Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 30-39

Das andere Europa

Von Mirja Rosenau

ISTANBUL 2010 Zwischen produktivem Chaos und Institutionalisierung, Lokalpolitik und Globalisierung, Kunstmarkt und Kulturhauptstadtjahr: Istanbuls Kunstszene fehlt nicht mehr viel zur perfekten Kulturmetropole. Ein Rundgang durch neue Kunsthäuser und fünf Schlaglichter auf die türkische Gegenwartskunst

Sechzehn Millionen Menschen leben hier, dicht gedrängt, es ist ein Chaos." Der Künstler Halil Altindere, der 1996 aus Südostanatolien nach Istanbul gekommen ist, hat sich ein kleines Büro in der Istiklal Caddesi eingerichtet, im alten Konstantinopel ein Prachtboulevard, der nach der Republikgründung 1923 als "Unabhängigkeitsstraße" herunterkam. Um die Jahrtausendwende in eine Fußgängerzone verwandelt, strömen heute Massen überwiegend junger Menschen bis spät in die Nacht die Flaniermeile auf und ab. Danach gehöre das Viertel den Randfiguren, erzählt Altindere, der von seinem Büro aus neben seiner künstlerischen Arbeit auch ein Kunstmagazin und Bücher zur türkischen Gegenwartskunst herausgibt. "Hier kommt alles zusammen: reiche Leute, arme Leute, Transvestiten, Schwarzarbeiter. Wenn ich rausgehe, bin ich in einer Bibliothek: Ich lerne und arbeite." Vom touristischen Sultanahmet- Viertel mit seinen historischen Sehenswürdigkeiten ist die quirlige Istiklal durch das Goldene Horn getrennt: Zigtausend Menschen pendeln täglich über die Galatabrücke hin und her, "aber in zehn Jahren", so hielt ein italienischer Schriftsteller um 1870 fest, komme "nicht eine einzige Idee hinüber".

Darüber hinaus ballen sich mittlerweile Galerien und andere, überwiegend von Banken betriebene Ausstellungsräume rund um den Istiklal-Boulevard. "Arter" hat die Vehbi-Koç-Stiftung ihr neues Kunsthaus genannt, das hier am 7. Mai in einem erdbebensicher gemachten und elegant renovierten Stadtpalast eröffnet, angelehnt an die Begriffe "Art" und "Arterie": Man dachte dabei an das "Pulsieren der Straße und der Kunst". Ein Gummipanzer von Michael Sailstorfer, der sich hinter der großzügigen Fensterfassade hydraulisch zu Originalgröße aufplustert, soll das Laufpublikum an ausgewählte Gegenwartskunst heranführen.

Das "Wunder von Istanbul", wo sich seit Mitte der Neunziger die Kunst "mit explosionsartiger Energie" (Altindere) entfaltet, setzt sich in den weit verzweigten Seitenarmen der Haupteinkaufsstraße fort. Neben Galerien wie Galerist oder Non haben in den steil zum Bosporus abfallenden Gassen des Tophane-Viertels junge Hotels aufgemacht.

Der Schriftsteller Orhan Pamuk plant hier zwischen Trödel- und Antiquitätenläden sein "Museum der Unschuld" zu eröffnen. Die Männer, die auf Hockern beim Tee vor den Läden sitzen, sehen die mit dem Galerienplan herumirrenden Kulturtouristen mit Neugier und Unverständnis an. Die Mieten haben sich in Tophane innerhalb kürzester Zeit fast verdreifacht.

"Ich glaube, die Leute mögen uns nicht", sagt Azra Tüzünog?lu, die hier seit 2008 in den Räumen eines ehemaligen Restaurants die "halbkommerzielle" Galerie "Outlet" betreibt. "Ihre Blicke sagen: Ihr seid Künstler - wir leben hier. Wir bleiben - Ihr werdet bald wieder verschwinden." Die Kunstjournalistin, die sich mit ihrem Ausstellungsraum vor allem für die Präsenz kurdischer Künstler in der Istanbuler Galerienlandschaft engagiert, habe versucht, mit Kindern aus der neuen Nachbarschaft zu arbeiten, aber das habe nicht funktioniert. "Wir versuchen es nicht noch einmal." Sylvia Kouvali, die ein paar Straßen weiter und ein Jahr vor ihr die Galerie "Rodeo" eröffnete, arbeitet dagegen bereits so global orientiert, dass sie die nächste Nachbarschaft offensichtlich kaum mehr interessiert. Eindrucksvoll geben die über ihrem Besprechungstisch aufgereihten Ordner Zeugnis von der Teilnahme an den einschlägigen internationalen Kunstmessen ab - von der Londoner Frieze über das Berliner Art Forum bis zur Nada Miami. Gerade kommt die Tochter eines griechischen Sammlers, die 2005 für eine Kunstkarriere in Istanbul eine Doktorandenstelle in London sausen ließ, aus Zürich zurück und sitzt in den Startlöchern für einen New Yorker Messeauftritt.

