Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 126-131
Wie im Taubenschlag
Von Birgit Sonna
Die Villa Grisebach trotzt als eines der umsatzstärksten Auktionshäuser in Deutschland Krisensymptomen. In der historistischen Berliner Stadtvilla behandelt man Kunst wie Klienten mit raffiniertem Fingerspitzengefühl
Auf Los geht's los Ein Ausblick auf Frühjahrsauktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Montags mitunter sieht man vermehrt Menschen mit einem unter den Arm geklemmten Bild die Treppe zur Fasanenstraße 25 erstürmen. Die Ausbeute des am Wochenende gemachten Flohmarktstreifzugs wird erwartungsfroh in die Villa Grisebach getragen, soll möglichst rasch dort als von Meisterhand geschaffenes und damit preziöses Gemälde identifiziert werden. Hoffnungen, die in der Regel unter den strikt prüfenden Augen der Connaisseurs im Berliner Auktionshaus wieder zerschellen. Nur selten lassen sich heute auf dunklen Nebenwegen des Kunstmarkts wirkliche Trouvaillen machen. "Es empfiehlt sich, beim Händler seines Vertrauens zu kaufen", sagt Micaela Kapitzky, eine von vier Geschäftsführern in der Villa Grisebach. "Durch das Internet glauben viele Leute zudem, sie könnten ein Schnäppchen auf den verschiedensten Bühnen machen.
Auch da müssen wir meist große Enttäuschung verbreiten." Villa Grisebach gehört neben Lempertz in Köln und Ketterer in München/Hamburg zu den renommierten und umsatzstärksten deutschen Auktionshäusern. Letztes Jahr erbrachten die Versteigerungen in der historistischen Stadtvilla einen Gesamtumsatz von 29,4 Millionen Euro. Das reicht zwar nicht an den um rund 20 Millionen höher zu beziffernden Traumumsatz des Rekordjahres 2007 heran, ließ aber doch angesichts der Krisenbefürchtungen aufatmen. Als Domäne des 1986 gegründeten Auktionshauses gelten der deutsche Impressionismus und Expressionismus.
Mit deren Säulenheiligen Max Liebermann und Emil Nolde ist man so vertraut, dass sich Klienten auch jenseits des Auktionsgeschäftes Rat bei den Kunstspezialisten in der Villa suchen. Letztes Jahr erhielten gleich zwei Gemälde des bei Grisebach traditionell prominent vertretenen Max Beckmann einen spektakulären Zuschlag.
Der im Frühjahr für 1,25 Millionen Euro versteigerte "Nachtgarten bei Cap Martin" von 1944 wurde bei der Herbstauktion durch eine südfranzösische Küstenlandschaft Beckmanns noch getoppt: Das Gemälde aus dem Jahre 1937 kam bei 2,2 Millionen Euro unter den Hammer.
Es sind allerdings weniger jene auf den Kunstmarktseiten halbjährlich verzeichneten Spitzenlose, die das Haus saisonal auf Trab halten. Die Hauptarbeit der 29-köpfigen Crew liegt darin, unter den Tausenden via E-Mail angebotenen oder persönlich eingelieferten Bildern die Spreu vom Weizen zu trennen. Drei Monate vor der Frühjahrsauktion geht es schon zu wie im Taubenschlag:
Allein an einem Nachmittag landen zwei eher spielend auszumachende Fälschungen im Haus: Mehr schlecht als recht expressiv hingepinselte Landschaften - lachhaft fast sind sie mit Nolde und Münter signiert. Die meisten dieser dilettantischen Nachahmungen sind in gutem Glauben erworben worden. Kapitzky dazu: "Wenn wir merken, dass wir ein Bild schon einmal aussortiert haben und vielleicht noch Fälschungen aus der gleichen Quelle im Umlauf sind, wenden wir uns an das Landeskriminalamt." Grundsätzlich werde man hellhörig bei Angeboten zu den russischen Konstruktivisten.
