Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 42-49

Der Architekt des Sultans

Von Gerhard Mack

ISTANBUL 2010 Er war Gefangener, Soldat der osmanischen Armee und Architekt von Süleyman dem Prächtigen: Die Bauten Sinans (um 1490 bis 1588) prägen bis heute das Gesicht von Istanbul

Es ist die herrlichste und großartigste Karawanserei, die ich in der ganzen Levante gesehen habe. Drei Tage lang erhalten hier die Reisenden und ihre Pferde kostenlos Nahrung, gleich welcher Nation sie angehören. Es gibt zwei lange Ställe für jeweils 200 Pferde, einen schönen Innenhof mit einem Marmorbrunnen in der Mitte und 200 kleinen Zimmern hinter den eleganten Galerien mit ihren Säulen und Arkaden ringsum." Die riesige Anlage auf dem Anhang von Üsküdar, von welcher der französische Pilger Jean Palerne 1581 bis 1583 im Bericht seiner Reise nach Istanbul schwärmte, verfällt heute. Von der Armenküche, die einst die Bedürftigen auf der asiatischen Seite Istanbuls mit warmer Suppe, Brot und einmal in der Woche auch mit Fleisch verköstigte, ragen noch ein paar Schornsteine in den Himmel. Wo einmal Kranke gepflegt wurden, wachsen Gras und Sträucher.

"Die Anlage ist der letzte große Komplex des Meisterarchitekten Sinan, wir möchten sie renovieren und dann die Hochschule der Künste darin unterbringen", sagt Ayse Akyl.

Die Architekturhistorikerin von der Marmara- Universität hat in den letzten sechs Jahren die Geschichte der Anlage aufgearbeitet.

Hier, wo einmal die besten Studenten den Koran und islamisches Recht erlernten, war bis in die siebziger Jahre ein Gefängnis für politische Häftlinge untergebracht. Im 16. Jahrhundert war der Atik-Valide-Sultan- Komplex eine der großen sozialen Stiftungen, mit denen Wohlhabende etwas für ihr Seelenheil tun wollten. In Auftrag gegeben hat ihn die Witwe des Sultans Selim II. Sie stammte aus einem vornehmen venezianischen Geschlecht. Als die Osmanen die Insel 1537 eroberten, wurde sie als zwölfjähriges Mädchen gefangen genommen und nach Istanbul in den Harem des Sultans gebracht.

Dort soll sie dem Prinzen Selim so gut gefallen haben, dass er sie Nurbanu, "die das Licht Gottes ausstreut", nannte und zu seiner Frau machte.

Beim Krieg gegen Korfu befand sich Sinan unter den Angreifern. Er war um 1490 als Christ geboren und um 1510 bei einer Aushebung für die Janitscharen von seiner anatolischen Heimatstadt Agirnas nach Istanbul gebracht worden. Der Sultan brauchte Soldaten, und die Elitetruppe rekrutierte sich vorwiegend aus Christen. Wer ihr angehörte, verlor sein Zuhause und führte ein mönchisches Leben, erhielt aber auch eine Chance zur Karriere. Bevor sie aufgenommen wurden, kamen die verschleppten Jugendlichen zumeist als Bedienstete in vornehme Häuser, lernten höfische Umgangsformen, den Umgang mit Waffen und ein Handwerk, aber auch Lesen, Schreiben und Rechnen. Sinan hatte zu Hause vermutlich bereits in der Schreinerei seines Großvaters mitgeholfen und arbeitete nun bei einem Zimmermann.

Er war noch nicht lange bei den Janitscharen, als Süleyman I. (1494 bis 1566) den Sultansthron bestieg. Europäische Gesandte beschrieben den 25-Jährigen als harmlosen Literaten. Umso größer war das Entsetzen, als er begann, Europa und Asien mit Kriegen zu überziehen. 1521 nahm Sinan an der Einnahme Belgrads teil, im Jahr darauf besetzten die Osmanen Rhodos, 1526 besiegten sie die Ungarn, drei Jahre später lagen sie vor Wien. Bis 1538 zog Sinan mit den Janitscharen bis nach Persien und Ägypten. Dabei lernte er als Offizier nicht nur die Strukturen der osmanischen Verwaltung kennen, er profilierte sich auch durch seine Kenntnisse als Ingenieur. Bei der Eroberung Bagdads war er Leiter der Katapulte und Kriegsmaschinen. Vor allem aber wurde er in den besetzten Gebieten zu Bauarbeiten herangezogen. Beschädigte Stadtmauern mussten ausgebessert, Brücken wieder funktionsfähig gemacht, Straßen befestigt werden. Nicht zuletzt galt es, Moscheen zu reparieren und christliche Kirchen in solche umzuwandeln, wie es Mehmed II. Fatih gleich nach seinem Einzug in Konstantinopel 1453 mit der riesigen Hagia Sophia getan hatte.

