Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 18-29

Von Königen, Helden und den Verlockungen der Straße

Von Ute Thon

Er war der Shooting Star der New Yorker Downtown-Szene, ein genialer Maler, charismatischer Performer und umschwärmter Frauenheld, der jüngste Teilnehmer der Documenta. In diesem Jahr wäre Jean-Michel Basquiat 50 Jahre alt geworden. Die Fondation Beyeler widmet dem US-Künstler, der 1988 an einer Überdosis starb, eine umfassende Retrospektive. Zeit für eine persönliche Spurensuche

An einem frostigen Februarabend treffen sich zwei Männer und eine Frau bei Watty & Meg, einem Restaurant in Downtown Brooklyn. Suzanne Mallouk, eine attraktive Ärztin mit rot geschminkten Lippen und pechschwarzem Haar, und Kai Eric, erfolgreicher Unternehmer im schicken Anzug, feiern den Geburtstag ihres Freundes Michael Holman, eines Filmemachers, Hip-Hop-Promoters und Professors für Kreatives Schreiben. Ein Platz am Tisch bleibt leer. Schon bald kreist das Gespräch um jenen abwesenden Freund, der sie einst zusammenbrachte. "Er hat uns gelehrt, die richtigen Dinge ernst zu nehmen und den Rest zu vergessen. Er hat uns beigebracht, was in ästhetischer Hinsicht wirklich wichtig ist. Und mich hat er gelehrt, zu meinen Überzeugungen zu stehen", schwärmt Michael. "Ja", stimmt Suzanne zu.

"Ich glaube wirklich, dass er die Flugbahn meines Lebens verändert hat. Er lehrte mich, die Courage zu haben, ein authentisches und kreatives Leben zu leben, nicht dominiert von Angst, wie es die meisten Leute leben." Kai schmunzelt dazu nur. "Wisst ihr, was er zu mir mal sagte? ‚Wenn wir weiter Freunde bleiben wollen, musst du Millionär werden!' Und ich fand's nicht mal unverschämt, sondern es stachelte mich an." Die Rede ist nicht von irgend einem New- Age-Guru, sondern von Jean-Michel Basquiat, Shooting Star der achtziger Jahre, genialer Maler und cooler Selbstdarsteller, Freund Andy Warhols und Lover von Madonna, naiver Wilder und wütender Schwarzer, Wunderkind, Penner, Straßenkünstler, Kiffer, Kokser, Junkie. Eine charismatische Figur der New Yorker Downtown-Szene. Als er 1988 mit gerade mal 27 Jahren an einer Überdosis starb, gehörte er zu den gefragtesten Künstlern der Gegenwart. Vielleicht auch zu den unglücklichsten. Denn die rauschhaften Erfolge waren zu schnell gekommen, die Verlockungen des Jetsetlebens zu gewaltig, der heimliche Rassismus zu verletzend und die Kunstkritiker zu langsam gewesen, um das unbändige Talent dieses Ausnahmekünstlers wirklich zu würdigen.

Erst vier Jahre nach seinem Tod richtete ihm das New Yorker Whitney Museum die erste große Museumsschau in Amerika aus.

Und die volle Bedeutung seines Schaffens wird erst jetzt richtig erkannt. In der Fondation Beyeler, dem Tempel für die Meister der Moderne, eröffnet am 8. Mai die erste umfassende Retrospektive in Europa. Dort hängen Basquiats Werke dann in unmittelbarer Nähe zu den besten Monets, Picassos und Dubuffets. "Ein Vergleich, den er nicht zu scheuen braucht", sagt Kurator Dieter Buchhart.

Bezeichnenderweise ist Buchhart kein Spezialist für Graffiti-Kunst, sondern Expressionismus- Experte. Zuletzt hat er eine große Ausstellung zu Edvard Munch organisiert - einem anderem radikalen Avantgardekünstler des 20. Jahrhunderts.

Weit aufgerissene Augen, Totenschädel, skelettartige Körper, Hände und Füße mit spitzen Klauen, Königskronen, Heiligenscheine, Autos, Wölfe, Schlangen, Boxer, Teer und Federn. Und immer wieder Textbotschaften:

QUALITIY MEATS, FAMOUS NEGRO ATHLETES, MR. GREEDY, TO REPEL GHOSTS, NOT FOR SALE. Jean-Michel Basquiats Bilder sind mit einer Dringlichkeit gemalt, dass einem noch heute der Atem stockt. Sie erzählen verstörende Geschichten.

