Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 108-109
Raffinierte Falle
Von Michael Kohler
KRITIK In Düsseldorf wird aus der Not eine Tugend und aus zwei guten Sammlungen eine bessere gemacht
Silent Revolution K21 - Ständehaus, Düsseldorf, 27.2.-13.6.2010
An regnerischen Tagen kam der Besucher der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein- Westfalen um nasse Füße nicht herum.
Jedenfalls, wenn er vom Grabbeplatz, dem Stammsitz des Museums, ins zwei Kilometer entfernte Ständehaus wechseln wollte, wo die berühmte Sammlung von Werken des 20. Jahrhunderts um Arbeiten der Gegenwartskunst erweitert wird. Über diese Epochenschwelle kann man eigentlich nur schmunzeln, weshalb Marion Ackermann, die neue Direktorin, jetzt aus der Not - am Grabbeplatz wird noch bis Juli gebaut - eine Tugend gemacht hat und beide Sammlungen in einer Ausstellung zusammenführt. Über deren Titel "Silent Revolution" lässt sich streiten: Einerseits wird mit dem "Dialog" zwischen moderner und zeit- genössischer Kunst etwas Selbstverständliches gezeigt. Andererseits arbeitet Ackermann vielleicht schon an der nächsten, diesmal didaktischen Revolution, indem sie anerkannte Meisterwerke als Lockmittel für ein der Gegenwartskunst gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossenes Publikum benutzt.
Kaum angekommen, sitzt man auch schon in der pädagogisch raffinierten Falle.
Geradezu schulbuchmäßig wird der Besucher durch Themen- und Motivfelder der Kunstgeschichte geführt und lernt an vorzüglich ausgesuchten Beispielen, was etwa Pierre Bonnard, Henri Matisse und Donald Judd verbindet: die allmähliche Loslösung der Farbe vom Gegenstand. Im Alptraumreich führt der Weg über René Magritte und Katharina Fritsch bis zu Gregor Schneider, und die Gesellschaftsporträts von Otto Dix finden ein Echo in Stefan Hablützels lebensechten, hängenden Figuren.
Insgesamt sind die Klassiker in der Überzahl und meist als Tafelbild vertreten; bei den Zeitgenossen überwiegen Installationen und Objekte, was dem Skulpturengarten unterm Glasdach leider allzu wenig sehenswerte Exponate übrig lässt. Abgesehen von dieser Verlegenheitslösung ist die stille Revolution jedoch gelungen: Aus zwei guten Sammlungen wurde nach dem Motto "Mit Speck fängt man Mäuse" eine bessere gemacht.
Bildunterschrift:
Lösen die Farbe vom Gegenstand:
Werke von Donald Judd (vorn), Pierre Bonnard (links) und Henri Matisse (hinten rechts)
