Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 101
Teiche aus Farbfeldern
Von Merten Worthmann
KRITIK Die Ausstellung feiert Monet als Vorbild der Abstrakten Expressionisten
Monet und die Abstraktion Museo Thyssen-Bornemisza & Fundación Caja Madrid, 23.2.-30.5.2010
Um festzuhalten, was er in der Natur erlebe, schreibt Claude Monet (1814 bis 1926) in einem Brief von 1912, müsse er "oft sogar die elementaren Regeln der Malerei vergessen - vorausgesetzt, es gibt sie überhaupt".
Nur wenige Jahre später wird er die berühmten Seerosenbilder und andere technisch befreite Ansichten seines Gartens schaffen.
Parallel ist allerdings die Zeit des Kubismus angebrochen, der selbst eine Kettenreaktion avantgardistischer Impulse auslöst. Die Größe von Monets Spätwerk wird deshalb lange verkannt. Erst mit dem Boom des Abstrakten Expressionismus in den fünfziger Jahren fällt plötzlich auf, wie weit er bereits ins Terrain der Abstraktion vorgestoßen war.
Das Museum Thyssen-Bornemisza und die Fundación Caja Madrid haben jetzt "Monet und die Abstraktion" für einen Direktvergleich zusammengebracht. Die von Paloma Alarcó kuratierte Ausstellung ist vor allem formal organisiert und bündelt die Werke nach Themen. Knapp die Hälfte der rund 100 Bilder stammt von Monet, die andere versammelt von Jackson Pollock über Willem de Kooning bis zu Mark Rothko Stars des Abstrakten Expressionismus und ein paar Namen darüber hinaus (Katalog:
45 Euro. Weitere Station: Musée Marmottan Monet, Paris).
Das Konzept mag schlicht sein, die Ausstellung ist trotzdem ein Vergnügen. Denn die Gegenüberstellung provoziert eine laufende Justierung des eigenen Blicks. Mal gelingt es, in Monet einen frühen Sam Francis zu sehen, dann wieder erscheinen Clyfford Stills gezackte Farbfelder wie extrem reduzierte Teichszenen. So handelt die Schau auch von antrainierten Lesarten und dem Spiel damit. Dabei faszinieren oft gerade jene Bilder, die an der äußersten Grenze zwischen Abstraktion und Figuration stehen.
Bilder von Helen Frankenthaler oder De Kooning etwa, in denen man immer wie der (fast!) etwas zu erkennen glaubt. Oder Monets Bilder von der Brücke im Garten, deren Bogen nur noch vage Schemen markieren.
Am Ende der Ausstellung hängt als kluger Schlusspunkt Gerhard Richters Fotogemälde "Seestück (bewölkt)". Ganz und gar nicht abstrakt, auf den ersten Blick. Bis man sich darin vertieft.
Bildunterschrift: Ähnlicher, als es auf den ersten Blick vielleicht scheint: Gemälde von Mark Rothko und Claude Monet