Auf lässig verspannte Leinwände, aber auch auf ausrangierte Möbel, Papierfetzen oder Holzlatten kritzelt er archaische Figuren und dadaistische Gedichte, ritzt Linien in den Grund, übermalt Köpfe und streicht Texte wieder aus. Suzanne Mallouk ist dabei, als diese Bilder entstehen. Sie ist seine Geliebte, Muse, Seelenverwandte. "Er sagte mir, ich müsse bei ihm sitzen, wenn er malt", erinnert sich die 50-Jährige, die heute als Psychiaterin reiche New Yorker mit Drogenproblemen heilt. "Also hockte ich mich unter den Tisch und presste meinen Rücken an die Unterseite der Tischplatte. Es war magisch, diese ganz besondere Form eines psychotischen, romantischen Verschmelzens." Als Suzanne und Jean-Michel sich Anfang der achtziger Jahre in einer schmuddeligen East-Village-Bar kennen lernen, sind beide 20 und völlig mittellos: er ein obdachloser Graffiti-Künstler, sie ein Punk-Mädchen aus Kanada, das als Kellnerin jobbt. Sie hat ein winziges Apartment auf der First Street.

Jean-Michel zieht sofort ein. "Er war unglaublich produktiv und machte sehr viele Zeichnungen - hauptsächlich Zeichnungen, denn wir hatten nicht viel Platz, und er hatte kein Geld für Leinwände. Stattdessen fand er Sachen auf der Straße. Holz, Schaumstoff, Gummi, Metall, Fenster, Türen. Er malte sogar auf unseren Kühlschrank. Als ich später Geld für die Miete brauchte, habe ich den Kühlschrank an Andy Warhol verkauft." Zwar stammt Basquiat aus einer gut situierten Brooklyner Familie. Sein Vater, ein Einwanderer aus Haiti, arbeitet als Buchhalter, die Mutter stammt aus der puertoricanischen Mittelschicht. Doch mit 17 verlässt der rebellische, musisch begabte Teenager das Elternhaus - ohne Schulabschluss, aber mit dem erklärten Ziel, berühmt zu werden.

Zunächst kokettiert er mit dem Homeless- Image, lebt auf der Straße, schläft auf Parkbänken oder auf der Couch von Zufallsbekanntschaften.

Und er beginnt unter dem Pseudonym "SAMO" - eine Abkürzung für "Same old shit" - kryptische Textbotschaften an Hauswände zu schreiben: "SAMO as an end to mindwash religion, nowhere politics and bogus philosophy" oder "Pay for soup, built a fort, set that on fire". Die Texte erregen schon bald die Aufmerksamkeit der Kunstszene. "Seine verwirrende, aber einprägsame haikuähnliche Straßenpoesie markierte die Wände jedes Gebäudes, in dem sich Künstler und Musiker trafen", erinnert sich der New Yorker Galerist Jeffrey Deitch.

So lernt Basquiat auch Michael Holman kennen. Der junge Banker aus San Francisco hat seinen Job an der Wall Street geschmissen und organisert jetzt Hip-Hop-Graffiti- Events. Basquiat lädt sich ungefragt zu einer dieser Partys ein und steht sofort im Mittelpunkt:

"Keiner von uns kannte ihn. Er war jünger als wir alle, aber er hatte eine unglaublich starke Ausstrahlung. Stärker als alle anderen, die ich jemals getroffen hatte.

Also, ich sage Ihnen, er war ein erleuchtetes Wesen", beschreibt Holman ihre erste Begegnung.

Noch am gleichen Abend schlägt Basquiat vor, dass sie gemeinsam eine Band gründen. "Gray", eine avantgardistische New-Wave-Noise-Formation bekennender Musikdilettanten, gewinnt in den Downtown Clubs schnell Kultstatus. Basquiat spielt mal Klarinette, mal Synthesizer, mal liegt er einfach nur am Boden und rezitiert Texte. Oder aber er bearbeitet einen ratternden, fauchenden 40-PS-Motor wie auf der Geburtstagsparty von Leo Castelli und versetzt damit den Gentleman-Dealer auf seiner Exkursion in den New Yorker Untergrund in helle Panik.

