Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 146

"Immer mit dem Bauch gekauft"

Von Ute Thon

Sammeln lohnt sich - ein Gespräch mit Gerhard Lenz, dessen ZERO-Sammlung bei Sotheby's Rekordpreise erzielte

Anfang Februar wurden bei Sotheby's in London 49 Werke der ZERO-Gruppe aus der Sammlung Lenz Schönberg zu Rekordpreisen versteigert. Mit Arbeiten von Künstlern wie Yves Klein, Lucio Fontana, Günther Uecker und Otto Piene brachte die Auktion über 26 Millionen Euro ein, doppelt so viel wie geschätzt. Ein tolles Ergebnis für das Sammlerpaar Anna und Gerhard Lenz, die sich seit den sechziger Jahren auf ZERO, diese bedeutende Kunstströmung der Nachkriegszeit, konzentrieren. Das Ergebnis ist auch ein Plädoyer für eine konsequente Sammel strategie, die nicht auf Trends setzt, sondern auf individuellen Geschmack. art: Herr Lenz, warum haben Sie jetzt einen Teil Ihrer bedeutenden ZERO-Sammlung bei Sotheby's versteigern lassen?

Lenz: Wir haben es in unserem Enthusiasmus zu 600 Bildern gebracht. Und da wir uns jetzt in einem Alter befinden, in dem wir uns über unser Erbe Gedanken machen, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen.

Denn wir wollen unsere beiden Söhne mit der Pflege unserer Sammlung nicht unnötig belasten. Der Erlös aus der Auktion soll in eine Stiftung fließen, die dann den Bestand der Sammlung sichern hilft.

Heißt das, eine Kunstsammlung kann bei aller Freude auch zur Belastung werden?

Nein. Aber zu einer Aufgabe! Ich habe immer gesagt, dass man an Kunst kein Eigentum erwirbt. Man hat einen Besitz, den man in Ordnung zu halten hat, den es kunsthistorisch zu betreuen und konservatorisch zu pflegen gilt.

Wie kam es überhaupt, dass Sie sich auf diese eine Kunstrichtung beschränkt haben?

Das ist ganz einfach: Weil ich es selbst bin. Die Künstler sind ja meine Altersgenossen, sind also auch alle um die 80. Aber wirklich ausschlaggebend war die Qualität der Kunst.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Stücke, die Sie erworben haben, vorgegangen?

Ich habe immer mit dem Bauch gekauft. Es waren ganz spontane Entscheidungen. Die Sachen, die mich interessierten, waren immer spröde, für andere kaum zugänglich.

Eine Frage zum Geld: Haben Sie sich immer eine bestimmte Summe Ihres Einkommens oder Vermögens für Kunst zurückgelegt?

Nein. Wenn man es rückwirkend betrachtet, war das frevelhaft. Wir hatten kein Budget.

Ich habe keinerlei Rücksicht genommen.

Haben Sie sich beim Kunstkauf auch mal übernommen?

Aber gewaltig! Wissen Sie, mit einem Sammler, der wirklich passioniert ist, geschieht das immer wieder. Wir haben uns alle schon mal hoch verschuldet.

Im Zusammenhang mit Kunstsammeln wird immer wieder von Investment und Rendite geredet. Sind Kunstwerke gute Geld anlagen?

Ja, wenn man etwas von Kunst versteht. Aber ich glaube, mit dem Bekanntheitsgrad eines Künstlers geht die Qualität seiner Kunst bei weitem nicht einher. Als ich anfing zu sammeln, hatten alle Künstler, die sich in unserer Sammlung befinden, noch keinen Namen.

Wir hätten auch Picasso sammeln können. Aber ich habe das mit meiner Frau besprochen und bewusst nicht getan. Wir mussten das sammeln, was wir selbst sind.

Gibt es eine andere Kunstrichtung, die Sie interessiert hätte, der Sie sich wegen Ihrer Liebe zu ZERO nicht gewidmet haben?

Zurück. Für mich geht's, wenn überhaupt, nur zurück. All die hochgepushten Namen, die heute Millionen kassieren, wandern in 20, 30 Jahren in die Keller der Museen. Aber natürlich würde ich gern irgendwo ein Matisse- Bild klauen.

Was würden Sie jungen Sammlern raten?

ZERO sammeln. Das was in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren in Europa mit der ZERO-Bewegung passiert ist, ist unübertroffen und mit Abstand das wichtigste, was nach dem Krieg gemacht worden ist und bleibt. Alles andere, was jetzt so hochgeschaukelt wird, wird verschwinden.

Wie schmerzhaft war es jetzt, Stücke aus der Sammlung zu verkaufen?

Sehr schmerzhaft! Eine Auktion ist für einen Sammler, der jedes Bild der Sammlung mit Herzblut über 50 Jahre erobert hat, ein einschneidendes Erlebnis.

INTERVIEW:

Bildunterschrift:

Highlight aus der Sammlung Lenz Schönberg:

Lucio Fontanas "Concetto Spaziale, Porträt von Carlo Cardazzo" (1956)

Keine Lust auf hochgeschaukelte Kunst:

ZERO-Sammler Gerhard Lenz

"All die hochgepushten Namen, die heute Millionen kassieren, wandern in 20, 30 Jahren in die Museumskeller"