Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 64-65

Eintauchen ins deutsche Desaster

Von Thomas Wagner

Nach der Neuhängung präsentiert sich die Sammlung der Berliner Nationalgalerie als gelungene Thesenschau zur deutschen Geschichte

Wer so tut, als wüsste er, was das ist: "die" Moderne, macht sich verdächtig. Die einen glauben, wir steckt en noch immer in einem Umwälzungsprozess, den wir aus Mangel an Alternativen "modern" nennen, andere, wir wären nie modern gewesen. Die Moderne bleibt ein unverdauter Brocken. Wenn die Berliner Neue Nationalgalerie nun unter dem auf Charlie Chaplins gleichnamigen Film anspielenden Titel "Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900 bis 1945" eine erste Neupräsentation ihrer kapitalen Kollektion wagt, so knüpfen sich daran nicht nur große museumspolitische Erwartungen - schließlich hat der neue Direktor Udo Kittelmann sich noch zu beweisen.

Ein solcher Versuch ruft auch immer ungebetene Gäste auf den Plan, die scheinbar nur auf die Gelegenheit gewartet haben, den ganzen Packen der "Deutschen Kunst" vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik und der DDR nach eigenem Gusto aufzuschnüren, um alte Rechnungen zu begleichen.

Zunächst ist festzuhalten: Wie Udo Kittelmann, der die Schau zusammen mit Dieter Scholz, dem Kurator des Hauses, konzipiert hat, mit dem historischen und künstlerischen Tumult der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit den Besonderheiten der Berliner Sammlung und dem ganzen Karneval der Namen und Ismen umgeht, ist zu bewundern. Nicht nur, weil die Kuratoren das Hin und Her der künstlerischen Stile, Bekenntnisse, Hoffnungen und Enttäuschungen wie eine Thesenausstellung inszenieren, statt sie abermals als Chronologie abgelagerter Meisterwerke vorzuführen, sondern auch, weil sie die Beschäftigung mit der Sammlung endlich wieder ins Zentrum der Ausstellungspolitik rücken.

Dabei beginnt alles im Gebirge. Man erblickt vier großformatige, auf Fotografien basierende Alpenansichten des Gegenwartskünstlers Rudolf Stingel. Der hat, in einem Environment aus Teppichmuster und Kronleuchter, bereits einen Stock höher Mies van der Rohes Tempel der Moderne in einen hybriden Ort verwandelt, der ebenso an einen bürgerlichen Salon wie an eine orientalische Moschee erinnert. Unter Stingels Gemälden befindet sich eines mit dem Titel "Stafelalp (nach Ernst Ludwig K.)", das auf Kirchner zurückgeht, der sich nach dem Ersten Weltkrieg auf der Stafelalp bei Davos niedergelassen hatte und dort 1938 Selbstmord beging.

Wer zu der Kunst vordringen möchte, die man beruhigend als "klassische Moderne" bezeichnet, muss durch die schroffe Ferne der Berge gehen, um abermals die Tragik und Kälte zu spüren, aus der sie hervorgegangen ist. Deutlicher kann der Auftakt nicht sein: im Hintergrund der Eid der Ewigkeit, die Alpen, davor das Panorama einer ebenso wechselhaften wie leidvollen Geschichte. Der Weg durch das Labyrinth aus Bildern und Skulpturen der Jahre 1900 bis 1945 beginnt folgerichtig mit Kirchners "Potsdamer Platz" aus dem Kriegsjahr 1914, jenem schrillen Bild des mondänen Molochs Großstadt. Kokotten locken, doch die Angst geht um.