Zu jener Zeit explodiert in New York gerade die Street-Art-Szene, draufgängerische Kids aus Harlem, Brooklyn oder der Bronx besprühen in halsbrecherischen Aktionen ganze U-Bahn-Züge mit ihren grellbunten Tags. Die anarchische Energie und der malerisch-dekorative Stil wecken das Interesse der Kunsthändler. Nach einer Dekade, in der eher spröde, systemkritische Konzeptkunst den Galeriebetrieb dominierte, dürstet der Markt wieder nach üppigen Bildern. Und nach wilden Partys.

Das Bermudadreieck liegt zwischen dem Mudd Club, Danceteria und Club 57. Hier tanzt die schrille, kreative Szene. Die Clubs fungieren aber auch als Performance-Bühne, Videolounge und Ausstellungsort. Zu den Stammgästen gehören die angesagtesten Künstler, Musiker, Modemacher und Filmemacher jener Zeit, Leute wie Andy Warhol, Keith Haring, Debbie Harry, David Byrne - und auch eine damals noch ziemlich unbekannte Sängerin namens Madonna.

Kai Eric managt den Club 57, ein heißer Schuppen im Keller einer katholischen Kirche auf St. Mark's Place. "Jean-Michel und Suzanne hausten monatelang in meinem Apartment, wir waren wie eine Familie, allerdings eine ziemlich kaputte", sagt er heute. Drogen gehören damals genauso selbstverständlich zum Lifestyle wie verrückte Klamotten und coole Sonnenbrillen. Jean-Michel trägt mal einen blondierten Irokesenhaarschnitt, mal wild abstehende Dreadlocks zum schlabbriglässigen Secondhand-Outfit.

Doch Basquiat will mehr sein als ein Underground- Star. "Er wollte der größte Künstler überhaupt werden", sagt Eric. "Der gefeierte Star in SoHo." Der Mann, der ihm dazu verhalf, heißt Diego Cortez, ein gutvernetzter Künstleragent und Ausstellungsmacher.

Heute arbeitet er als Kurator am New Orleans Museum of Art und lebt in einem stylischen Loft in Harlem. "Ich habe gleich gesehen, dass Jean-Michel super talentiert war, ein Genie", sagt Cortez. "Sein Werk unterschied sich von dem anderer Graffiti- Künstler, es war intellektuell und erinnerte mich an Arbeiten von Joseph Kosuth und Lawrence Weiner." 1981 organisiert Cortez im P.S.1 die legendäre Schau "New York/ New Wave" mit rund 25 jungen Künstlern, darunter auch Haring, Basquiat und Robert Mapplethorpe. Am Eröffnungsabend rollen die Limousinen vor dem ehemaligen Schulgebäude in Long Island City vor. Es hat sich herumgesprochen, dass hier neue Talente zu entdecken sind. Bruno Bischofberger, Warhols berühmter Galerist aus Zürich, Annina Nosei, eine ehrgeizige New Yorker Galeristin, und Henry Geldzahler, einflussreicher Kurator und damaliger Kulturdezernent New Yorks, machen die Runde. Vier Monate später hat Basquiat seine erste Einzelausstellung - nicht in New York, sondern in Modena bei Emilio Mazzoli, einem der wichtigsten Kunsthändler Italiens.

Nach dieser Schau umschwirren ihn die Galeristen plötzlich wie Wespen ein Stück Bienenstich. Annina Nosei, die Künstler wie Jenny Holzer und Barbara Kruger vertritt, nimmt Basquiat unter Vertrag. Auch Bischofberger will ihn jetzt in Zürich zeigen.

Und Larry Gagosian lädt ihn zu Ausstellungen in seiner Galerie in Los Angeles ein.

Nosei stellt Basquiat auch ein Atelier im Keller ihrer Galerie in der Prince Street zur Verfügung. Zum ersten Mal hat Basquiat Platz zum Malen. Er arbeitet fieberhaft, oft an mehreren Bildern gleichzeitig. Die Leinwände legt er auf dem Boden aus. Beim Malen hinterlässt er Fußspuren in der nassen Farbe. Sein Arbeitsprozess ist impulsiv.

