Arbeiten direkt von seinem Unitisch zur Art Basel mitnahm und allesamt verkaufte, hält der Run auf seine Arbeiten an. Davon profitiert jetzt Liza Essers, die neue Galeriechefin. Besonders die Fotoserie "Dying to be men" zählt zu den Bestsellern. Das Thema: die korrupten Politiker Afrikas, allen voran Robert Mugabe, Präsident von Simbabwe und Kudzis Heimat.
"Für die Bilder hätte man mich zu Hause wohl eingelocht", sagt er.
Südafrika hat in den letzten Jahren herausragende Künstler hervorgebracht. Ebenso wie ihre international etablierten Kollegen William Kentridge, Candice Breitz, Robin Rhode, Berni Searle, Moshekwa Langa und Marlene Dumas feiern auch einige Dutzend junge Talente über die Landesgrenzen hinaus Erfolge. Neben bedeutenden Privat- und Firmensammlungen wie der Enthoven- Collection in Stellenbosch, die auch Südafrikas Biennale "Spier Contemporary" ausrichtet, und der des Geschäftsmanns Gordon Schachat in Johannesburg, entdecken jetzt deutsche Sammler und Galeristen Südafrikas Kunstpotenzial: Julia Stoschek etwa besitzt Arbeiten von Nandipha Mntambo, die Daimler-Kunstsammlung fokussiert unter anderem auf südafrikanisches Kunstschaffen, die Berliner Galerie Kuckei + Kuckei vertritt Guy Tillim und Jette Rudolph europaweit den Künstler Wim Botha.
Und die Kunstmesse "Joburg Art Fair" konnte im vergangenen März Starkurator Klaus Biesenbach als Gastredner gewinnen. Es ist die erste Post-Apartheid-Generation, die sich mit individuellen Positionen durchsetzt, ohne dass ihre Werke verbittert oder anklagend wirken. "Weil sie Rassentrennung und sozia len Wandel nach den freien Wahlen 1994 miterlebten, haben viele Künstler "einen starken politischen Antrieb", so Storm Janse van Rensburg, Kurator der Good man Gallery. "Aber ihre Anspielungen sind subtiler geworden." Andere Künstler wie der 27-jährige Zander Blom arbeiten ohne Bezug zur eigenen Vergangenheit. Der wilde Kunstkosmos von Blom, der in seinen engen Jeans und mit welligem Haar Jim Morrison ähnelt, dreht sich um eine Ecke seines Wohnzimmers. Mit einer Zigarette im Mundwinkel tippt auf ein paar eingeklebte Schnappschüsse in einem Skizzenbuch: "So hat es hier ausgesehen, bevor ich alles wieder weiß gestrichen habe", sagt er. Zu sehen ist ein Dickicht aus Pappdreiecken, Papierstreifen und Farbklecksen vor einer Stuckdecke. Einige Bücher über den Konstruktivismus haben ihn dazu inspiriert. Zuletzt wurde der Wohnraum zur Bühne der Trash- Oper "The Travels of Bad", für die er auch eine Rock-CD aufnahm. Diesmal füllte er die Kulissen mit Anspielungen auf Henri Rousseaus und Paul Gauguins Interesse an den Tropen. Damals schlängelten sich Stoffwürste wie Lianen über den Boden, und neonfarbene Mega-Moskitos fielen gierig über wehrlose Künstler her. "Jetzt wandle ich das Apartment in ein Maleratelier um", so Blom, der sich bisher vor Leinwänden fürchtete. "Vielleicht stehe ich hier bald knöcheltief in Farbe wie einst Francis Bacon." Auch Pieter Hugo hat sich kontinuierlich entwickelt: Er begann als Fotoreporter, doch schon bald störte ihn die Schnelligkeit des Berufs. Für erste eigene Projekte zieht es ihn wochenlang in die entlegensten Winkel des Kontinents, zu Wildhonigsammlern in Ghana und grausigen Zeugnissen des Genozids von Ruanda. Der Hüne mit den blonden Locken setzt die politisch-dokumentarische Fotografie fort, die eine lange Tradition in Südafrika hat - angefangen bei Altmeister David Goldblatt und dem deutschen Jürgen Schadeberg, der in den fünfziger Jahren das Leben in den Townships dokumentierte, bis zu Fotokünstlern wie Nontsikeleo Veleko, Bridget Baker und Guy Tillim, die unterschiedlichste Facetten von Südafrikas Selbstfindungsprozess einfangen. Gerade hat Pieter Hugo in Kapstadt ein Penthouse-Atelier mit Blick auf den Tafelberg bezogen. An Pinnwänden hängen Prints seiner "Hyänen- Männer", die Aufnahmen der Nigerianer mit den an Ketten gelegten Tieren, die ihn 2005 schlagartig bekannt machten. Daneben klemmen Fotos eines Projekts, das noch nirgends gezeigt wurde. Arbeitstitel: "Sodom & Gomorrah".