Als Sinan um 1538 zum obersten Architekten des Reiches ernannt wurde, besaß er eine intime Kenntnis seiner vielfältigen Architektur. Er hatte das Tragsystem der Hagia Sophia ausgebessert, die bis hin zu seiner letzten großen Moschee, der Selimiye für Sultan Selim II. in Edirne, ein großes Vorbild blieb. Er hatte die geometrische Rationalität in den Bauten Arabiens gesehen, das spielerische Dekor der Ausschmückungen persischer Moscheen und Paläste und die eher nüchterne, auf Raumwirkung bedachte türkische Tradition.

Er kannte die filigrane Leichtigkeit der Gotik ebenso wie die Wucht romanischer Basiliken und die Kreuzform orthodoxer Kirchen mit ihren zentralen Kuppeln.

Architektur erhielt nun einen neuen Stellenwert.

Süleyman stand im Zenit seiner Macht, das osmanische Herrschaftsgebiet hatte sich unter seiner Regierung stark vergrößert.

Aus den besetzten Gebieten kamen unermessliche Reichtümer. Der Sultan entfaltete seinen Reichtum so sehr, dass er in Europa bald als "der Prächtige" bezeichnet wurde. Hunderte von Dichtern, Musikern und Malern suchten in seinem Topkapi-Palast seinen Ruhm zu mehren, er selbst verfasste unter Pseudonym Liebesgedichte auf seine Sultanin Haseki Hürrem, die wegen ihres Einflusses am Hof gefürchtet und in Europa als Roxelane bekannt war.

Süleyman vereinheitlichte das Steuersystem und kanonisierte das Recht. Das osmanische Reich mit seinen vielen Provinzen und seinem Völkergemisch wurde auf ihn und seine Hauptstadt ausgerichtet. Architektur sollte dieser neuen Macht Ausdruck geben und Istanbul als neuer Mittelpunkt der politischen und religiösen Welt erkennbar werden. Bald krönten markante Moscheen und Großanlagen die Hügel der Stadt und säumten die Ufer des Bosporus wie ein Perlencollier.

Wer vom Stadtteil Galata aus über das Goldene Horn auf die historischen sieben Hügel des byzantinischen Istanbul schaut, sieht heute noch die Moschee aufragen, die Süleyman zu seinem Gedenken um 1550 von Sinan entwerfen ließ. Vier schlanke Minarette ragen 54 und 74 Meter in den Himmel und sind von zwei oder drei umlaufenden Balkonen geziert. Eine Pyramide aus Vorsprüngen und Kuppeln trägt eine Trommel, die eine riesige Kuppel krönt.

Ihr Durchmesser von 26,5 Metern ist zwar kleiner als derjenige der Kuppel der Hagia Sophia, aber sie schwebt freier, weil Sinan ein raffiniertes System von Stützen erfand; und sie war die größte, die einen islamischen Moscheebau bis dahin zierte. Das ganze Gelände, das eine medizinische Fakultät, Armenküche, Hospiz, Gästezimmer, Krankenhaus, Bäder, verschiedene Höfe und einen Friedhof mit den Mausoleen des Stifters und seiner Frau umfasste, war fast so groß wie das damalige Zentrum Belgrads. Die Schulen, so genannte Medresen, sollten die Anlage als zentrale religiöse Bildungsstätte ausweisen.

So zurückhaltend der Prachtbau sich im Inneren auf die Wirkung des Raums beschränkt, so deutlich markiert er auch den universalen Machtanspruch seines Stifters.

Viele Baumaterialien stammen von anderen Gebäuden: Säulen vom byzantinischen Hippodrom nahe der Hagia Sophia, Marmorblöcke von antiken Stätten in Griechenland und Ägypten. Die neun Meter hohen roten Granitsäulen, die die Bögen unter der Kuppel stützen, kamen unter anderem aus Alexandria, einige der Marmorsäulen von einem Palast, den angeblich König Salomon für die Königin von Saba erbauen ließ. Mit der Verwendung solcher Beutestücke stellte Süleyman sich nicht nur mit Kaiser Justinian auf eine Stufe, der für den Bau der Hagia Sophia sein ganzes Reich geplündert haben soll, sondern auch mit dem biblischen König Salomo, dessen Weisheit Süleyman für sich beanspruchte.

Wer von diesem Meisterwerk aus auf die vielen Moscheen, Schulen und Zweckbauten schaut, die von den rund 700 Entwürfen Sinans noch in Istanbul erhalten sind, ist von der Einfachheit und dem Reichtum seiner Architektur beeindruckt. Sinan ist nicht der Entdecker, sondern der Vollender einer Tradition. Er verbindet die vorhandenen Einflüsse zu klassischer Größe. Als "türkischen Michelangelo" haben ihn deutsche Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefeiert, kurz darauf sah ein Bruno Taut ihn als ein Vorläufer der Moderne.

Dabei ist das Vokabular stets dasselbe:

Vorherrschend sind kristalline, von innen herauswachsende Formen, der zentral ausgerichtete Raum nutzt verschiedene Grundrisse. Kubus und Kuppel werden zu einem Modul kombiniert, das vervielfacht und endlos variiert werden kann.

