Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 52-64

Pop ist überall

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Die sechziger Jahre waren ihre klassische Ära, aber die Pop Art wirkt bis heute. Jeff Koons und Damien Hirst beerben Andy Warhol als Großfabrikanten der Kunst, andere Künstler bedienen sich ihrer kritischen oder realistischen Strategien, sogar im sowjetischen Moskau entstand eine Spielart namens "Soz Art". Die letzte Folge der art-Serie wirft Schlaglichter auf die endlose Erfolgsgeschichte des Pop

POP! ART-SERIE - TEIL 3: Pop ab 1970 - Sieg und Verfall

LONDON, 15. SEPTEMBER 2008:

DAMIEN HIRST BRICHT DIE REGELN Einen Moment lang habe er geglaubt, die Sache sei schief gegangen, erzählte Damien Hirst später den Journalisten. In den Zeitungen hatte etwas von schwarzem Montag gestanden, und Hirst hatte geglaubt, man schreibe über ihn und sein waghalsiges Unterfangen.

Worüber sonst? Dann die Erleichterung:

Dass die amerikanische Investment- Bank Lehman Brothers ausgerechnet an jenem Tag Insolvenz anmelden musste, als der umstrittene Star der Young British Artists ein finanzkräftiges Experiment startete, verlieh der Aktion ungeplant einen konzeptionellen Mehrwert.

Bereits am Morgen des 15. September 2008 waren wohlhabende Herren aus Asien oder Russland neben teuer gekleideten Amerikanerinnen durch die cremefarbenen Räume im ersten Stock in der Londoner New Bond Street marschiert, hatten mit Kennerblick Tierleichen und Zigarettenkippen taxiert, um am Abend die Arme zu recken, als gäbe es etwas umsonst. Stunden später, die Finanzwelt betrauerte ein Börsen- Fiasko, verkündete das Auktionshaus Sotheby's einen Rekord: Bereits am ersten Tag hatte die Versteigerung eines gigantischen Konvoluts von Hirst-Werken 70,5 Millionen Pfund eingebracht; 40,9 Millionen kamen am nächsten Tag hinzu. Dabei hatte der Künstler einiges aufs Spiel gesetzt, als er 223 neue Werke direkt über ein Auktionshaus anbot - ohne die Beteiligung einer Galerie. Hirsts Ruf als Kunststratege und Finanzgenie, das sogar einen an eine Discokugel erinnernden Diamantenschädel für ein Vermögen losschlagen konnte, war ernsthaft in Gefahr. Doch wie einst Andy Warhol gelang auch Hirst der Coup, gleichzeitig den Kunstbetrieb und seine Gier vorzuführen und nebenbei steinreich zu werden. Hirst hatte sich der Konsumkultur gnadenlos bedient und sie zugleich seiner Kunst einverleibt - ganz im Sinne der Pop Art. Selbst Hirsts Galeristen, die der Künstler mit seiner Aktion auf das Heftigste brüskiert hatte, saßen unter den Gästen und boten für Werke, die sie eigentlich selbst im Angebot haben sollten. Darunter bezeichnenderweise ein "Goldenes Kalb" genanntes Tierpräparat und ein an Kitsch kaum zu überbietendes geflügeltes Schwein.

Selbst die peinlichen Spin Paintings, auf denen Farbkleckse durch Rotation auseinander flossen - Bilder also, wie man sie sonst von Jahrmarktskünstlern kennt - gingen für sechsstellige Summen an größtenteils anonyme Bieter. Damien Hirst vergnügte sich derweil mit Freunden beim Billardspielen.

KÖLN, WINTER 1991:

JEFF KOONS MACHT LIEBE Das Spektakel sei keineswegs inszeniert gewesen, beteuert Max Hetzler, es sei eben einfach passiert. Jeff Koons war schließlich bekannt dafür, dass er bis zur letzten Minute an seinen Objekten arbeitet, und so kam es, dass am helllichten Tag ein kopulierendes Paar über den Köpfen der Passanten in der Venloer Straße in Köln schwebte. "Es war der helle Wahnsinn", sagt Hetzler, in dessen Galerie die beiden mit Schmutz beschmierten Nackten im Winter 1991 mithilfe eines Kranwagens hinein gehievt wurden, und einen riesigen Menschenauflauf provozier ten.