Angeregt von einem Artikel in einem Recycling-Magazin, fotografierte Hugo in Accra (Ghana) den Schrott platz "Agbogbloshie" auf dem ein Teil des weltweiten Elektromülls landet. Seine Porträts der Männer inmitten von brennendem Plastik gehören zu seinen eindrucksvollsten. "Es war die reinste Apokalypse. Von den Dämpfen bekam ich Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe." Neben Pieter Hugo zählt Mikhael Subotzky zu den meistbeachteten Fotografen am Kap. Auch er hat sich gerade ein neues Studio eingerichtet, in einer ehemaligen Autowerkstatt in Johannesburg. Auf dem Gelände, genannt "Arts on Main", das sich mit Gartencafé, Modeboutique und Wachpersonal alienhaft von dem Großstadtgetümmel der unmittelbaren Umgebung abgrenzt, haben auch der Kölner Galerist Ralf-P.
Seippel und das Goethe-Institut Galerieräume.
"Das Atelier von William Kentridge ist gleich nebenan", erzählt Mikhael Subotzky stolz. Eigentlich ist der Fotograf mit den ausgelatschten Lederschuhen eher der Typ zurückhaltender Zuhörer. Nur so gewann er auch das Vertrauen der Häftlinge vom "Pollsmoor Maximum Security Prison", die ihn bis in ihre überfüllten Schlaflager und Duschräume ließen. Zurzeit arbeitet er wieder an einem Langzeitprojekt: Sein Sujet heißt "Ponte City", ein Wolkenkratzer mit einem Schacht in der Mitte, in dem der Müll der Bewohner landete, als hier noch Drogendealer, Cracksüchtige und Prostituierte hausten. Heute bewohnen auch Mittelklassefamilien die Apartments. Jeden Tag klopft Subotzky an eine neue Tür und fotografiert durch die Fenster der Wohnungen hindurch nach draußen - das gleiche Prozedere in rund 500 Apartments auf 54 Stockwerken.
Es sind vor allem diese einfühlsamen, aber ungeschönten Beobachtungen, die Südafrikas brodelnde soziale Wirklichkeit, die Missstände und Fortschritte, begreiflich machen.
Die Kombination aus dem ausgeprägten Bewusstsein der Künstler für die brisante Vergangenheit des Landes und ihren persönlichen Erfahrungen, macht Südafrikas junge Kunst einzigartig.
Literatur: Okwui Enwezor, Chika Okeke-Agulu:
Contemporary African Art since 1980, Verlag Damiani 2009
FOTOREPORTAGE: CHRIS SAUNDERS
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Info Südafrika Lange stritten Briten und Buren (Nachfahren niederländischer und deutscher Siedler) um die Herrschaft in der fruchtbaren und rohstoffreichen Kapregion. Die aus vielen Stämmen zusammengesetzte Urbevölkerung blieb von der Macht ausgeschlossen, bis 1994 Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde. Zwar ging damit die Ära der Apartheid zu Ende, die Folgen der Rassentrennung aber prägen das Land bis heute. Südafrika hat zwar die bei weitem größte Volkswirtschaft auf dem Kontinent, der Reichtum aber ist nach wie vor sehr ungleich verteilt. Die Kriminalität ist vor allem in den von Schwarzen bewohnten Townships sehr hoch, wo Armut und Selbstjustiz den Alltag prägen. Die Arbeitslosenrate liegt in Südafrika bei 24 Prozent, die Lebenserwartung beträgt nur zirka 50 Jahre, über 18 Prozent der Bevölkerung sind mit dem HI-Virus infiziert. In den letzten Jahren bemühte sich die Regierung, mit der Besetzung zentraler Stellen in Wirtschaft und Verwaltung mit Schwarzen der Ungerechtigkeit entgegenzuwirken. Mit zweifelhaftem Erfolg, denn bei der Vergabe spielen Vetternwirtschaft und Korruption die entscheidende Rolle.