Die Säulen können wuchtig oder fein sein, ihre Abstände verschiedenen Rhythmen folgen, die Kapitelle sind mal als dreidimensionale, stalaktitenartige Geometrien ausgebildet oder belassen die abstrakten Formen in der Fläche. Die Tore zu den Höfen und Moscheen wirken wuchtig oder artikulieren einen sanften Übergang zwischen Alltag und sakralem Raum. Die Höfe sind durch Arkaden gesäumt. Die Gestaltung der Wandflächen kann ganz hinter dem Raumeindruck zurückweichen oder mit Kalligrafien den Koran feiern. Die Zahl der Minarette variiert in Istanbul zwischen vier für den Sultan und keinem, wenn niedrigere Beamte die Stifter waren.

Gleich welche Variante Sinan wählte, stets hatte er seine Auftraggeber im Blick.

Als Süleymans Lieblingstochter Mihrimah am Edirnekapi, einem Tor der alten byzantinischen Stadtmauer, eine Moschee errichten wollte, an der die Janitscharen bei jedem Kriegseinsatz vorbeiparadieren mussten, wurde ein weniger mächtiger Bewerber verdrängt.

Sinan entwarf eine seiner dominantesten Kuppeln mit Stützbogen, deren Wände fast ganz mit Fenstern durchbrochen sind. Soviel Wucht der Bau in einem heutigen Abbruchviertel nach außen ausstrahlt, so hell, fast ätherisch wirkt er im Innern.

Alles soll Licht und Leichtigkeit atmen, ganz wie es dem Selbstverständnis und Namen der Bauherrin "Sonne und Mond" entsprach.

Umgekehrt ließ diese für ihren gestorbenen Gatten Rüstem Pascha, einen Großwesir und ein Finanzgenie des Sultans, gleich beim Hafen am Goldenen Horn eine Moschee ins Geschäftsviertel bauen, die deutlich unterhalb der überragenden Süleymans Anlage stand, aber ihre Umgebung überstrahlte.

In dem wuchtigen Sockel feilschen noch heute Kunden und Händler um ein paar Lira. Darüber erheben sich Vorhof und Moschee als eine Oase der Ruhe. Und im Innern sind die Wände mit Keramik aus Iznik bedeckt, die Rüstem Pascha liebte.

Ein künstlicher Garten aus Blumenmotiven.

Allein die geliebte Tulpe kommt in 41 Variationen vor (siehe Seite 50).

Für sich selbst hat Sinan ein paar Jahre vor seinem Tod ein Grabmal gebaut und, wie es sich für fromme, vermögende Moslems gehörte, einen Brunnen für die Bewohner des Quartiers gestiftet. Bei seinem Haus, gleich neben der großen Moschee Süleymans.

Fünf Jahrzehnte war er der erste Architekt des riesigen Reiches. Als er 1588 starb, hatte dieses seinen Zenit überschritten.

Für die Sultane Selim II. und Murad III., die Süleyman nachfolgten, konnte er noch prächtige Bauten realisieren. Aber das Reich zerfiel. Die Sultaninnen regierten, wie europäische Gesandte spöttisch nach Hause schrieben.

Sinans Ruhm aber blieb. Auch weil er, wie seine Kollegen in Italien, seine Biografie aufschreiben ließ. Er wusste, wer er war.

Er trat als einer der Ersten aus der gesichtslosen Schar der Architekten hervor.

Fotografien aus: Dogan Kouban, Ahmet Ertug:

Sinan - An Architectural Genius, Verlag Ertug? & Kocabiyik 1999.

Empfohlene Literatur: Augusto Romano Burelli, Paola Sonia Gennaro: Die Moschee von Sinan, Wasmuth Verlag 2008; Ann Pierpont: Sinan Diaryz, Citlembik/Nettleberry Publications 2007; Gülru Necipoglu: The Age of Sinan, Reaktion Books 2005

FOTOS: AHMED ERTUG

Bildunterschrift:

Denkmal für einen Herrscher: die Süleyman- Moschee in Istanbul. Rechts: das Innere mit dem Mihrab (Gebetsnische)

Oben: Kuppeln im Inneren der Sehzade-Moschee in Istanbul. Rechts: die Gebetsnische in der Moschee für Großwesir Sokollu Mehmet Pascha im Istanbuler Stadtteil Kadirga

Einst prächtige Karawanserei, dann ein Gefängnis - heute verfällt der Atik-Valide- Sultan-Komplex in Üsküdar

Sinan kannte die Rationalität arabischer Bauten, die Wucht romanischer Kirchen und die Leichtigkeit der Gotik

Prunkvolle Tribüne des Muezzins in der Selimiye-Moschee in Edirne

Innenhof der Selimiye-Moschee in Edirne mit marmornem Brunnen - das Gebetshaus war einer der letzten großen Sakralbauten Sinans

Deutsche Forscher priesen Sinan als den Michelangelo der Türkei, für Bruno Taut war er Vorläufer der Moderne

Der Maglova-Aquädukt bei Istanbul wurde 1563 bis 1565 nach Plänen von Sinan errichtet