Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 3
Tiefenrecherche in Kapstadt und Johannesburg
Von Tim Sommer
Liebe Leserin, lieber Leser, man muss den Anlass nehmen, wie er kommt, und sei er so kunstfern wie eine Fußball-WM. In dieser Ausgabe richten wir unseren Fokus auf Südafrika - und sind bereit, viel zu lernen. Die Klischees sind alt und hartnäckig.
Im Land der Apartheid waren die Weißen böse und die Schwarzen gut. Die Kunst aus Afrika, so sie Eingang in die Biennale und Documenta fand, bediente nur zu oft die politisch korrekten Gemeinplätze und die postkoloniale Lust an bunter Exotik. Die Werke erkannte man in der Regel ganz leicht an der Verwendung von farbenfrohen Stoffen und den pittoresken Utensilien der Armut. Unsere Autorin Camilla Péus ist für unsere Titelgeschichte gemeinsam mit dem südafrikanischen Fotografen Chris Saunders viele Tage zur Tiefenrecherche in Kapstadt und Johannesburg unterwegs gewesen. Ganz bewusst haben wir afrikanische Starkünstler ausgeklammert, die längst in den Kunstmetropolen von Europa und Amerika leben.
Die junge Generation vor Ort ist - ob schwarz, ob weiß - von der Zeit nach der Apartheid geformt, in der die einfachen Muster längst nicht mehr greifen. Der Reichtum ist immer noch sehr ungleich verteilt, aber statt Rassentrennung prägen nun Korruption, Vetternwirtschaft und eskalierende Gewalt die Gesellschaft.
Aber eben auch Freiheit, Aufbruchstimmung, Hoffnung, Diskussion und Kritik.
Ein Land voller Widersprüche auf der Suche nach Zukunft - gibt es ein besseres Klima für Kunst? Wir haben eine begeisternde Szene gefunden, die geprägt ist von diesen Kontrasten und Kämpfen, die sich einmischt, sich engagiert, die großen Themen beackert.
Der Fotograf Pieter Hugo zeigt parallel zur WM in London und Kapstadt seine Dokumentation über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf einem Müllplatz in Ghana, wo Tagelöhner westlichen Elektroschrott verbrennen, um Metall zu gewinnen. "Ich hasse Fußball", sagt Hugo, "aber die Arbeit ist ein schöner Kontrast zu dem ganzen Hype."
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Jenseits der alten Klischees: Autorin Camilla Péus mit dem weißen Fotografen Pieter Hugo und dem schwarzen Bildhauer Nicholas Hlobo
