Ausgabe: 06 / 2010

Zwischen Wagner und Beuys

PORTRÄT Film- und Theatermacher Christoph Schlingensief soll den deutschen Pavillon in Venedig bespielen - eine Entscheidung, die hoffen lässt

TILL BRIEGLEB

Nicht viele Künstler gibt es, die in einem linken Kreuzberger Hinterhofkino genauso zu Hause sind wie auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, die im Fernsehen moderieren können und trotzdem zur Documenta eingeladen werden. Man müsste meinen, diese Person sei die lauwarme Konsensfigur der deutschen Harmoniekultur, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Christoph Schlingensief, 49, hat sein Leben lang Kunst erdacht und erspielt, die Grenzen überschritt.

Grenzen des guten Geschmacks, des politischen Anstands, der Geduld seiner Zuschauer und der leichten Zustimmung.

In seiner mittlerweile 30-jährigen Schaffenswut hat er "Hamlet" mit reuigen Neonazis inszeniert und mit dem Publikum seiner Aufführung am Hamburger Schauspielhaus die Zentrale der Scientologen gestürmt, Big Brother mit Asylbewerbern in Wien gespielt und mit seiner Partei Chance 2000 am Bundestagswahlkampf teilgenommen. Das ehrenwerte Wagner-Publikum in Bayreuth schockte er mit dem Video eines verwesenden Hasen, überzeugte es aber dennoch durch seine intensive Auseinandersetzung mit dem Komponisten. Klare politische Beschimpfungen scheute er so wenig wie rätselhafte Predigten über das zitternde Weltall und zuletzt ein Bekenntnis zu Gott. Seit 2008, als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde, setzte er sich in theatralischen Großereignissen mit dem Sterben auseinander und verfolgt, selbst von Chemotherapie und der Entfernung eines Lungenflügels geschwächt, seinen Plan, das "Festspielhaus für Afrika", ein Projekt, das in Form eines Operndorfs in Burkina Faso schon begonnen wurde.

Auf Einladung der Kuratorin Susanne Gaensheimer soll Schlingensief, der schon 2003 mit seinem Projekt "Church of Fear" auf der Biennale in Venedig vertreten war, nun den deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 bespielen. Und diese Kombination von Ort und Künstler verspricht endlich wieder eine adäquate Umwandlung des Gebäudes.

Denn dieser strammdeutsche Kunsttempel mit seiner NS-Kraftarchitektur braucht starke zersetzende Gegenkräfte, damit er benützt werden kann. Hans Haacke, der das national Symbolheischende des Gebäudes ins Absurde übertrieb, oder Gregor Schneider, der ein schräges Wohnhauslabyrinth hinter das martialische Säulenportal baute, haben einst diesen Kraftakt bewältigt, weil sie das Deutsche als Aufgabe ernst genommen haben - wie Schlingensief es sein Leben lang auch schon tut. Seine performativen Großereignisse haben dabei zwei Säulenheilige: Richard Wagner und Joseph Beuys. Er sucht diese widersprüchlichen, extremen Spannungsverhältnisse, um sich, seine Botschaften und seine Arbeit voranzutreiben.

Dem deutschen Pavillon in Venedig kann das nur gut tun.

Bildunterschrift:

Venedig-Team: Susanne Gaensheimer, Christoph Schlingensief

Pfahlsitze der "Church of Fear": Schlingensief-Aktion auf der Venedig-Biennale 2003

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