Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 102-103
Yes, I can
Von Claudia Bodin
KRITIK Rundgang über die diesmal eher unspektakuläre US-Schau
Whitney-Biennale "2010" Whitney Museum of American Art, New York, 25.2.-30.5.2010
Sie hätten den Ozean Amerika wie Kapitän Ahab in "Moby Dick" durchkämmt, auf der Suche nach Arbeiten, die die Befindlichkeit des Landes widerspiegeln.
Was Gastkurator Francesco Bonami und sein Assistent Gary Carrion-Murayari fanden, waren nach eigener Aussage Künstler, die sich nach Jahren des Anti-Bush-Protests unter der neuen Regierung mit dem Motto "" in sich selbst zurückgezogen haben. Die Biennale 2006 war lärmend und sexy, 2008 ersannen Künstler komplizierte Geschichten - in diesem Jahr ist der Ton manchmal düster, manchmal optimistisch und oft sehr persönlich.
Es ist erfreulich, dass die diesjährige Ausgabe der Biennale im Whitney Museum mit 55 statt im Vorjahr 81 Teilnehmern als Anti-Spektakel konzipiert wurde (Katalog:
45 Dollar). Laute Auftritte oder ironische Kommentare gibt es nicht. Sehr ernsthaft widmen sich die Künstler ihrer unmittelbaren Umgebung, zeigen gleichförmige Wohnsiedlungen aus Pappe (James Casebere) oder ein Sofa aus Kindertagen, das mit Zeitungsmeldungen zu Obama bezogen wurde (Jessica Jackson Hutchins). Das Kollektiv The Bruce High Quality Foundation lässt klischeehafte Film- und Fernsehbilder über die Windschutzscheibe eines alten Krankenwagens flimmern - eine Liebeserklärung an das matt vor der Glotze sitzende Amerika.
Frauen sind in der Mehrzahl, ältere Künstler ungewöhnlich zahlreich vertreten, eine Tatsache, die von vielen amerikanischen Kritikern positiv vermerkt wurde. Doch an vielen Stellen gibt die Auswahl auch Rätsel auf. Die Arbeiten von zwei Journalistinnen unterbrechen wie zum Schock eine sonst zahme Ausstellung: Stephanie Sinclair fotografierte afghanische Frauen, die sich aus Verzweiflung selbst angezündet haben; Nina Berman begleitete einen Marine-Sergeant, der ein Bombenattentat im Irak nur mit entstelltem Gesicht überlebte. Sicher, das sind bewegende Bilder, doch was hat Fotojournalismus in einer Schau mit Gegenwartskunst verloren?
Bildunterschrift:
Seltene Referenz an das Spektakel in einer ansonsten überwiegend zahmen Schau:
Thomas Houseagos "Baby" (2009/10)
