Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 112
Stil, Spiel, Sport und Spaß
Von Mirja Rosenau
VORSCHAU Neue Denkschleifen des preisgekrönten britischen Konzeptkünstlers
Ryan Gander - Haus Konstruktiv, Zürich, 10.6.-8.8.2010
Wäre der Mensch eine Stechmücke, hielte das mit der Wärmekamera aufgenommene Porträt Ryan Ganders überlebenswichtige Informationen für ihn bereit.
So aber bringen ihn die Farbfelder nicht wirklich weiter. Der gut durchblutete Kopf auf dem Foto, das den Künstler beim Nachdenken über seinen Bildtitel zeigt, mag signalrot leuchten: Den Inhalt seiner Gedanken legt am Ende auch die höchst entwickelte Aufnahmetechnik nicht frei.
Auch andere Arbeiten des 1976 geborenen Künstlers ziehen die Seligmachung quasi wissenschaftlich ermittelter Bildinformation in Zweifel. Aus dem wissenschaftsgläubigen Geist der modernistischen Avantgarde geborene Objekte wie den berühmten Rietveld-Stuhl ließ Gander in demonstrativer Nichtbeachtung der Bauanleitung von Kindern zu schrägen Gebilden zusammenzimmern.
Eine reichlich objektivistische Arbeit seines Kollegen Christopher Williams, die ganz selbstbezüglich ihre eigene Existenzgrundlage zeigt - ein abfotografiertes Kameraobjektiv nämlich -, lichtete Gander einfach noch einmal ab und öffnete so spielerisch ihre Werkgeschlossenheit (wenn auch nur für eine weitere Denkschleife).
Auch die Betonköpfigkeit eines Piet Mondrian und Theo van Doesburg nimmt Gander im zeitlichen Abstand von knapp 80 Jahren sportlich, wie eine von insgesamt rund 35 überwiegend neu für das Zürcher Haus Konstruktiv entstandenen Arbeiten beweist. Ein Streit um die Zulässigkeit von Diagonalen in der Kunst hatte die beiden Freunde einst entzweit. Für Gander ein Anlass, nun frei von solch verbissener Stilversessenheit munter einige 100 Pfeile diagonal in den Boden des Ausstellungsraumes zu schießen.
Im Verlag JRP Ringier erscheint ein Künstlerbuch
Bildunterschrift:
Ryan Ganders "Porträt des Künstlers beim Nachdenken über diesen Titel" (2010)