Mal kopiert er die Songtitel einer Jazz-Platte, mal malt er mit krakeliger Kinderhand einen Boxer mit erhobenen Fäusten. Den pseudonaiven Gestus setzt er dabei so bewusst ein wie das akademische Vokabular der Kunstgeschichte. Seine Helden heißen Pablo Picasso und Cy Twombly, Charlie Parker und Miles Davis, Cassius Clay und Sugar Ray Robinson. Wie ein moderner Musiker sampelt er Fragmente anderer Werke und baut sie zu neuen, collagenhaften Kompositionen um.

Ein wiederkehrendes Symbol ist die dreizackige Krone. Sie wird so etwas wie Basquiats Monogramm. Als Geldzahler ihn einmal fragt, worum es in seinen Bildern geht, antwortet er: "Könige, Heldentum und die Straße." Es geht aber auch um seine eigene Geschichte, die Erfahrungen eines schwarzen Wunderkinds in der von Weißen dominierten Kunstwelt, um alltäglichen Rassismus und geheuchelte Toleranz. Immerhin herrschte in weiten Teilen der USA noch Rassentrennung, als Basquiat 1960 geboren wurde. Und selbst in den achtziger Jahren konnte es jemandem wie ihm in New York passieren, dass er aufgrund seiner Hautfarbe in Restaurants abgewiesen wurde oder Taxis einfach weiterfuhren.

Seine Arbeiten sind total politisch, alle Bilder haben einen afroamerikanischen Kontext ", sagt die feministische Konzeptkünstlerin mit karibischen Wurzeln, Lorraine O'Grady, die damals an der School of Visual Arts lehrte. "Aber er wollte sich nicht in die schwarze Ecke drängen lassen.

Denn wenn du es als schwarzer Künstler zu etwas bringen willst, musst du in die weiße US-Kultur eintauchen." Deshalb schlägt er auch O'Gradys Angebot aus, 1983 an ihrer systemkritischen "Black and White Show" teilzunehmen. Dennoch bleiben die beiden in Kontakt. Jean-Michel hört ihre Vorlesung über surrealistische Literatur und Dada- Kunst, sie versorgt ihn mit Kunstbüchern, zum Beispiel über afrikanische Felsenzeichnungen, die schon bald in Basquiats Bilderuniversum auftauchen.

Nach nur einer Ausstellung verlässt Basquiat Annina Noseis Galerie - nicht ohne Drama: Er zerschlägt eine Reihe halbfertiger Bilder im Kelleratelier. Das Arrangement mit dem wilden Malerderwisch im Untergeschoss hat in der Szene für Gerede gesorgt.

Böse Zungen werfen Nosei Sklavenhaltermentalität vor, auch weil sie ihren Sammlern den Künstler im Keller manchmal wie ein exotisches Zootier vorführte.

"Ich will ein Star sein, kein Galerie-Maskottchen", zitiert ihn damals die "New York Times". Trotz solcher Konflikte beginnt sein Stern immer heller zu leuchten. Bereits 1982, mit gerade mal 21 Jahren, wird Jean- Michel Basquiat als jüngster Teilnehmer zur Documenta 7 nach Kassel eingeladen - zusammen mit etablierten Künstlern wie Anselm Kiefer und Gerhard Richter. In Europa wird er jetzt von Bischofberger vertreten, in New York umgarnt ihn Star-Galeristin Mary Boone. Seine Bilder kosten inzwischen 25 000 Dollar und mehr, prominente USSammler wie Peter Brant, Don und Mera Rubell und Eli Broad, aber auch Peter Ludwig schlagen zu. Innerhalb von zwei Jahren wandelt sich Basquiat vom mittellosen Straßenkünstler zum exzentrischen Kunststar.

Er trägt Armani-Anzüge und löffelt Kaviar, lässt sich mit privater Limousine zum Koks- Dealer seines Vertrauens kutschieren, wohnt in Luxushotels und verschenkt Hundert- Dollar-Scheine an Obdachlose. Ein Bankkonto hat er nicht.

"Der Erfolg hat ihn nicht wirklich verändert.

