Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 108-110
Die Würde der Migranten
Von Petra Bosetti
VORSCHAU Drei Fotoserien des amerikanischen Vertreters der konzeptuellen Fotografie
Larry Sultan - Kestnergesellschaft, Hannover, 11.6.-22.8.2010
Man könnte bei dem Namen "Tortilla Curtain" zunächst arglos an ein mexikanisches Restaurant denken. Doch dieser "Vorhang" ist in Wirklichkeit ein bis zu viereinhalb Meter hoher Zaun, der eine 3200 Kilometer lange Grenze zwischen Mexiko und den USA abschottet. Sie trennt Arm von Reich und hat keinen anderen Sinn, als mexikanische Migranten von der Einreise in die USA abhalten. Viele Mittelund Südamerikaner haben den "Sueño americano". Dieser "amerikanische Traum" lässt sie auf ein besseres Leben im Gelobten Land des Kapitalismus erhoffen. Trotz der scharf bewachten Grenze kommen jedes Jahr bis zu 500 000 Menschen illegal in die USA. Diese Migranten sind die Hauptdarsteller in einer Fotoserie des 2009 gestorbenen Fotografen Larry Sultan, eines der wichtigsten Vertreter der konzeptuellen Fotografie. Die mexikanischen Tagelöhner stehen vorzugsweise an den Rändern von Wohlstandsvierteln in Kalifornien wie Laguna Beach, wo das Pro-Kopf-Einkommen der Einwohner dreimal so hoch ist wie der Landesdurchschnitt der USA, und warten auf Arbeitgeber. Die bieten ihnen schlecht bezahlte Jobs als Pflücker in den Erdbeerfeldern an, setzen sie als Maurer oder in anderen einfachen Tätigkeiten ein.
Larry Sultan hat sie engagiert und für die Serie "Homeland" (2006/09) in dem Ambiente fotografiert, das für die Migranten den amerikanischen Traum schlechthin bedeutet: in den heimeligen, ordentlich ausgerichteten, sauberen und Wohlstand demonstrierenden Wohnsiedlungen. Und erreicht damit zwei Dinge. Zum einen drücken seine Aufnahmen eine subtile, aber unübersehbare Kritik am American way of life aus, zum anderen aber wird eine warmherzige, emotionale Sicht auf die Arbeiter spürbar, die in den Bildern Würde und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Für die Ausstellung in der Hannoveraner Kestnergesellschaft hat Kurator Martin Germann - noch gemeinsam mit Larry Sultan - drei Fotoserien ausgewählt.
Darunter die sehr persönliche Reihe "Pictures From Home" (1982/92), in der Sultan sich mit seiner familiären Herkunft auseinandersetzt. Sein Vater in steifer Haltung auf einem Bett sitzend oder vor einem fast surrealistsich wirkenden, leeren Swimmingpool stehend, seine Mutter vor einer grünen Wand posierend - diese Fotos arrangiert Kurator Germann zusammen mit ganz normalen Familienfilmen der Sultans.
Seine Eltern, so der Fotograf, "stellten die dokumentarische Wahrheit der Bilder in Frage, die diese zu haben schienen". Er selbst wollte "diese sentimentalen Homevideos und Schnappschüsse mit meinen eher streitbaren Aufnahmen des vorstädtischen Alltagslebens unterwandern". Für die Serie "The Valley" (1998/2004) - das San Fernando Valley, wo Sultan aufwuchs - ging der Fotograf einem bizarren Phänomen nach:
Die Talbewohner vermieten ihre Mittelklassehäuser als Drehorte für Pornofilme.
Larry Sultan beobachtete mit dem Fotoapparat die Filmsets und die Protagonisten - freilich nicht in Aktion vor der Filmkamera sondern in den Drehpausen, in denen Langeweile, Erschöpfung und Überdruss überwiegen.
Der im Steidl Verlag erschienene Katalog kostet in der Kestnergesellschaft 35 Euro
Bildunterschrift:
Migrant im bürgerlichen Idyll: "Antioch Creek" (2008) aus der Serie "Homeland"
Vater in surrealer Kulisse: "Empty Pool" (1991) aus der Reihe "Pictures From Home"