Denn die überlebensgroße Skulptur, die den unbekleideten, mit Lippenstift, fitnessgestähltem Muskelkörper und Patrick-Swayze- Frisur aufgehübschten Koons auf seiner mit Reizwäsche und Stilettos angetanen damaligen Gattin und Pornoqueen Ilona Staller zeigt, wurde erst am Tag der Ausstellungseröffnung angeliefert. Die Polizei musste die Straße sperren, der Verkehr wurde umgeleitet, und die Passanten bildeten Menschentrauben, bis am Abend das Kunstvolk hinzuströmte.

Die Polizei habe darauf bestanden, dass man das Galerieschaufenster verhänge, erinnert sich Hetzler, der Koons wohl spektakulärste Serie mit dem Titel "Made in Heaven" als einer der Ersten präsentieren durfte. Andernfalls hätten auch Kinder und prüde Menschen von der Straße aus sehen können, was man sonst eher im Pornokanal vermutet: "Ilonas Arschloch" zum Beispiel oder Koons beim Cunnilingus. Wer genauer hinsah, bemerkte, dass die Sex-Darstellungen vor Kitsch nur so trieften, die Skulpturen hatten die Gestalt von Schrankwand- Nippes, die Kulissen auf den Fotografien ähnelten denen von Herzschmerz-Schmonzetten.

Koons hatte einfach zwei vom Massengeschmack geliebte Genres miteinander verquickt und sich obendrein selbst zum Hauptdarsteller einer Kitschgeschichte deklariert, nach dem Motto: Kunstkönig feiert Traumhochzeit mit Pornoprinzessin. Kunst und Leben schienen miteinander verwoben.

Der Abend, so Hetzler, habe sich wie ein Popkonzert angefühlt, zahlreiche Besucher seien eigens angereist, um zu sehen, was dem einstigen Börsen-Broker mit dem Faible für billige Alltagskultur jetzt wieder eingefallen war. Der Reiz lag in der für Koons typischen Doppeldeutigkeit, die man so ähnlich schon von den Aktbildern eines Tom Wesselmann oder Mel Ramos kannte: Kritisierte oder stützte nun Koons mit seinen Werken den Massengeschmack?

Auch Jeff und Cicciolina waren da und schüttelten Hände, während die Besucher souverän darüber hinwegsahen, dass sie Kenntnis von Körperteilen hatten, die sonst nur der Gynäkologe zu sehen kriegt. Das Gefühl der Peinlichkeit schien Koons völlig fremd zu sein - hierin war der Popkünstler ein Vorbote heutiger Selbstentblößung in "Big Brother" oder dem Internet.

NEW YORK, 1986:

KEITH HARING ERÖFFNET EINEN LADEN Es war das Jahr, in dem Michael Jackson mit Pepsi-Cola einen Rekordvertrag abschloss, als Keith Haring die Flucht nach vorne antrat.

Jahrelang hatte der Künstler, der für seine comichaften Strichmännchen bekannt war, vergebens versucht, von der Kunstszene ernst genommen zu werden, hatte stets von einer renommierten Ausstellung in einem großen Museum geträumt, doch offenbar hatten ihn jene, die in der Kunst das Sagen hatten, als Straßenmaler abgestempelt.

Andere warfen ihm vor, dass er als Underground-Star seine Arbeiten überhaupt verkaufte.

Was wollten die eigentlich von ihm?

Sollte er etwa sein Leben lang illegal Werbeflächen an U-Bahnstationen bemalen? Davon abgesehen, dass er dafür längst zu bekannt war, seine Bilder spätestens nach zwei Stunden geklaut waren und irgendwo zum Verkauf angeboten wurden, war es nicht das, was ihm vorschwebte. Haring wollte, was Andy Warhol gewollt hatte: Anerkennung, Ruhm und eine radikale Verquickung von Kunst und Kommerz, die die Barriere zwischen Hochkultur und Trash außer Kraft setzte.

1986 beschloss Keith Haring auf Galeristen zu verzichten und mitten in Downtown Manhattan seinen eigenen Laden aufzumachen.

Nicht, um das ganz große Geld zu machen - da hätte er genauso gut für Kraft- Scheibletten werben können. Sondern um jedem, auch den Kids aus der Bronx, die Möglichkeit zu geben, einen Haring zu kaufen und damit etwas zu besitzen, was auch Elton John, David Bowie oder eben Warhol besaßen. Haring hatte Angst vor den Reaktionen der Kunstszene. Er wusste, sie würden ihm Kommerzdenken und Ausverkauf vorwerfen und ihn umso weniger als ihresgleichen akzeptieren je mehr er seine Kunst in den Mainstream integrierte. Doch sein neu er Freund Andy, der mit der silberblonden Strubbelperücke, hatte ihn ermuntert.