Die Käufer der Galerie, die ihr Programm mit türkischen und griechischen Künstlern begann, findet sie vor allem im Ausland: "Zweieinhalb Sammler habe ich in Istanbul." Was andere Galeristen um sie herum veranstalten, nimmt sie nicht wahr:

"Wir machen nicht dasselbe Programm, also warum sollte ich hingehen?" Dabei trennt sie nur eine Wand von einer Initiative, die mit entschiedenem Engagement auf lokale Vernetzung setzt: Anfang 2009 hat die Stiftung "Anadolu Kültür", die auch in anderen anatolischen Städten Kulturzentren und Begegnungsstätten unter- hält, hier ihr Kunsthaus "Depo" eröffnet.

Das philanthropische Projekt des Unternehmers Osman Kavala setzt sich für den Austausch zwischen Türken und Kurden, Mehr- und Minderheiten, Städten und Provinz, Ost- und Westtürkei ein. Es ist von der Überzeugung getragen, dass die Sprache der Kunst "nationale und regionale Unterschiede transzendiert" und damit "letztlich zum Frieden beiträgt" (Kavala).

Dem Glauben, dass die Kunst in der Türkei bei der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme helfen kann, folgt auch Beral Madra im Grunde ihres Herzens. "Was Künstler hier leisten", sagt die Leiterin des Kunstbereichs von "Istanbul 2010", dem diesjährigen Kulturhauptstadtprogramm, "ist essenziell für das Land und die gesamte Region." Sie arbeiteten wie inoffizielle Politiker: indem sie zwischen ethnischen Gruppen vermitteln, das jahrzehntelang staatlich verordnete Modernisierungsprojekt reflektieren, sich irgendwo zwischen EU-Anbindungseifer und Traditionsschützern positionieren und "die Kunst als Mittel der Demokratisierung einsetzen, um die Leute daran zu erinnern, dass sie Rechte haben, und eine Stimme".

Madra, die unter anderem fünf Türkei- Pavillons in Venedig kuratiert hat, ist erfahren in hoch repräsentativen Aufgaben. Als Mitglied der umstrittenen Kulturhauptstadt-Agentur, die als Erstes durch Willkürunterstellungen und ein allzu folkloristisches Programm von sich reden machte, nimmt sie eine delikate Schlüsselstellung gegenüber der lokalen Kunstszene ein. Die Skandale, sagt sie, hätten sich vor allem zwischen dem Geld gebenden Staat, den Antrag stellenden Regionalverwaltungen und einer Reihe von Unternehmen abgespielt. Sie selbst aber sehe sich auf der Seite der Einzelpersonen, der "Künstler auf der Straße": "Sie sind das schwächste Glied. Und für sie arbeite ich. Darum bin ich nicht Teil der Skandalszene." Für das Kulturhauptstadtjahr hat sie unter anderem ein Projekt lanciert, das Ausstellungspakete unters Volk und in die Peripherie der Stadt trägt. Madra faltet auf dem Tisch vor uns die von mir mitgebrachte Galerienkarte auseinander, auf der sich die angemarkerten Punkte rund um die Istiklal ballen: "Istanbul hat 39 Bezirke, die Gegenwartskunst spielt sich aber bislang nur in dreien ab. Das muss sich ändern!" Ihr eigener, bereits 1984 eröffneter Ausstellungsraum "BM Suma", seit 2007 irgendwo in den schmucklosen Straßen des hafennahen Karaköy angesiedelt, ist auf der von der Akbank herausgegebenen "Art Map" nicht zu finden. Die Bank habe das Konzept von zwei Künstlern gestohlen, ärgert sich Madra, weswegen sie die Karte boykottiere:

"Das mag altmodisch klingen, aber wir brauchen diese Art von Positionierung in Istanbul!" Die Wegbeschreibung zeichnet sie mir kurzerhand auf eine Serviette auf.

