Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 50-51

Lasst die Blume sprechen

Von Inge Ahrens

ISTANBUL 2010 Die Tulpe verbindet man gemeinhin mit Holland. Dabei blüht sie nirgends so schön wie in Istanbul. In der osmanischen Kultur zierte sie als göttliches Symbol Paläste und Moscheen. Nach dem Untergang war sie geächtet, heute feiert sie ein Comeback in der Kunst und im Alltagsdesign

Ewiger Frühling herrscht in Istanbul.

Seit die Tulpe, von Dichtern als "Träne des Orients" besungen, die Handwerkskunst des Osmanischen Reichs in allen Disziplinen durchdrang, gibt es kaum einen Palast, kaum eine Moschee ohne ihr Abbild. Tulipan war die Lieblingsblume der Sultane, und Lale nennen sie die Türken seitdem.

Sie gilt als göttliches Symbol, denn in der osmanischen Schrift setzt sich das Wort Lale aus denselben Buchstaben zusammen wie der Name Allahs.

Die irdische Tulpe gilt in der Kunst als Vorbotin des Paradiesgartens. Die besten Künstler malten sie und machten sie so zum unvergänglichen Kulturgut für alle. Bis das Osmanische Reich zerbrach, Kemal Atatürk 1923 die türkische Republik ausrief und die Tür zur dekadenten Vergangenheit samt Tulpenkult zuschlug. Ein Menschenalter fast lag Vergessen über 600 Jahren Osmanischem Reich. Seit wenigen Jahren besinnt man sich seiner, und die Tulpe wird beim alljährlichen Tulpenfestival im April gefeiert.

In Kunsthandwerk und Alltagsdesign blüht sie das ganze Jahr.

Wenn Ismail Acar auf dem Balkon seines Hauses sitzt, sieht er das Goldene Horn und dahinter den Topkapi-Palast liegen. Zu osmanischer Zeit wurden dort Tulpenfeste gefeiert, wie man auf alten Gemälden sehen kann. Die Miniaturen des osmanischen Malers Levni Abdülcelil Celebi aus dem 18.

Jahrhundert zeigen Sultane in prachtvollen Gewändern. Jetzt ist Ismail Acar als Tulpenmaler berühmt. Satt und saftig wie sonst nur die alten Holländer bannt er die Zwiebelschönheiten auf riesige Leinwände. "Ihre Unerschöpflichkeit hat mich fasziniert.

Dabei blüht sie kaum 20 Tage", sinniert er.

Von 1453 an, als Fatih Sultan Mehmed mit der Eroberung der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel das Weltreich der Osmanen einläutete, war der Topkapi- Palast bis 1856 der Wohnsitz aller Sultane.

Die Tulpe gelangte im 16. Jahrhundert zu ihnen. Ihre Beliebtheit gipfelte in der so genannten Tulpenära 1703 bis 1730. Seit damals überziehen Tulpen auf Friesen und Fliesen die prachtvollen Räume des Serails.

Fantastische Blütenbuketts mit Nelken, Rosen, Hyazinthen und Tulpen sind auf hölzerne Wände im Harem gemalt. Man feierte die Tulpe, und die Gärtner hatten denselben Rang wie die Dichter. In die brokatseidenen Gewänder der Favoritinnen und Frauen der Sultane und in deren Prachtmäntel wob man feuerrote Tulpen. Die Turbane der Herrscher hatten die Form einer geschlossenen Blüte. Tulipa kommt von Tuliban (Turban), sagen manche. Im Depot des Topkapi-Palastes lagern 1550 Kostüme aus 500 Jahren.

Die kobaltblauen Fliesen mit den roten Tulpen kamen aus Iznik und gaben der architektonischen Schönheit des Hofes Stil.

Man findet sie nicht nur im Topkapi-Palast, sondern auch in der wegen ihrer perfekten symmetrischen Form schönen Rüstem-Pascha- Moschee, die von 1561 bis 1562 vom Architekten Sinan errichtet wurde. Ihr Inneres ist mit Tulpen übersät. Der Iznik-Stil mit der typischen Unterglasurmalerei wird vielfach kopiert. Im Großen Basar kann man eine Tulpenreise machen und findet Seiden vom Meter mit Tulpenmotiven, blütenbestickte Stiefelchen, Handtaschen und Seidentücher mit Tulpen.

Auch Hikmet Barutcugil huldigt der Tulpe.

Der Dozent an der Akademie der Schönen Künste lehrt die Kunst des Ebru und kann sie selbst am besten. Ebru ist die türkische Version des Marmorpapiers. Sie ist einerseits "vielfarbig wie der Hof des Mondes", so Hikmet, und wird seit jeher als Hintergrund für Kalligrafien benutzt. Hikmet zieht zu guter Letzt mit einem spitzen Pinsel noch eine rote Tulpe ins schwimmende Nass. Das hat Geschichte. So verneigt er sich vor der osmanischen Kultur.

Dort gab man der Tulpe eine kapriziöse Gestalt: Schlank ist sie, hat eine schmale Taille und läuft in messerscharfen feuerroten Blütenblättern aus. Serdar Gülgün entwarf sie derart aschegrau und elegant für eine weiße Porzellankollektion mit Goldrand für das ungarische Unternehmen Herend.

Gülgün, der Schöngeist, hat sich, wie einige wenige Istanbuler, ganz dem fantastischen Erbe der Osmanen verschrieben und bringt es alt und neu unter die Leute.

Reiche Istanbuler richtet er stilvoll ein, und für das alte jüdische Textilunternehmen Vakko entwirft er Interiorstoffe. Die Tulpe durchzieht viele seiner Entwürfe.

Historiker schauen misstrauisch auf allzu große Auswüchse der um sich greifenden Nostalgie und sich ausbreitenden Kitsch.

Die Stadtgärtner pflanzen zum Tulpenfest, was das Zeug hält und lassen alljährlich 13 Millionen Tulpen blühen. Ein Event, der mit den Kunsttulpen aus der osmanischen Zeit nicht konkurrieren kann und allzu schnell dahin ist. Die Liebe vieler Istanbuler zur lange vergessenen osmanischen Kultur mitsamt der Tulpe ist jedenfalls neu entfacht.

Wer durch die Stadt spaziert, kann auf ihren Spuren einer alten Leidenschaft folgen und neue Entdeckungen machen: die Tulpe auf dem alten Frauengrabstein, ihr Abbild vor dem Eingang des Luxushotels "Les Ottomans", in einem Schaufenster ein gelbes Seidenkleid mit roten Tulpen, eine Jugendstilleuchte mit Tulpenschirm. Istanbul steht in voller Blüte.

Bildunterschrift:

Tulpen, gefunden von unserer Autorin auf Streifzügen durch Istanbul, obere Reihe von links: Tulpenbild von Hikmet Barutcugil, Porzellan von Herend mit Tulpenmotiv, Seidenstoff von Murat, gesehen im Großen Basar. Mittlere Reihe: Seidentuch mit Tulpenornament, ein Ring des Schmuckdesigners Sevan Biçaçi, eine Tulpe im Bodenbelag vor dem Hotel "Les Ottomans". Unten: Tulpenmaler Ismail Acar, Harem im Topkapi-Palast, Kachel mit Iznik-Fayence

Ab 1923 verbannte Atatürk den osmanischen Tulpenkult aus der Türkei. Heute besinnt man sich der Blume wieder

Frühling in Istanbul: die Blaue Moschee, umgeben von Tulpen. Ihnen ist ein Festival gewidmet