Wir hingen in seinem neuen Loft in der Great Jones Street ab, rauchten Gras, und manchmal hat er mich auch porträtiert", sagt Dominique Philbert, ein Freund aus frühen Graffiti-Zeiten. Der schlaksige Junge aus Trinidad verziert unter dem Namen ERO, ein Kürzel für "Ever Rocking On", etwa zur gleichen Zeit wie SAMO die Häusermauern im East Village. Sie freunden sich an. Mit dem Hype um die junge Graffiti-Szene wird auch ERO aufs internationale Kunstparkett gespült. 1984 ist er mit 17 Jahren der jüngste Künstler auf der Art Basel, hat Ausstellungen in Paris, Turin und Wien. Heute sitzt er in einem vollgestopften Gebrauchtfahrradladen auf der East Fourth Street, Bikes by George, und hilft seinem Vater bei den Reparaturen. Nebenher skribbelt er mit schwarzem Marker Street-Art-Motive auf taschentuchgroße Leinwandstücke. Manchmal blättert er auch noch in der Mappe mit vergilbten Zeitungsartikeln. Auf einem Bild sieht man ihn breit grinsend neben Basquiat stehen. Aus dem dünnen Jungen ist inzwischen ein schwergewichtiger Homeboy geworden.

"Als die Dinge den Bach runter gingen, habe ich einige von Jean-Michels Zeichnungen verkauft, das hat ein bisschen Geld gebracht." Den Kunstcrash Anfang der Neunziger erlebt Basquiat nicht mehr. Doch sein Höhenflug davor ist atemberaubend - selbst für heutige Verhältnisse. In den sieben Jahren bis zu seinem Tod hat Basquiat 27 Einzelaussstellungen in Galerien in Europa, Japan und den USA. 1984 richtet ihm die Fruitmarket Gallery in Edinburgh seine erste Museumsausstellung aus, die später nach London und Rotterdam wandert. Und 1986 zeigt die Kestner-Gesellschaft in Hannover eine Retrospektive.

Gleichzeitig kultiviert Basquiat seinen Celebrity-Status. Sein großes Vorbild ist Andy Warhol, der Superstarkünstler schlechthin. Bischofberger bringt sie zusammen, und siehe da, sie mögen sich. Der junge Kunstrebell bringt eine frische Brise ins saturierte Leben des Pop-Art-Königs.

Basquiat ist stolz, endlich Teil der glamourösen Warhol-Clique geworden zu sein.

1985 dann der ultimative Triumph: Er landet auf dem Cover des "New York Times Magazine". Das hat vor ihm noch kein schwarzer Künstler geschafft. Im selben Jahr starten Basquiat und Warhol ihre "Collaborations":

Warhol malt Werbeslogans und Produktlogos auf die Leinwand, über die Basquiat seine krakeligen Figuren, Schriften und Hieroglyphen setzt. Das Ergebnis ist verblüffend.

Die aseptische Pop-Ästhetik wird durch Basquiats skrupellose Interventionen aufgebrochen, individualisiert, wiederbelebt.

Die Kritik jedoch reagiert allergisch.

"Ich habe damals nur ein einziges Bild verkauft", sagt Tony Shafrazi, der die Gemeinschaftswerke 1985 in seiner Galerie in SoHo ausstellte. "Die Kritiker hielten das ganze für eine von Warhols Manipulationen." Für Basquiat ist das Salz in eine offene Wunde, nämlich als eigenständiger, starker Künstler nicht wirklich akzeptiert zu sein. Er zieht sich von Warhol zurück. Um so größer ist für ihn der Schock, als Warhol 1987 überraschend stirbt. Zu dieser Zeit hat Basquiats Drogenkonsum rapide zugenommen. Er handelt erratisch, stößt Freunde vor den Kopf, lässt Galeristen sitzen.

Am 12. August 1988 wird Jean-Michel Basquiat in seinem Loft in der Great Jones Street tot aufgefunden. Der gerichtsmedizinische Bericht nennt als Todesursache eine "akute Vergiftung durch einen Drogenmix (Opiate-Kokain)". Kurz davor hat er einen knochigen schwarzen Mann auf goldenem Grund gemalt, der auf einem Skelett sitzt.

Er nannte das Bild "Riding with Death".