In Abwesenheit jeder staatlichen Förderung ist die Kunst in der Türkei überwiegend in privater Hand. Banken wie Akbank, Garanti und Yapi Kredi oder auch das Unternehmen Siemens unterhalten in Istanbul Ausstellungsräume, außerdem die privaten Universitäten Sabanci und BI?LGI?; letztere eröffnete erst 2007 auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks einen gigantischen neuen Museumskomplex. Ins Hafengebiet lädt seit 2004 das in einem ausgedienten Zolllager untergebrachte "Istanbul Modern", das auf der Sammlung von Bülent Eczacibasi fußt, Sohn des Initiators der einflussreichen IKSV-Kunst- und Kulturstiftung, die die seit 1987 stattfindende Istanbul-Biennale ausrichtet.

Ins Herz des Istanbuler Finanzviertels zog erst kürzlich Can Elgiz mit seiner Sammlung international bekannter Künstler um.

Zwischen Schnellstraßen und verspiegelten Bankenhochhäusern gibt er mit Arbeiten von Sarah Morris über Thomas Struth hin zu Gilbert & George nun eine Art Geschmacksschule für hier nachwachsende Kunstkäufer, mit deutlicher Neigung zum Keuschen, Ornamentalen und Flächig-Dekorativen.

Es gibt eine junge, vermögende, kunstinteressierte Investorenschicht, die im ästhetischen Urteilen allerdings noch höchst unsicher ist. Dass ausgerechnet Sotheby's, das in diesem Jahr in London seine zweite, allein der türkischen Gegenwartskunst gewidmete Auktion abhält, dabei neue Normen setzt, erfüllt die Experten vor Ort mit Unbehagen.

Für kritische und konzeptionell anspruchsvolle Kunst mag es in der Türkei jahrzehntelang keinen Markt gegeben haben: Sie wurde spätestens seit den siebziger Jahren mit allem gebotenen Durchhaltevermögen nichtsdestotrotz produziert. Im Verborgenen zwar, und so gut vor jeder staatlichen Kontrolle geschützt, dass sie nach außen hin schlicht kaum jemand wahrnahm. Doch die autarken Produktions- und Präsentationsbedingungen haben Positionen von eindrucksvoller Konsequenz hervorgebracht.

Und die Autonomiebestrebungen setzen sich letztlich bis heute in der Istanbuler Kunstszene fort. In kleinen, von Künstlern betriebenen Ausstellungsräumen oder auch spontan sich formierenden Kollektiven, die ein Gegenprogramm zum gegenwärtigen, marktgetriebenen Kunsthype forcieren. So institutionalisierte die Künstlerinitiative PiST etwa eine "Künstlerauskunft", die nicht ganz frei von Zynismus Expertenmeinungen zu Istanbuls Gegenwartskunst zum Besten gab.

Die Künstlerin Banu Cennetoglu betreibt einen Raum für unabhängig produzierte Künstlerbücher. Die Gruppe Manzara Perspectives quartiert Ausstellungen in Privatwohnungen ein.

Dass türkische Künstlerinnen und Künstler in den Neunzigern trotzdem auf viel beachteten westlichen Großausstellungen sichtbar wurden, geht unter anderem auf das Engagement von Kuratoren wie René Block zurück, der in der sogenannten Peripherie des Westens auf Entdeckungsreise ging. Im Gegenzug brachte der deutsche Beuys-Galerist unter anderem die Ideen des rheinländischen Fluxus nach Istanbul mit - und "bestärkte und befreite" damit junge Künstler, die innerhalb eines noch traditionell ausgerichteten Ausbildungssystems "anderes tun wollten".

Mittlerweile baut Block mit Ömer Koç, dessen Familie eine über 90 Unternehmen umfassende Holding und eine der engagiertesten Kulturstiftungen der Türkei betreibt, eben jene vielversprechende Kunstsammlung auf, die in diesen Tagen unter dem Namen "Arter" auf der Istiklal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Im fernen Berlin unterhält die Stiftung außerdem mit "Tanas" einen kleinen Kunstraumsatelliten, den Block als "für Istanbul wichtigen Vorposten" sieht - "in dem die türkischen Künstler keine Gäste sind: Es ist ihr Raum". Auf lange Sicht schwebt Koç, der außerdem osmanische Artefakte mehrerer Jahrhunderte und Bücher mit kolonialistischen Reiseberichten aus aller Welt in die Türkei zurückgeholt hat, ein Megamuseum nach Vorbild des amerikanischen Getty- Trust vor - "zum Nutzen der nächsten Generationen", wie ein Stiftungsmitarbeiter erklärt.