Geschäftsführer Markus Krause ist am Haus eigens mit Fälschungen befasst:
"Die osteuropäische Avantgarde wird seit den Siebzigern systematisch gefälscht. Das war die Zeit, als sich die Stilrichtung langsam im Westen durchzusetzen begann. Und damit entstand eine organisierte Geschichte." Zum 175. "Sale" lockt Villa Grisebach mit Highlights wie einem um 1901 von Paula Modersohn-Becker phantomhaft gemalten Selbstporträt (Taxe 200 000-300 000 Euro) und Franz Marcs Aquarell "Rotes und blaues Pferd" von 1912 (Taxe 150 000-200 000 Euro).
Ein derartiges Blatt von Marc komme einer blauen Mauritius gleich, schwärmt man in der Villa. In gewohnt geschliffener Manier wird Peter Graf zu Eltz bei der Abendauktion den Hammer führen. Man schätze laut Selbstauskunft nicht "moderat", wie auch schon in der Presse behauptet wurde, sondern schlichtweg "realistisch". Das sei auch ein Geheimnis des Erfolgs, sagt Krause. "Wir wollen das Risiko für den Verkäufer möglichst niedrig halten." Auf der so genannten Kunsthistorikeretage, die zu Zeiten der Versteigerungen zum Auktionsraum umgebaut wird, teilen sich Katalogrechercheure respektive Provenienzforscher mit Krause das Büro. Hereinschneiende freie Restauratoren finden hier auch ihren Arbeitsplatz.
Gerade nimmt Papierrestauratorin Stefanie Schulze Buschhoff ein arg lädiertes Nolde-Aquarell kosmetisch unter ihre Fittiche.
"Generell gilt: Je weniger ich mache umso schöner bleibt das Objekt." Mit Schwarzlicht wird etwa Papier auf sein Alter hin überprüft, unter dem UV-Licht sieht man bei Gemälden restaurierte Partien wie Hautunreinheiten zutage treten. Reines Routinegeschäft.
Dieser Job erfordere schon etwas "Goldgräbermentalität", gesteht Krause.
"Wenn es eine Provenienzlücke gibt, versucht man herauszubekommen, was eben möglich ist. Manche Künstler wie Max Liebermann oder Lesser Ury sind verstärkt von jüdischen Sammlern erworben worden. Wir befragen vorab natürlich das Art-Loss-Register und die entsprechenden Experten." Man könne aber naturgemäß nur restituieren, wenn auch irgendwo Ansprüche angemeldet seien. Die seit über 20 Jahren von Grisebach geführte Expertenkartei sucht ihresgleichen in Deutschland. Traute Meins betreut die im Schnelldurchlauf absolvierte Versteigerung "Third Floor" - 200 Lose pro Stunde werden in dem Niedrigpreissektor durch die Auktion gejagt. Auch hier ist jedes der bei einem Schätzwert von maximal bis zu 3000 Euro angesetzten Kunstwerke von einem Experten begutachtet worden.
Diskretion über die Identität des Einlieferers ist oberstes Gebot. Nur ausgesprochen Grisebach-Verbundene wollen sich aus philanthropischen Gründen zu erkennen geben, so etwa Josh Spinner, Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation: "Wir haben Grisebach 2009 mehrere Bilder von Karl Hofer übergeben, in der Hoffnung dass wir mit dem Erlös das Vorkriegsgebäude der Jüdischen Schule in der Rykestraße in Berlin renovieren lassen könnten. Die Ergebnisse sprechen für sich: Mitten in der globalen Finanzkrise verkaufte Grisebach alle sieben Bilder in einem Kalenderjahr zum mittleren Schätzpreis - der im Übrigen viel höher war als von anderen Häusern geboten." Ein Lob aus solchem Mund ist erstaunlich. Immerhin hatte Grisebach- Gründungsvater Bernd Schultz, geschäftsführender Gesellschafter und Motor des Hauses, bei der Restitutionsdebatte um Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" aus dem Brücke-Museum vehement gegen eine Rückgabe plädiert. Das berühmte Gemälde ist dann pikanterweise von Ronald S. Lauder in New York ersteigert worden.Seit einer Weile versucht Grisebach auch die jüngere, nicht so sehr auf die deutsche Vorkriegsmoderne fixierte Sammlergeneration an die Angel zu bekommen. Vor allem der seit 2006 systematisch von Daniel von Schacky und Monika Stump aufgebaute Sektor der Contemporary Art gilt neben dem Third Floor und der Fotografie als Einsteigermodell. Die hübschen Sonderausstellungen dazu wurden infolge der Wirtschaftskrise zwar zunächst auf Eis gelegt, das Auktionsgeschäft mit Kunst nach 1960 läuft aber davon unberührt weiter.