Kasten:
Info Ausstellungen "Who Knows Tomorrow?", verschiedene Berliner Museen, 4.6.-26.9., Infos unter: www.whoknowstomorrow.de. Aus der ursprünglich geplanten Großausstellung ist ein "Projekt" geworden: El Anatsui, Pascale Marthine Tayou, Yinka Shonibare, Zarina Bhimji und António Ole - fünf Künstler von zumindest afrikanischer Herkunft - realisieren in vier Berliner Museen innen und außen zum Teil großangelegte Installationen und Skulpturen.
"Habari Afrika! Schönheit und Schrecken in der traditionellen und zeitgenössischen Kunst Afrikas", Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück, 11.6.-25.7. Im Rahmen des Afrika-Festivals der Stadt werden rund 200 traditionelle afrikanische Artefakte 150 modernen Kunstwerken aus Nigeria, Tansania, Kenia, Mosambik, Simbabwe und Südafrika gegenübergestellt. Übrigens:
"Habari" ist Kiswahili und bedeutet:
"Hallo, was gibt es Neues?" "Ampersand" - Ein Dialog zeitgenössischer Kunst aus Südafrika & internationaler Kunst aus der Daimler-Kunstsammlung, Haus Huth, Berlin, 10.6.-10.10. Für die Schau wurde die südafrikanische Kunstszene nach performativen, abstrakten und konzeptuellen Ansätzen durchforstet - passend zu den Schwer punkten und Neuerwerbungen der Daimler Kunstsammlung.
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PIETER HUGOS Kunstkarriere begann mit einem Handyfoto. 2005 mailte ihm ein Freund den Schnappschuss einiger Männer, die mit einer Hyäne durch Lagos zogen. Die Aufnahme packte ihn. Wenig später flog der frühere Fotoreporter nach Nigeria, fand die Männer und tourte für seine Serie "The Hyena & Other Men" mit den "Schaustellern", die, wo immer sie auftauchten, für ein Spektakel sorgten, durchs Land. 2008, wieder in Nigeria, porträtierte der 34-Jährige, der in Kapstadt lebt, Darsteller aus "Nollywood"-Filmen. Rund 1000 dieser blutrünstigen Trash-Streifen schwemmt die lokale Filmindustrie jährlich auf den Markt. Ihre Helden inszenierte er mit klaffenden Wunden, Ninja-Masken und Werwolf-Kostümen jenseits jeglicher Kulissen - und verwandelte sie so in beinahe Mitleid erweckende Gestalten. Seine neueste Serie dagegen ist radikal realistisch: In Ghana dokumentierte er von giftigen Dämpfen benebelte Tagelöhner auf dem Schrottplatz "Agbogbloshie". Auch hier ist der Verlust der Würde zentrales Thema. Nun will sich der begeisterte Surfer künstlerisch auf die Menschen seines Umfelds konzentrieren.