Du musst das unbedingt machen, hatte der König der Pop Art gesagt.

Von außen sah der Pop Shop mit seiner roten Markise aus, wie eine der üblichen Schaufenster-Boutiquen in SoHo. Aber wer durch die Tür trat, fühlte sich, als hätte er gerade einen Trip eingeworfen: Die abgerundeten Wände, der Boden, die Decke, alles war mit einem schwarzweißen Graffito bedeckt, so dass man mitten im Bild stand. In den Regalen stapelten sich aufblasbare Baby- Figuren, Baseballkappen, Swatch-Uhren, Schlüsselringe, Schnickschnack. Dazu lief lautstarker Rap vom Mixtape. Wer Glück hatte, konnte Madonna begegnen, sie zählte zu Harings Stammkundinnen.

Haring und sie hätten viel gemeinsam, fand die Queen of Pop. Ihnen beiden sei es gelungen, Untergrundkultur für den Massengeschmack konsumierbar zu machen. Bloß dass Haring nicht lange genug lebte, um damit reich zu werden.

MOSKAU, 70ER JAHRE:

POP ART MIT HAMMER UND SICHEL Zum Beispiel ein Mann, der im karierten Holzfällerhemd vor orientalisch anmutenden Arkaden in lieblicher Landschaft steht.

Zu seiner Linken sitzt eine Katze. Wissenschaftlichen Studien zufolge wäre das ein Motiv, wie es sich der Deutsche gerne übers Sofa hängt. Während es dem Holländer vor allem darum geht, dass ihm das Bild gefällt, achtet der Deutsche darauf, dass die Kunst zur Einrichtung passt. Ein Gemälde muss für ihn - anders als für den Chinesen und den Kenianer - keine Botschaft haben, es soll schön sein. Dies zumindest hat eine umfangreiche Untersuchung über die beliebtesten (und unbeliebtesten Bilder) rund um den Globus ergeben, die das Künstlerduo Komar und Melamid in den neunziger Jahren in Auftrag gegeben hat. Schließlich kann es als Künstler nicht schaden, über den Massengeschmack detailgenau informiert zu sein.

Begonnen haben Vitaly Komar und Alex Melamid ihre Künstlerkarriere in Moskau, wo sie 1972 eine Bewegung namens "Soz Art" gründeten, eine skurrile Mischung aus sowjetischer Pop Art und Konzeptkunst, die die heroische Bildsprache sozialistischer Propagandawerke mit Elementen des Dadaismus kurzschloss. Bei der Partei fand man das gar nicht lustig und ließ diverse Werke des Duos vom Bulldozer platt walzen, darunter ein im Stil des Sozialistischen Realismus gemaltes Doppelporträt von Komar und Melamid als Lenin und Stalin. Die Künstler flüchteten sich in abstruse Aktionen wie die "Zubereitung einer Frikadelle aus der Zeitung Prawda", die Herstellung eines Wodkas mit Leo-Tolstoi- und Maxim- Gorki-Geschmack oder die Erfindung eines Codes, mit dessen Hilfe sich bürokratische Texte in abstrakte Gemälde umwandeln lassen.

Doch es half alles nichts: Komar und Melamid durften in der Sowjetunion nicht ausstellen. 1977 gelang beiden die Emigration über Israel nach New York, wo sie sich sogleich den westlichen Gepflogenheiten anpassten und ein Unternehmen für den An- und Verkauf menschlicher Seelen gründeten.