Daneben hängt, als Schwarzweiß-Abzug in Originalgröße, "Rosa Straße mit Auto" von 1913. Das Gemälde, so erläutert das zugehörige Schild, wurde 1920 erworben, war bis 1933 im Kronprinzen- Palais ausgestellt, wurde 1937 beschlagnahmt und bei der Ausstellung "Entartete Kunst" in München und Berlin gezeigt, bevor es 1939 nach New York verkauft und noch im selben Jahr vom Museum of Modern Art erworben wurde. Die Geste, die wichtigsten Gemälde, die die Nationalgalerie durch die Kunstpolitik der Nationalsozialisten verlor, in die Schau einzubeziehen, ist von zentraler Bedeutung. Die Verluste werden nicht länger ignoriert, sondern als Teil der eigenen Geschichte akzeptiert.

Durchwandert man die Säle, so wird schnell klar: Die Neuhängung erzählt eben nicht die Geschichte einer bereinigten Moderne internationalen Zuschnitts, sondern taucht ein ins deutsche Desaster und seine Kunst. Was sie zutage fördert, ist eine zerrissene Moderne, eine, die anders verlaufen ist als in Paris, Moskau oder Rom.

Picasso und Gris, die Surrealisten, Dada, selbst Klee und Feininger rücken deshalb eher an den Rand, wodurch hervortritt, was im Spannungsfeld von preußischem Nationalismus, den revolutionären Hoffnungen der Weimarer Republik, der Erfindung eines neuen Menschen, den Schandtaten des Nationalsozialismus und den Gräueln zweier Kriege entstanden ist. Dabei orientieren sich die Räume geschickt an einzelnen Werken, denen sie ihre Titel entleihen - etwa "Die Stützen der Gesellschaft" von George Grosz oder "Funkturm und Hochbahn" von Oskar Nerlinger. Mit Horst Strempels "Nacht über Deutschland" von 1945/46 klingt die Schau schließlich in einem finsteren Kabinett aus, in dem die existenzielle Situation der Kriegsjahre ebenso greifbar wie mit Karl Hofers "Wächtern" und Ernst Wilhelm Nays "Ostseefischern" die Alternative figürlich oder abstrakt obsolet wird.

So entsteht jenseits der üblichen Frontlinien ein Panoptikum, in dem die heftigen Ausschläge der Geschichte stets erkennbar bleiben und die Kontur einer bewegten Epoche sichtbar wird. Selbst wenn, was außerhalb Deutschlands entstand, in den Hintergrund rückt:

Das ist die Geschichte der Sammlung, und so wird sie vorgeführt.

Ohne vaterländische Gesänge, als ein Theater voller Schrecken und Hoffnungen, in dem nichts oben ist, was nicht unten gewesen wäre. Umso mehr muss sie gegen Kritiker in Schutz genommen werden, die, wie Florian Illies in der "Zeit", die alte Moritat vom "seismografischen Künstler" anstimmen, um die Moderne verabschieden zu können "Die Moderne, so die subtile Botschaft", schreibt er, "wäre auch ohne die Nazis an ihr natürliches Ende gekommen." Das aber zeigt die Ausstellung an keiner Stelle. Vielmehr hatte selbst der Nationalsozialismus einen modernen Kern. Eine Kritik aber, die glaubt, sie habe, wo es um die folgenden Entwicklungen geht, die Natur auf ihrer Seite, ist bloßes Ressentiment. So gesehen darf man schon jetzt gespannt sein auf Kittelmanns nächstes Kapitel der modernen Zeiten.

Bildunterschrift:

Neben Kirchners Bildern "Porträt Erna Schilling" (1913) und "Potsdamer Platz" (1914) erinnert eine Schwarzweiß-Reproduktion von "Rosa Straße mit Auto" (1913) an die als "entartete Kunst" beschlagnahmten Werke in der Sammlung

Finsterer Ausklang:

Nays "Ostseefischer" von 1937 (ganz links), Hofers "Die Wächter" von 1936 (ganz rechts) und Strempels Triptychon "Nacht über Deutschland" von 1945/46 (Mitte)

Die Verluste durch die Kunstpolitik der Nazis werden nicht mehr ignoriert, sondern als Teil der eigenen Geschichte akzeptiert