Kasten:
ZANDER BLOM inszeniert seine Kunstspektakel in einer Wohnzimmerecke seines Häuschens in Brixton, Johannesburg. In monatelanger Arbeit füllt er Winkel und Stuckdecke mit Assemblagen, pinselt Farbschicht über Farbschicht, klebt in geometrische Formen zerschnittene Pappen und Papierstreifen auf und hält jede Raummanipulation mit der Kamera fest. Dabei sind die Wandinstallationen, die der leinengebundene Catalogue Raisonné "The Drain of Progress" versammelt, keinesfalls nur Farb- und Formschlachten eines rebellierenden Kids. "Mich fasziniert die Kunst-Avantgarde des 20. Jahrhunderts", so Zander Blom, "Mondrian, De Stijl, der Konstruktivismus." In seinem Folgewerk "The Travels of Bad" zelebriert er die Tropengemälde von Gauguin und Rousseau als Rock-Oper mit Neon-Moskitos, Kunststoffhaien und E-Gitarren. Austoben kann sich der Künstler, der gerade von der Michael Stevenson Gallery aufgenommen wurde, auch in Zukunft: etwa 2011 während eines Stipendiums der Fountainhead Residency in Miami.
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NICHOLAS HLOBO fasziniert alles, "was andere peinlich berührt". Besonders gern kokettiert er mit der eigenen Homosexualität. Schwarze Gummischläuche und rosa Satin, Leder und Organza - die Materialien seiner Skulpturen symbolisieren die ambivalente Gefühlswelt des 34-Jährigen, der als neuer Kunststar gehandelt wird. 1995 tauschte er die Idylle seiner Xhosa-Herkunft gegen die Anonymität der Metropole Johannesburg und entdeckte in Schwulenclubs zögerlich seine Sexualität, denn: "Körperkult und Verlangen sind wichtige Themen in der Xhosa-Kultur, auch über Lesben wird gesprochen, aber Sex zwischen Männern ist tabu", sagt Hlobo. Seine Scham scheint jedoch überwunden: 2007 zog er bei einer Performance in der römischen Galerie "extraspazio" eine Gummikugel an seinem Penis durch den Raum. Zu seinen größten Erfolgen zählen Schauen im Studio Museum Harlem, im ICA Boston und in der "Level 2 Gallery" der Tate Modern in London sowie der Gewinn des "Standard Bank Young Artist Award" 2009, des südafrikanischen Kunstpreises. Die damit verbundene Ausstellung "Umtshotsho" zeigt die South African National Gallery in Kapstadt bis 15. August.
Kasten:
KUDZANAI CHIURAI hat eine Blitzkarriere hingelegt: Im Jahr 2000 kam "Kudzi" aus Simbabwe nach Südafrika, absolvierte als erster schwarzer Student die Kunsthochschule in Pretoria und wurde von der Fakultät zum "meistversprechenden Studenten" gewählt. Danach verkaufte die Goodman Gallery, Südafrikas erste Adresse für zeitgenössische Kunst, alle mitgebrachten Street-Art-Gemälde des 28-jährigen, introvertierten Künstlers sowie seine Fotografien und abstrakten Porträts auf der Art Basel Miami Beach. Ebenso erfolgreich: die fiktiven Wahlplakate des einstigen Graffiti- Aktivisten, auf denen er Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe derart kritisiert, dass ihm die Wiedereinreise in seine Heimat verwehrt wird. Die korrupte Ministerriege des Diktators ironisiert er in der gestellten Fotoserie "Dying to be men": Ausstaffiert wie Hip-Hop-Stars, überschüttet er Finanz-, Verteidigungs- und Bildungsminister mit beißendem Spott.
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MIKHAEL SUBOTZKY ist der Star der Fotografenszene und mit 28 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der Agentur Magnum Photos. Bekannt wurde er bereits während seines Studiums mit einer Fotostudie über Südafrikas Gefängnissystem.
Seine Bilder von den Häftlingen in "Beaufort West", einem Knast, der zwischen Kapstadt und Johannesburg mitten auf einer Verkehrsinsel liegt, brachten ihm den renommierten Leica-Oskar- Barnack-Preis ein. Dabei sind Subotzky, damals wie heute, die Beziehungen, die er zu seinen Sujets aufbaut, ebenso wichtig wie die Motive selbst.