Sie zogen die Sache im ganz großen Stil auf, lancierten eine Werbekampagne mit Postern, Anzeigen und Vertrauen erweckenden Botschaften wie "Eine Seele ist die beste Investition" oder "Ihre Seele ist bei uns in guten Händen". Wie man das im Kapitalismus so macht. Auch eine Leuchtreklame auf dem Times Square pries den Seelenhandel an. Anschließend schmuggelten die Exilrussen Hunderte amerikanischer Seelen (darunter die von Andy Warhol) in kleinen Käfigen nach Moskau, um sie bei einer Auktion zu versteigern. In den späten neunziger Jahren beschäftigten Komar und Melamid sich erneut mit der Frage multipler Autorenschaft. In dem Bestreben auf eine eigene Handschrift zu verzichten, heuerten sie weltweit Mitarbeiter zur Ausführung ihrer Konzepte an. Schimpansin Mikki wurde mit einer Polaroidkamera losgeschickt und lieferte atmosphärisch dichte Impressionen vom Roten Platz. Diverse Bieber nagten eine minimalistische Holzskulptur von beachtlicher Stringenz, und zahlreiche thailändische Elefanten pinselten im Stil des Abstrakten Expressionismus Seelenlandschaften, die dem Action Painter Jackson Pollock die Tränen in die Augen getrieben hätten.

Mehrere Tausend Dollar erlöste im März 2000 eine Auktion mit Elefantenbildern bei Christie's in New York. Andy Warhols Seele hatte seinerzeit nur 30 Rubel eingebracht.

Das ist heutzutage nicht mal ein Euro.

1970 - 2010: QUO VADIS POP?

Die minimalistische Einrichtung in zartem Mintgrün, der beigefarbene Teppichboden, das Logo über der schlichten Markise - alles erschien exakt so wie man es von Prada- Filialen rund um den Globus gewohnt war. Selbst das Angebot - sechs Handtaschen und 20 High Heels - entsprach exakt dem Original. Bloß dass diese Luxusboutique mitten im Nirgendwo stand: Außer Kak teen, Yuccas und Sand gab es nicht viel zu sehen am Highway 90, am Rande einer Geisterstadt namens Valentine, rund 30 Meilen außerhalb von Marfa. Hier weihte im Oktober 2005 eine skurrile Mischung aus texanischen Stetson-Trägern und großstädtischen Turnschuh-Dandys eine Prada-Filiale ein. Seltsamerweise gab es Bier statt Champagner, und irgendwer spielte Gitarre.

Wer kauft Edelmode in tiefster Ödnis?

"Prada Marfa" ist ein Werk des skandinavischen Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Es bedient die Sucht der Kunsthautevolee nach Exklusivität und Exotik und führt sie zugleich ad absurdum. Ein Mahnmal des Markenkults. Und ein Abgesang auf die Pop Art.

Im Oktober 1964 hatte die New Yorker Galerie Bianchini einen Supermarkt imitiert, und Kunstwerke wie Massenware angeboten - eine künstlerische Feier des Konsums, die sich gerade erst entwickelt hatte.

Vier Jahrzehnte später setzen Elmgreen & Dragset eine Luxusboutique in der Wüste aus wie eine unerwünschte Katze; im heißen texanischen Sand ist der Shop nicht nur seiner Laufkundschaft, sondern auch seiner Wirkung beraubt. Einst holten die Künstler den Konsum ins Museum, jetzt verbannen sie ihn an den Rand der Zivilisation. Es scheint, als wollte das Künstlerduo die Pop Art begraben - mit deren eigenen Mitteln.

Die Strategien der Pop Art sind in der Gegenwartskunst so universal verbreitet, dass so gar die Kritik am Pop ein Popthema ist.

Weil sie weder Stil noch Schule, sondern eher eine Herangehensweise ist, konnte die Pop Art über ihre klassische Phase in den Sechzigern hinauswirken.

Elmgreen & Dragset kann man zur kritischen Fraktion rechnen. Immer wieder haben Künstler versucht, ihre Kritik an der Konsumgesellschaft mit dem trojanischen Pferd der Werbeästhetik in deren Kanäle einzuschmuggeln; am eindrucksvollsten wohl die Amerikanerin Barbara Kruger, die Slogans wie "I shop therefore I am" in Bildern verbreitete, die an Anzeigenkampagnen erinnern. Heute versuchen sich Künstler wie Josephine Meckseper und Daniele Buetti an konsumkritischen Arbeiten.

Diese Kritik verhallt oder wird gehört, je nachdem. Die bekannteren, dominanten Erben der Pop Art sind jene Künstler, die sich jeglicher Kritik enthalten und stattdessen dem Vorbild Andy Warhols folgen.

