Ausgabe: 06 / 2010
Seite: 111

Melancholie und Schmerz

Von Gerhard Mack

VORSCHAU Eine Retrospektive gibt den bisher umfassendsten Überblick über das medial vielfältige Werk des in New York lebenden Schweizer Künstlers

Ugo Rondinone. Die Nacht aus Blei - Aargauer Kunsthaus, Aarau, 13.5.-1.8.2010

Der einsame Streuner Matthieu geht in Hans Henny Jahnns Erzählung "Die Nacht aus Blei" (1956) durch die Straßen einer toten Stadt und begegnet seinem jüngeren Ich, das gerade dahinstirbt. Solch abgrundtiefe Verlorenheit hat Ugo Rondinone schon immer interessiert. Die frühen großformatigen Tuschelandschaften des 1964 geborenen Schweizer Künstlers wirkten wie virtuose Exerzitien eines Zeichners, der die Leere der Tage füllen muss. Und in den späteren Selbstinszenierungen, in denen sich Rondinone mal als Girlie, mal als Vamp darstellt, führt er die Schwierigkeit vor, eine Identität auszubilden, die durch etwas anderes als permanenten Wechsel bestimmt ist.

Der in New York lebende Künstler hat alles getan, um diffusen Stimmungen präzisen Ausdruck zu geben: Die latente Aggression, die Melancholie und auch der Humor, die in der Unbestimmtheit der Identitätsfindung gründen, treten auch in den lebensecht aussehenden Clowns zu Tage, die Rondinone gerne am Boden platziert. Wer den Blues hatte oder dringend ein Chill-out brauchte, fand in gelben Farbräumen mit Ambient-Sound eine geeignete Atmosphäre.

Im Aargauer Kunsthaus fügt Rondinone seine postexistentalistischen Klagelieder nun zu einem Kosmos zusammen. Jahnns Erzählung setzt das Motto für eine Wanderung, die vom Abguss eines häuslichen Kamins zu Darstellungen einer Sternennacht führt. Ein in Metall nachgebildeter Olivenbaum wäre da vielleicht als Zeichen der Hoffnung auf die heilende Kraft der Natur zu deuten. Wenn da nicht zwei gigantische Glühbirnen an die elektrifizierten Metropolen erinnerten. Die regenbogenfarbigen Leuchtbotschaften, die Rondinone gelegentlich in den Stadtraum entsandte, gehören der Vergangenheit an. Die Welt ist in seiner bisher größten Retrospektive härter und kälter geworden.

Zur Ausstellung erscheint am 13. Juni eine Monografie im Verlag JRP Ringier

Bildunterschrift:

Rondinones Wachsabgüsse "The twenty-first hour of the poem" (2008, jeweils 140 x 82 x 82 cm)