Seine Rolle als privilegierter Beobachter würde er gerne abschütteln. Seine neueste Serie beweist, wie weit ihn diese Intensität führt: Es ist eine wilde, visuelle Exkursion durch Apartments und Aufzüge des Johannesburger Wolkenkratzers "Ponte City" (hier im Hintergrund), einst Hochburg für Kriminelle, Dealer und Prostituierte. Bis 11. Juli zeigt er seine Fotoarbeiten im Rahmen des Projekts "In Context" in seinem Atelier auf dem Johannesburger Galeriekomplex "Arts on Main."
Kasten:
NANDIPHA MNTAMBO ist schutzbedürftig und angriffslustig zugleich. Die stolze, hochgewachsene Künstlerin, die im Königreich Swasiland aufwuchs und heute in Kapstadt lebt, überträgt ihren Brustumfang und Hüftschwung auf Kuhfelle, indem sie die nasse Haut über Gipsabgüsse ihres Körpers spannt. Erstarrt aber noch samtweich, wirken die mystischen Fellarbeiten der 28-jährigen Vegetarierin wie Schutzschilde starker Frauen.
Auch ihre Höhlen aus zotteligen Kuhschwänzen scheinen wie gemacht für Amazonen, die sich für den Unabhängigkeitskampf rüsten. Mit ihrem Auftritt als Matadora in einer Stierkampfarena in Maputo (Mosambik) manifestiert sie ihr Aufbegehren gegen klassische Männerdomänen. Vielleicht liegt der Ursprung von "Nandis" Kreationen, die bis zum 1. August auf der Biennale of Sydney zu sehen sind, in ihrer Kindheit verborgen: Als Tochter eines Priesters kam sie als Fünfjährige in ein Weißenviertel in Johannesburg und musste als einziges schwarzes Mädchen ihrer Klasse früh lernen, sich durchzusetzen.
Bildunterschrift:
Pieter Hugo: "Junior Ofokansi, Chetachi Ofokansi, Mpompo Ofokansi" aus der Serie "Nollywood" (2008)
Radikaler Realismus: Für seine aktuelle Serie "Agbogbloshie" porträtiert Pieter Hugo Tagelöhner, die unter unmenschlichen Bedingungen auf einem Elektroschrott platz in Ghana schuften
In Nigeria boomt die Filmindustrie:
Rund 1000 Movies von Schwarzen für Schwarze entstehen jedes Jahr. Für seine Serie "Nollywood" (hier "Fidelis Elenwa", 2009, und "Escort Kama", 2008) bat Pieter Hugo die Schauspieler, ihre Szenen nachzustellen
Gauguin als Rock- Oper: "Dee per into Para dise: Tropical Storm and a Swamp of Vinyl Eyes", "Adventures on Rainbow Pussy Mountain" und "Death by Syphilis x Mosquito Bytes x Tuberculosis x Broken, Mutilated Infected Leg x Savage Booze x Stupidity" aus der Serie "The Travels of Bad" (2009)
Die riesige Skulptur "Ingubo Yesizwe" besteht unter anderem aus Leder, Gummi, Fleischerhaken und Ketten
Gemälde, von Graffiti inspiriert: "Fast Track Communication" (170 x 220 cm, 2009)
Links ein Blick in den zentralen Schacht eines runden Wolkenkratzers in Johannesburg aus der Serie "Ponte City" (2008), oben "Jaco", rechts "Ai 26s Smoke Tik" - zwei Arbeiten aus Beaufort West von 2006
Spiel mit europäischen Mythen:
"The Rape of Europa" (2009, oben) und "Emabutfo" (2009), eine mit dem eigenen Körper aus Tierhäuten geformte Amazonenarmee
Hier herrschen die Mafiabosse, während Johannesburg versucht, die Straßen zur WM touristentauglich zu machen
Es sind die einfühlsamen, aber ungeschönten Beobachtungen, die Südafrikas soziale Wirklichkeit begreiflich machen
Performance von Anthea Moys zwischen Banken in Kapstadt, Blick in die Galerie Michael Stevenson in Kapstadt, die Galerie "Circa" in Johannesburg - ein neuer Ort für zeitgenössische Kunst (von links)