Er begriff Kunst und Kommerz als zwei Systeme, die sich gegenseitig verstärken können; sein provokativer Satz "Gute Geschäfte sind die beste Kunst" inspirierte nicht nur Keith Haring, Jeff Koons und Damien Hirst, sondern auch den Japaner Takashi Murakami, aus dessen Atelier sich ein üppiger Warenstrom auf den Kunstmarkt ergießt. Die Jagd nach den Millionen hat bei diesen Künstlern längst ihren frivolen Beigeschmack verloren, ihr eigentliches Anliegen ist nicht der Verkauf großer Werke für einen großen Preis, sondern die Auflösung jeglicher Grenzen: Alles fließt, alles wird vermehrt, Kunst und Geld immer im Einklang.

Kein Werk kann zu banal sein, um nicht doch noch irgendeinen Auktionsrekord zu brechen, und manchmal sieht es aus, als wollten sie mit geballter Markt- und Medienmacht die spießig-bedächtigen Museen mit ihren langweiligen Qualitätskriterien einfach hinwegschwemmen.

Daneben gibt es Pop Art auch immer noch als eine Form des Realismus, die sich nicht scheut, das Alltäglich-Banale in Szene zu setzen: Der Fotokünstler Andreas Gursky zeigte auf glänzenden Großformaten Popkonzerte und Technonächte, einen 99- Cent-Shop und ein leeres Prada-Regal.

Christoph Büchel verlegte 2008 die Filiale einer real existierenden Kaufhauskette ins Kasseler Fridericianum, wo die Mitarbeiter des Discount-Shops ungerührt ihren ganz normalen Geschäften nachgingen und Badeschaum oder Spüllappen verkauften.

Und Thomas Rentmeister baute 2004 eine Skulptur aus Tempo-Taschentuch-Päckchen, ein Jahr später füllte er eine Toilettenschüssel mit Nutella oder verschüttete 2006 bergeweise Knabberwaren im Ausstellungsraum.

Pop hat gesiegt: Andy Warhol ist berühmter als Manet, Damien Hirst ist ein Wirtschaftsfaktor, Murakami ist eine Marke.

Was ist es, dass sie auch heute noch so anders, so anziehend macht? Und wird die Pop-Epoche jemals enden? Wird die Botschaft von den Grenzen des Wachstums irgendwann auch die millionenschweren Popstars der Kunst erreichen?

Falls, ja, dann könnte "Prada Marfa" in der texanischen Wüste auch eine Art archäologisches Monument werden. Der Shop hat rund um die Uhr geschlossen - für immer.

Während sich der Modezirkus weltweit unaufhörlich weiter dreht, während Trends kommen, gehen und wieder recycelt werden, ist hier für alle Zeiten Oktober 2005, denn diese Herbstkollektion wird niemals erneuert. Schon bald werden goldene Riemchensandalen, Lack-Peeptoes und geblümte Kelly-Bags genauso fad und oll anmuten wie der Laden, der dem Wind und dem Staub überlassen bleibt und langsam aber sicher verrottet und die Skulptur von weitem aussieht, als handele es sich um die Fata Morgana eines ausgesetzten Fashion Victims.

Kasten:

Die Ausstellung als Event:

Aus Künstlern werden Marken In der Frühzeit der Konsumgesellschaft waren die Warenhäuser noch sichtlich von den alten Wunderkammern und Museen inspiriert:

Einkaufspaläste wie das 1907 eröffnete Berliner Kaufhaus des Westens präsentierten Waren als wertvolle, auratische Kultobjekte. In der Gegenrichtung herrschte lange eisiges Schweigen:

Die Künstler der Moderne legten Wert auf ihre Autonomie, die meist öffentlich finanzierten Museen begriffen sich als Erhalter und Pfleger des kulturellen Erbes, und damit als Gegenpol zur schnelllebigen Wegwerfgesellschaft.

Seit den neunziger Jahren löst sich dieser Gegensatz zunehmend auf. Ein Grund dafür ist, dass Kunst heute ein großes Publikum erreicht; die erste Documenta 1955 etwa hatte 134 850 Besucher, die letzte von 2007 kam schon auf eine Zahl von 754 301. Hinzu kam, dass die öffentliche Finanzierung seit der Wiedervereinigung abnahm; Museen mussten verstärkt Sponsoren gewinnen. Heute gilt Kultur als "Standortfaktor", und Kunst wird oft im ähnlichen Stil vermarktet wie Zigaretten oder Autos. Dabei wird der Künstler als Marke begriffen; betont werden markante einzelne Elemente (Warhols serielle Farbvarianten, Magrittes Melonen), nicht die Vielfalt des Werks. Museumsshops brennen heute ein wahres Merchandising-Feuerwerk ab, Ausstellungen wie "Das MoMA in Berlin" 2004 gelten alsMarketing-Erfolge. Ohne die radikalen Selbstvermarktungsexperimente der Pop-Art-Künstler wäre diese Entwicklung kaum möglich gewesen.

