Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 124-125
Kunst ist eine Gefahr und ein Freizeitspaß
Von Ralf Schlter
KULTURPOLITIK Seit den Olympischen Spielen ist das Klima für Künstler in China rauer geworden - das zeigt aktuell der Fall von zwei Bildern, die nicht ins Land gelassen wurden. Doch in Peking sind Künstler beides: gefährdet und etabliert
RALF SCHLÜTERDas chinesische Kulturministerium hatte in den letzten Jahren das Entstehen einer zeitgenössischen Kunstszene im Land zwar mit Argwohn betrachtet, zugleich aber auch davon profitiert. Nun wurde die Einfuhr zweier Gemälde des Malers Yang Shaobin, 46, nach China abgelehnt - ein neuartiger Fall von Zensur. Die Bilder gehören einer indonesischen Stiftung, sie sollten zu Restaurierungszwecken aus Singapur für eine begrenzte Zeit nach China gebracht werden. Das für Import und Export zuständige Pekinger Büro des Ministeriums lehnte die Einfuhr mit der Begründung ab, die Werke seien "zu blutig und gewalttätig".
Eines der beiden Bilder zeigt einen offenbar blutenden, angeschlagenen Pandabär. Auf dem anderen, "Soon freezes male infant" von 2006, sind zwei verletzte nackte, offenbar behinderte Kinder zu sehen; das Motiv fand Yang vermutlich auf einer Reise in die Bergbauregion Tangshan in der Provinz Hebei, wegen extremer Umweltverschmutzung war sie lange Zeit nicht zugänglich.
Yang ließ sich von behinderten Kindern, die er in der Region sah, zu dem Bild anregen. Der Berliner Galerist Alexander Ochs, 56, der seit vielen Jahren mit dem Maler zusammenarbeitet, sieht in dem Fall ein Zeichen veränderter chinesischer Kulturpolitik (siehe Interview).
Das Bild ist widersprüchlich:
Ein Teil der Pekinger Kunstszene wird gegängelt, ein anderer längt kommerzialisiert und damit verharmlost. Das mittlerweile weltberühmte Künstlerviertel 798 verkommt zur Freizeitattraktion; Hochzeitspaare nutzen es als Fotokulisse, während die meisten relevanten Protagonisten ihre Räume im Viertel verlassen haben: darunter auch Huang Rui, der als Vater von 798 gilt. Die Szene sammelt sich jetzt etwas weiter außerhalb im Viertel Caochangdi. Der Deutsche Alexander Ochs und der Schweizer Urs Meile haben ihre Galerien hierher verlegt; heimliches Zentrum ist aber der Atelierkomplex des mittlerweile weltberühmten Künstlers und Dissidenten Ai Weiwei. Auch dessen Zukunft ist unklar: Es gibt Bestrebungen, das Viertel zu schließen, viele Gebäude dort sind ohne Genehmigung errichtet worden. Zugleich bewerben die Behörden aber mit großen Bannern stolz den "Art District".
Bildunterschrift:
Ai Weiwei, Chinas berühmtester Künstler, kam im Jahr 2000 nach Caochangdi; er entwarf auch diese Backsteinsiedlung für Künstler
Zensiert: "Soon freezes male infant" von Yang Shaobin (2006, 260 x 180 cm)
"Suchen Sie ein passendes Kunstwerk für ihr neues Zuhause?" - im ehemals wegweisenden Kunstviertel 798 finden sich heute auch Ramschangebote
Beliebte Fotokulisse für besondere Anlässe: Hochzeitspaar in 798
