Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 104-105

Im Planschbecken der Kunst

Von Alain Bieber

VORSCHAU Erste Einzelausstellung des Berliner Fotografen Daniel Josefsohn

Daniel Josefsohn - Es wird alles gut Mutter Kunstverein Hamburg, 1.5.-30.5.2010

Uhu ist lecker, Pattex schmeckt auch gut." Mit diesen Worten von Martin Kippenberger sollte ein Artikel über ihn beginnen, sagt Daniel Josefsohn. Einfach so.

Weil er Kippenberger so toll findet. Josefsohn ist einer der wenigen Wahnsinnigen unter den deutschen Fotografen, ein Chaoskreativer, Berufsrabauke und irrer Flummi, der von Idee zu Idee springt, getrieben, rauschhaft, intuitiv und impulsiv. "Mein Bauch ist der Autodidakt", sagt er. Seit rund 20 Jahren kaspert Josefsohn auf allen Kanälen - jetzt widmet der Hamburger Kunstverein ihm eine erste Soloschau. Für Magazine fotografierte er CDU-Politiker Ronald Pofalla vor der Deutschlandfahne, DJ Hell nackt in der Kirche und eine schlammbeschmierte Charlotte Roche im Feuchtgebiet.

Seine preisgekrönte Kampagne für das Modelabel Herr von Eden zeigt schwule Cowboys und Männer mit einem Lampenschirm auf dem Kopf. "1/2 wild 1/2 child" lautet der Slogan und könnte auch das Lebensmotto von Josefsohn sein. Schamgefühl und Tabus kennt er keine. Deshalb ist die Kunst auch sein liebstes Planschbecken. "Hier kann ich mich wie früher mit dem Skateboard austoben", bekennt er, "und meinen Randgruppenluxus ausleben." Und meint damit seine jüdischen Wurzeln. Deshalb klettert Josefsohn auch mal in Nachbars Vorgarten und hisst die israelische Fahne, weil er dort das ehemalige Haus von Hermann Göring vermutet.

Eine umstrittene Aktion, die die Besitzer gar nicht lustig fanden: Denn Josefsohn hatte sich im Eifer des Gefechts in der Hausnummer geirrt. In Israel porträtiert er junge Soldaten mit Louis-Vuitton-Käppi und Gucci-Sonnenbrillen so sexy wie Models, und für Werbespots verwandelt er Osama bin Laden in einen Popstar oder tänzelt gleich selbst nackt durch die Fußgängerzone.

Selbst ein Politparfüm hat er entwickelt.

"MoslBuddJewChristHinDao" ist sein Beitrag für den Weltfrieden. Aber hinter all dem Fun ächzt die Realität, und hinter den irritierenden Details seiner Bilder lauert das Quäntchen Wahrheit. Josefsohn hat den obszönen Charme eines Juergen Teller und den obsessiven Spieltrieb eines Jonathan Meese. Er kann und will alles sein: Fotograf, Regisseur, Performer, Parfumateur, Gesamtkunstwerk.

"Ich kann mit vielen Eisenbahnen spielen", sagt er. Und es macht wirklich Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Das große Interview mit Daniel Josefsohn finden Sie unter: www.art-magazin.de/josefsohn

Bildunterschrift:

Bilder von der Fashion- Front:

"The Jewing Gun - IDF Soldiers in Israel" (2009)

Höher, härter, heiterer: Fotografien von Daniel Josefsohn - "Die neue S-Klasse" (1998, links) und "Rave" (1998, rechts) - verbinden Pop, Trash und Kritik