"Solche Impulse braucht die Stadt", sagt Vasif Kortun, der in der Nachbarschaft gerade auf Hochtouren ein anderes Großprojekt auf die Eröffnung hin treibt. Im März 2011 soll ein noch namenloses Forschungszentrum eine Kunst-, eine Architektur- und eine Designeinrichtung der Garanti-Bank unter einem Dach vereinen. Der Fusion gingen zehn Jahre "Platform Garanti" unter Kortuns Leitung voran, eine Art inoffizieller Ausbildungsstätte, Herz und Seele der in den Nullerjahren herangewachsenen Istanbuler Künstler-, Kuratoren- und Kritikergeneration.

Junge Galeristinnen wie Sylvia Kouvali - "Die Platform war ein Kochtopf, ihre Schließung hat uns Ödnis beschert!" - haben hier ihr erstes Praktikum absolviert; Künstlern wie Halil Altindere und seinen ambitionierten verlegerischen Aktivitäten stärkte sie den Rücken.

Kortun, der in den Neunzigern das kuratorische Department des renommierten Bard College bei New York aufgebaut hatte, ist trotz zahlreicher internationaler Jobangebote nach Istanbul zurückgekehrt. "Die inspirierendste Stadt der Welt", wirbt die für die "Europäische Kulturhauptstadt" zuständige Agentur. "Immer sind wir das ultimative Andere zu Europa gewesen", sagt Kortun.

"Immer haben wir den Kopf hochgehalten: etwas, das sich nicht durch den Westen kolonialisieren ließ" und das bis heute eine Schlüsselstellung einnimmt zwischen Westen und Osten, christlichen und muslimischen Kulturen, dem europäischen, afrikanischen und asiatischen Kontinent. Und das auf dem besten Wege ist, zu einer der spannendsten Kulturmetropolen des 21. Jahrhunderts zu werden. Aber ganz so weit sei man noch nicht, sagt Kortun, während draußen, auf der Istiklal Caddesi, irgendeine Baustelle für ein neues Einkaufszentrum lärmt: "Unser Projekt hat gerade erst angefangen." Internet: Istanbul Art Map mit Adressen und aktuellen Ausstellungen: www.akbanksanatharitasi.com; Programm des Kulturhauptstadtjahrs: www.istanbul2010.org Literatur: Halil Altindere, Süreyyya Evren (Hg.):

"User's Manual. Contemporary Art in Turkey 1986- 2006", englisch/türkisch, Revolver Verlag, 49 Euro

FOTOS: ILKER GURER

Bildunterschrift:

Istanbuls Vorzeigemuseum: das 2004 am Bosporus-Ufer eröffnete "Istanbul Modern"

Zwischen Tradition und Modernisierungseifer: Still aus Altinderes Video "Mirage" (2008)

Halil Altindere: Die Skepsis des 39-jährigen Künstlers gegenüber institutionalisierter Macht sitzt so tief, dass er sich durch keine Galerie vertreten lässt und das Kunstmagazin und die Bücher, die er neben seiner Kunst auch noch herausgibt, aus eigener Tasche und mithilfe ehrenamtlicher Mitarbeit finanziert. Die ironischen Szenen des Videos "Mirage" hat er in eine der traditionellen Landwirtschaft verbundene Region in Südostanatolien verlegt, die mittels eines gigantischen, staatlich forcierten Bewässerungsprojekts für die globale Exportwirtschaft fit gemacht werden soll - über die Köpfe, versteht sich, der angestammten Bauern hinweg. Mit anderen Arbeiten setzt er Randfiguren der städtischen Gesellschaft Denkmäler: einem auf der Istiklal Caddesi einst viel fotografierten Kauz namens "Pala" zum Beispiel, den Altindere als lebensechte Wachsfigur verewigen ließ.

Auf der Istiklal Caddesi kommt alles zusammen: "Wenn ich rausgehe, bin ich in einer Bibliothek", sagt Altindere

Azra Tüzünoglü hat 2008 im neuen Kunstquartier Tophane die Galerie "Outlet" eröffnet

Ungute Verbrüderung auf Gardinenstoff: Ilkins "Manövrierfläche" (2009, 79 x 122 cm)

Gözde Ilkin: Zu surreal entfesselten Formen wachsen sich bei Gözde Ilkin, 29, Familienfeiern und andere soziale Zusammenkünfte aus. Hochzeitspaare, Eltern und Kinder, Onkel und Tanten begegnen sich in ihren Stickereien, Übermalungen und Nähbildern auf Familienfotos, geblümten Tischdecken und alten Handtüchern - Stoffen also, die in einem Haushalt oft durch die Hände mehrerer Generationen gegangen sind. Familiären Banden, traditionellen Geschlechterrollen und anderen gesellschaftlichen Konventionen wird die individuelle Suche nach einer selbstbestimmten Identität entgegengestellt. "Mich interessieren Menschen", erklärt die in Kütahya geborene, an der Istanbuler Marmara-Universität studierende Künstlerin, "die in einem bestimmten Umfeld oder in der Gesellschaft einander fremd werden."

