Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 110

Muff weicht Putz und Tand

Von Birgit Sonna

KRITIK Mit tausend Meisterwerken aus drei Epochen wagt sich das Nürnberger Museum an die überfällige Neupräsentation seiner Sammlung

Renaissance. Barock. Aufklärung - Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, seit 18.3.2010

Wie im goldenen Zeitalter Nürnbergs gibt der Held der Stadt im frisch herausgeputzten Obergeschoss des Galeriebaus den Takt vor: Albrecht Dürer, Nürnbergs berühmtester Sohn, schart in der sanierten Schausammlung des Germanischen Nationalmuseums eine Entourage von Vorbildern und Verehrern um sich. Kaum dass man eingangs die neuzeitliche Sektion der Zeit- und Weltauslotung mit ihren Instrumenten und Globen passiert hat, ragen Dürers berühmte Kaiserbildnisse majestätisch auf.

Phantasmenhaft züngelt ein Drachenleuchter von Veit Stoß über dem Nürnberger Kunstpanorama nach 1500. Betont interdisziplinär lässt Projektleiter Daniel Hess das alte Konzept einer rigiden Gemäldegalerie hinter sich. Weder Meister- noch Kunsthandwerk, weder Skulptur, Möbel noch Musikinstrument sind separiert, sondern ergänzen sich zu anschaulichen Episoden deutscher Kulturgeschichte von der Renaissance bis zur Aufklärung. Hess möchte auch in stilistischer Hinsicht die "Gleichzeitigkeit des Unzeitgleichen" vor Augen führen.

Was für ein Schatzhaus an gesamtkulturellen Raritäten das GNM ist, zeigt auch der weibliche Putz und Tand. Ein mit gut erhaltenen Gewändern ausstaffierter Raum zu den Pilgerfahrten stellt das nicht immer religiös motivierte Interesse der fernsüchtigen Wanderer heraus.

Rundum gelungen ist diese auch nach klimatechnischen Gesichtspunkten seit 2004 betriebene Sanierung von insgesamt 33 Ausstellungsräumen. Dem als etwas muffig verschrienen Haus wurde durch den neuen taubenblauen Wandanstrich eine lockende Folie verpasst. In den Seitenkabinetten findet sich die Reformationsgeschichte sowie die Idee der Wunderkammer als Beginn des Sammelns aufbereitet. Dies ganz ohne pädagogischen Zeigefinger, sondern in erlesenen Schriftstücken, Druckgrafiken und Unikaten.

Leider schwingt man sich in der begleitenden Publikation nicht so beherzt zu zeitgemäßer Vermittlung auf. Der in staubtrockenem Kunsthistorikerjargon verfasste dicke Katalog mag für Universitätsbibliotheken geschaffen sein, Laien dürften unter der spannungslosen Textlast von über 500 Seiten eher stöhnen.

Der Katalog ist im Verlag des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg erschienen und kostet im Buchhandel 65 Euro, im Museum 49 Euro

Bildunterschrift:

Saal mit Skulpturen von Ehrgott Bernhard Bendl und Gemälden vor taubenblauem Wandanstrich