Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 106
Von Giganten und Genitalien
Von Ute Thon
KRITIK Zu viel Haut, zu wenig Raum - Jeff Koons macht bei seinem Kuratorendebüt typische Anfängerfehler
Skin Fruit. Sammlung Dakis Joannou New Museum, New York, 4.3.-6.6.2010
Bereits im Vorfeld wurde über diese Ausstellung schon heiß diskutiert. Da war von "inzestuösen Verhältnissen" die Rede und von mangelnder Unabhängigkeit. Denn der griechische Sammler Dakis Joannou, aus dessen Sammlung erstmals rund 100 Werke in New York zu sehen sind, sitzt im Aufsichtsrat des New Museum und ist mit Jeff Koons, dem Kurator der Schau, eng befreundet. Doch wie sich jetzt zeigt, ist Joannou nicht das Problem und auch nicht seine Sammlung aktueller Kunst, die zweifellos zu den spannendsten weltweit gehört.
Das Problem ist die Auswahl. Koons hat unter dem Titel "Skin Fruit" ein wildes Sammelsurium körperbetonter Arbeiten zusammengestellt (Katalog: 45 Dollar).
Selten gab es in einer Ausstellung so viel exhibitionistische Figuration. Da überragt Charles Rays kühle blonde Riesenfrau die Besucher, Roberto Cuoghis Riesenengel "Pazuzu" (2008) thront wie eine Gottheit über der Szenerie, und Liza Lous paillettenbesetzte "Super Sister" wehrt lüsternde Blicke mit einem Maschinengewehr ab. An der Wand hängt ein echter Mann mit Dornenkrone und Lendenschurz am Kreuz - die Arbeit "Schedule of the Crucifix" (2005) von Pawel Althamer.
Ein Stockwerk tiefer dominiert David Altmejds "Giant" (2006), eine gigantische nackte Männerfigur aus Kunstharz, Holz und Spiegelkristallen, den Raum, während Urs Fischers lebensgroße, brennende Kerze in Form eines Frauenakts langsam vor sich hinschmilzt und Kiki Smith' nackte Wachsfiguren "Mother/Child" (1993) gedankenverloren masturbieren.
Für sich genommen sind das alles starke Arbeiten. Doch die Summe ergibt hier weniger als ihre Einzelteile. Koons hat als Kurator einen typischen Anfängerfehler gemacht, nämlich zu viel auf einmal zeigen zu wollen. Statt sich auf wenige Werke zu beschränken und diese in einen spannungsreichen Dialog treten zu lassen, setzt er auf dichtgedrängten Jahrmarktrummel. Nur in einer Hinsicht hielt sich der Superstarkünstler zurück. Von sich selbst zeigt er nur ein einziges Werk von 1985: einen elegisch schwebenden Basketball im Aquarium. So konsequent hätte man sich die ganze Ausstellung gewünscht. Weitere Fotos von der Vernissage finden Sie unter: www.art-magazin.de/joannou