Die Blicke der Nachbarn sagen: "Ihr seid Künstler - wir leben hier. Wir bleiben - ihr werdet bald wieder verschwinden"

Beral Madras 1984 gegründetes Kunstzentrum "BM Suma" eröffnete 2007 in neuen Räumen

Kunst, die vom Reisen und von der Freiheit erzählt: Ersens Videoarbeit "Passengers" (2009)

Esra Ersen: Die Feldforschung, die die in Ankara geborene Künstlerin in Istanbul, auf Reisen und im Rahmen von Auslandsstipendien in engem Dialog mit der lokalen Bevölkerung betreibt, betrifft auch immer die eigene Selbstwahrnehmung.

Inwieweit ist die durch Fremdwahrnehmung, das jeweilige Umfeld, eine neue Sprache, Vorurteile, aber auch Träume von einer besseren Zukunft bestimmt?, fragt Ersen, 40, gemeinsam mit Einheimischen und Migranten. Für ihr Projekt "Passengers" dokumentierte sie eine metaphorische, Sinne und Bewusstsein öffnende "Reise ans Meer": Sie lud eine Gruppe von Istanbuler Frauen, die ihr Wohnviertel zum Teil 30 Jahre lang nicht verlassen hatten, mit ihren Familien zu einem gemeinsamen Ausflug an den Bosporus ein (Ausstellung: Yapi Kredi Kâzim Taskent Art Gallery, Istanbul, ab 12. Mai).

Die Kunst wird in Istanbul als Mittel der Demokratisierung eingesetzt: um die Leute an ihre Rechte zu erinnern

Neues Kunstareal auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks: das "santralistanbul"

Türkisch-deutsches Dream- Team: "Arter"- Kuratoren Emre Baykal und René Block mit "Ladder" von George Brecht (1960)

In Atays Video "Gooaall!" (2009) trifft Asphalt auf Acker und Kinderfuß auf High-Tech-Ball

Fikret Atay: "In der Türkei", sagt der Kurator Vasif Kortun, "landen alle Künstler früher oder später in Istanbul." Alle, bis auf Fikret Atay, 34, und die rund 40 anderen Künstler, die rund um Diyarbakir, die überwiegend von Kurden bewohnte Millionenstadt im Südosten des Landes, die Stellung halten. In Atays kurzen, oft mit einfacher Handkamera gefilmten Videos werden Momente eines Alltags dokumentiert, in dem sich Kinder und Jugendliche durch Bewegung, Musik oder Spiel Freiräume gegenüber politisch aufgeladenen oder religiös vorgeprägten Strukturen eröffnen.

Wie man sich in der Peripherie selbstbewusst gegen das Zentrum aufstellt, hat übrigens auch der Bürgermeister von Atays Heimatstadt Batman bewiesen, den er in einem seiner Filme zu Wort kommen lässt: Der hatte nämlich gegen die Macher des "Batman"-Kinofilms einen Rechtsstreit angestrengt - wegen angeblichen Namensklaus.

Für kritische Kunst hat es in der Türkei traditionell keinen Markt gegeben - sie wurde trotzdem produziert

Stills aus den Videos "Clock Master" (2006) und "Jean Factory" (2008) aus Kazmas Serie "Obstructions" (seit 2005)

Ali Kazma:

37 Tage lang richtete Ali Kazma, 39, täglich seine Kamera auf einzelne Details des Arbeitsalltags im Istanbuler Viertel Tünel/Karaköy: auf Straßenreparaturen, Arbeiten in der Schiffswerft, die Handgriffe eines Schlossers.

Lauter "Mikro-Aktivitäten", mittels derer sich der Mensch ein bewohnbares, seine Grundbedürfnisse deckendes, zivilisiertes und letztlich kontrolliertes Lebensumfeld schafft. Seine Serie "Obstructions" weitete der Künstler schließlich auf ein Stahlwerk, einen Schlachthof oder auch eine Jeansfabrik aus, wo traditionelle Techniken modernen Verfahren gewichen sind und ein globalisierter Markt lokale Bedürfnisse zu überstimmen beginnt. Acht Videos der Serie zeigt noch bis zum 29. Mai der Berliner Kunstraum Tanas.