Kasten:

Pop Art zum Lesen:

Büchertipps zur art-Serie Tilman Osterwold: Pop Art. Das Buch gibt einen guten Überblick zur klassischen Phase der Pop Art in den sechziger Jahren und ist als Einstieg in das Thema geeignet (Taschen Verlag 1989, 240 Seiten, zahlr.

Farbabb., antiquarisch erhältlich).

Marco Livingstone: Pop Art. A continuing history. Der Untertitel spricht von einer "forgesetzten Geschichte". Der Band beschreibt die Vorläufer und die klassische Phase des Pop ausführlich, schreibt die Historie aber bis in die achtziger Jahre fort (Thames and Hudson 1990, 272 Seiten, 366 Abb.. In Englisch, antiquarisch erhältlich).

Ausstellungskatalog: Pop Life. Warhol, Haring, Koons, Hirst, ... Erschienen zur gerade abgelaufenen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Es geht um die Entwicklung von Pop seit den frühen neunziger Jahren; im Mittelpunkt stehen Selbstvermarkter wie Jeff Koons, Damien Hirst und Takashi Murakami (DuMont Buchverlag, 216 Seiten, zahlr.

Abb., 29,95 Euro).

Walter Grasskamp, Michaela Krützen, Stephan Schmitt (Hrsg.): Was ist Pop?

Zehn Versuche. Eine Sammlung von anregenden und klugen Aufsätze zu Pop- Phänomenen in Kunst, Musik und Medien (Fischer Verlag 2004, 271 Seiten, 13,90 Euro).

Bildunterschrift:

Eine Luxusboutique mitten in der texanischen Wüste: Mit "Prada Marfa" karikiert das Künstlerduo Elmgreen & Dragset seit 2005 den Markenkult

Alles muss raus! Hektische Betriebsamkeit bei der Hirst-Auktion von Sotheby's im Jahr 2008

Der Tanz um das Goldene Kalb mag manchem als Bild für das Auktionsspektakel einfallen - Hirst hatte diesen Bezug in einer Skulptur schon vorweggenommen

Damien Hirst hatte 2008 einiges aufs Spiel gesetzt, als er 223 neue Werke direkt über ein Auktionshaus anbot - ohne Beteiligung einer Galerie

Porno und Kitsch, vereint in einem frivolen, schillernden Pop-Traum: Jeff Koons' "Made in Heaven" 1990 auf der Venedig-Biennale

Koons mit Muskelkörper und Patrick-Swayze-Frisur, Cicciolina in Reizwäsche und Stilettos: "Es war der helle Wahnsinn", sagt der Galerist

Sein großes Vorbild Andy Warhol malte Haring 1986 als Micky Maus: "Andy Mouse" (97 x 97 cm). Rechte Seite: Haring posiert am Eröffnungstag in seinem New Yorker "Pop Shop"

Keith Haring wollte, was Andy Warhol gewollt hatte: Ruhm und eine radikale Verquickung von Kunst und Kommerz

Komar & Melamids absurde Inszenierungen: Oben malt ein Elefant in Thailand nach der Natur, rechts eine Collage mit den Künstlern anstelle von Lenin und Stalin auf dem Roten Platz

"Zubereitung einer Frikadelle aus der Zeitung ,Prawda'" - so etwas fand die sowjetische Führung gar nicht lustig

Kunst mit Markenware:

Thomas Rentmeister verarbeitete schon tonnenweise Nutella- und Penatencreme.

Hier eine Skulptur ohne Titel aus Tempotaschentücher- Großpackungen von 2004 (101 x 491 x 110 cm)

Pop Art ist kein Stil und keine Schule - ihre Strategien sind heute in der Kunst universal verbreitet

Konsumkritik mit den Mitteln der Pop Art: Barbara Krugers Siebdruck "Untitled (I shop therefore I am)" - ich kaufe, also bin ich - von 1987 (282 x 287 cm)

Wird die Botschaft von den Grenzen des Wachstums irgendwann die Millionenstars der Kunst erreichen?