Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 115
Ausradierte Hoffnungen
Von Heinz Peter Schwerfel
KRITIK Große Überblicksschau mit Künstlern aus Mittel- und Osteuropa
Les Promesses du passé - Die Versprechen der Vergangenheit - Centre Pompidou, Paris, 14.4.-19.7.2010
Kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ließ sich der Zeichner Dan Perjo vschi den Namen seines Heimatlandes Rumänien auf die Schulter tätowieren. Schon ein Jahrzehnt später wurde er 2003 unter öffentlich ertragenen Schmerzen wieder von der Haut radiert - das von Diktator und Kommunismus befreite Land hatte Perjovschis Hoffnung auf eine neue nationale Identität nicht erfüllen können.
Um Widerstand, Hoffnung und Enttäuschung in den kommunistischen und nachkommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas geht es in der großen Schau des Centre Pompidou, die unter dem Titel "Die Versprechen der Vergangenheit" die Utopien der Moderne anmahnt. Gezeigt werden Werke von Vorkämpfern wie dem slowakischen Fluxus-Erben Július Koller oder der frühen kroatischen Feministin Sanja Ivekovic ´. Aber auch die heutige Erbengeneration kommt zu Wort, mit dem Albaner Anri Sala, dem Rumänen Mircea Kantor oder dem Slowaken Roman Ondák etwa.
Schwarzweiße Dokumente und Handkameravideos stehen im Zentrum der formal kargen Schau. Sie beschwört eine kleine, aber äußerst aktive Kunstszene, die sporadisch Kontakt mit anreisenden West-Kollegen pflegt und in kreativem Versteckspiel mit der Zensur an einer besseren Gesellschaft arbeitet.
In Zagreb experimentiert die spätere Körperkunstheldin Marina Abramovic´ Anfang der siebziger Jahre noch mit Toninstallationen, während Tomislav Gotovac´ sich zehn Jahre später filmen lässt, wie er nackt durch die Straßen flitzt, bis die Polizei ihn stoppt.
Den alltäglichen Zickzacklauf der Künstler gegen repressive Staatsapparate thematisiert auch die polnische Künstlerin Monika Sosnowska in einer grandiosen Ausstellungs architektur, die mit gezackten Stellwänden im großen Erdgeschoss intime Kabinette schafft, um den Besucher im nächsten Augenblick wieder in Richtung Straßenfront und zur urbanen Wirklichkeit zu drängen. Alles in allem eine Schau, die eindrücklich die künstlerischen Versuche resümiert, sich gegen das herrschende System zu stemmen.
Der Katalog erscheint bei JRP Ringier in Englisch und kostet 44,90 Euro
Bildunterschrift:
Monika Sosnowskas Ausstellungsarchitektur stellt eine kluge Verbindung von Innen- und Außenraum her
