Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 116-117
Filmstreifen mit Badesalz
Von Sandra Danicke
VORSCHAU Geritzt, vergraben, geätzt, mariniert - was Künstler alles mit Filmmaterial angestellt haben
Zelluloid - Film ohne Kamera - Schirn, Frankfurt/Main 2.6.-29.8.2010
Auf frische Zubereitung legte Tony Conrad 1973 größten Wert. Sein "Sukiyaki" sollte unmittelbar vor dem Genuss angerichtet werden. Also nahm der Amerikaner Eierscheiben, Fleisch und Gemüse, legte einen Filmstreifen darin ein und projizierte ihn mit allen Zutaten, die daran klebten, auf die Leinwand. Die Schirn-Kunsthalle zeigt nun eine ganze Reihe solcher Filme, die nicht mit konventionellen Geräten, sondern durch die direkte Bearbeitung des Filmstreifens mit Chemikalien, Lebensmitteln, Ritzwerkzeugen oder etwa durch Vergraben entstanden sind. Als ein Pionier gilt der Neuseeländer Len Lye, der in den dreißiger Jahren existierendes Material durch einen Spektrografen in monochrome Farbbilder zerlegte und rhythmisch arrangierte. Im amerikanischen Avantgardefilm der Nachkriegszeit tat sich vor allem Stan Brakhage mit Filmen hervor, die durch verschiedene technische Bearbeitungen als neuartige Form abstrakter Malerei interpretiert werden können. Dass sich auch heute noch Filmkünstler vom Zelluloid herausgefordert fühlen, belegen Arbeiten der Amerikanerin Jennifer West, die 2004 Kollegen bat, ein Stück Film in einem Gebräu ihrer Wahl, darunter Badesalz, Haarfärbemittel, Eiscreme oder Cola, zu "marinieren" und sogar Skateboarder über Filmstreifen fahren ließ.
Der Katalog erscheint im Kerber Verlag und kostet 28 Euro
Bildunterschrift:
Oben: "70- mm-Film mit dickem, schwerem, schwarzem Eyeliner, der verschmiert" (2008) von Jennifer West.
Links: "Stadt in Flammen" (1984) vom Filmkollektiv Schmelzdahin