Sicher profitabel wegen der gerade abgefeierten Frankfurter Werkschau von Peter Roehr konnte man zwei dessen signierter Collagen aus der Sammlung der verstorbenen Fotografin und Roehr-Freundin Abisag Tüllmann als Einlieferungen ergattern. Die klassische Fotografie-Abteilung ist in einem Gebäude schräg gegenüber der Fasanenstraße 25 untergebracht.
Hohe Zuschläge darf man bei der Fotografie noch nicht erwarten, selbst wenn zur diesjährigen Frühjahrsauktion Raritäten wie ein grandios von einem Hut gerahmter Tänzerinnenkopf von 1929 zu verzeichnen sind - ein späterer, signierter Silbergelatineabzug der jüdischen Fotografin Lotte Jacobi (Schätzpreis 22 000-25 000 Euro).
Es mag etwas mühsamer geworden sein, gute Kunstobjekte für Auktionen zu akquirieren.
Dennoch ist die Atmosphäre bei Grisebach sichtlich entspannt. Von Schacky lacht:
"Viele Sammler wollen sich in diesen Zeiten nicht von den Arbeiten trennen, aber das lockert sich allmählich wieder. Umgekehrt wird mehr in Kunst investiert. Jenseits dessen, ob man Kunst als Anlageobjekt betrachten will, wirkt es sich natürlich aus, dass auf der Bank angelegtes Geld derzeit kaum Zinsen erbringt. Der Kunstkauf ist ja auch eine emotionale Sache. Wir sehen jedenfalls keine Konsumverweigerung. Vor zehn Jahren, nach dem Platzen der Internetblase, war das viel schlimmer. Da hatten viele Sammler ihre Taschen wirklich zugenäht."
FOTOS: ANNETTE HAUSCHILD
Bildunterschrift:
Villa Grisebach in der Charlottenburger Fasanenstraße - ein Anziehungspunkt für Kunstsammler. Micaela Kapitzky ist Geschäftsführerin des Auktionshauses
Daniel von Schacky, Leiter der Abteilung Contemporary Art, trägt ein Gemälde von A. R. Penck durch die Eingangshalle (rechts oben).
Für die nächste Auktion eingelieferte Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Andy Warhol (rechts unten)
Kunsthistorikerin Laura von Bismarck beim Vermessen von Radierungen des Künstlers Sam Francis (oben links).
Geschäftsführer Markus Krause prüft ein altes Gemälde (oben rechts)
Erwin Blumenfelds Fotografie der Schauspielerin Valeska Gert in der Schwarzlicht-Kontrolle (rechts oben).
Die Experten Laura von Bismarck, Martin Schmidt, Stefan Pucks und Natalie Radziwill katalogisieren zur Auktion eingelieferte Kunstwerke (rechts unten von links nach rechts)
Die seit über 20 Jahren geführte Expertenkartei des Auktionshauses Villa Grisebach sucht ihresgleichen in Deutschland
Bernd Schultz, Chef der Villa Grisebach, ist nicht nur Gründungsvater, sondern auch geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens (oben links).
Kunsthistorikerin Traute Meins inspiziert Papierarbeiten von Norbert Schwontkowski (oben rechts)
In der Hauswerkstatt geht nichts ohne Klebeband, Hammer und Schraubenzieher (rechts oben).
Für den Auktionskatalog überprüfen Natalie Radziwill und Ulf Zschommler in der Tageslichtanlage die Druckvorlagen eines Selbstporträts von Paula Modersohn-Becker anhand des Originals (rechts unten)
Der neu aufgebaute Sektor für zeitgenössische Kunst gilt als Einsteigermodell für die jüngere Sammlergeneration