Nach seinem Tod beginnt dann der richtig große Vermarktungsritt. Die Preise seiner Bilder schießen in die Höhe. Julian Schnabel dreht einen gefälligen Spielfilm über seinen schärfsten Konkurrenten. Inzwischen gilt Basquiat, der in seiner kurzen Karriere rund 1000 Gemälde und ebenso viele Zeichnungen produzierte, als "Blue Chip Artist".

Auf Auktionen brechen seine Bilder Millionen- Rekorde, etwa vor zwei Jahren, als bei Christie's ein Bild aus der Sammlung von Metallica-Drummer Lars Ulrich für zwölf Millionen Dollar verkauft wurde. Wie visionär sein Werk wirklich ist, zeigt sich dagegen daran, dass sein ungestümer Malstil, das Mixen von Text und figurativen Elementen, die Kombination von Malerei und Zeichnung, der pseudonaive Strich, die augenzwinkernde Ironie und die archaische Ikonografie, längst zum gängigen Look der jüngeren Künstlergeneration geworden sind.

Auch die drei Freunde im Watty & Mag lässt er nicht los. Am späten Abend kreist das Gespräch immer noch darum, was Jean- Michel Basquiat wohl machen würde, wäre er noch am Leben. ("Filme vielleicht." - "Ja, und er hätte Schnabel als Filmemacher geschlagen!")

Am nächsten Tag schickt Michael Holman folgende E-Mail: "Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu klischeemäßig, aber Jean ist nicht tot, er saß gestern mit uns am Tisch. Habt ihr ihn nicht gehört? Gefühlt?

Er war da ... und mit ihm seine lebendige Universität der Ästhetik, des Stils, der Coolness, Musik, Sprache und Spiritualität, in der wir alle Kurse belegt haben." Ausstellung: 9. Mai bis 5. September, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, www.beyeler.com Katalog:

Hatje Cantz Verlag, 68 Franken/39,80 Euro.

Literatur: "Jean-Michel Basquiat", Abrams Inc., 1992; "1981: The Studio of the Street", Deitch Projects, 2007. Dokumentarfilm: "Basquiat: The Radiant Child", 2010, von Tamra Davis läuft zur Ausstellung

Bildunterschrift:

Gefallener Engel: Mythische Figuren und religiöse Anspielungen tauchen im Werk von Jean-Michel Basquiat (rechts:

1982 fotografiert von Andy Warhol) häufig auf, so auch in "Untitled (Fallen Angel)" von 1981 (168 x 198 cm)

In Bildern wie "Cassius Clay" und "Untitled (Boxer)", beide von 1982, thematisiert Basquiat die Rolle des afroamerikanischen Mannes, der als Sportler heroisiert und gefürchtet wird. Ganz rechts:

Basquiat 1985 in seinem Atelier in der Great Jones Street

Mit dem vierteiligen Assemblagewerk "Grillo" (1984, 244 x 537 x 46 cm) zitiert Basquiat sein eigenes Frühwerk, als er oft auf gefundenen Materialien wie Türen oder Holzlatten malte. Gleichzeitig erinnert die Arbeit an frühe "Combine"-Arbeiten von Robert Rauschenberg. Bei den Figuren fallen die angedeuteten inneren Organe auf - auch ein häufig wiederkehrendes Element. Als Inspirationsquelle diente dem Künstler nach eigenen Angaben "Gray's Anatomy", ein medizinisches Standardwerk

"Der schwarze Mensch ist Protagonist in fast allen meinen Bildern. Denn ich habe festgestellt, dass es nicht viele Bilder mit Schwarzen gibt" (Jean-Michel Basquiat, 1985)

Schwarzer Humor: In "Eyes and Eggs" (1983, 302 x 246 cm) spielt Basquiat mit Comicelementen und pseudonaivem Malstil

"Arroz con Pollo" (1981, 173 x 214 cm) ist eines der wenigen Bilder Basquiats mit einer Frauenfigur im Mittelpunkt; der spanische Titel (Reis mit Huhn) bezeichnet ein populäres Gericht in Puerto Rico und ist eine Referenz an seine hispanischen Wurzeln; ebenso der Ziegenschädel "Cabra" (1981, 122 x 153 cm), den man zudem als Hommage an Picasso lesen kann, mit dem sich Basquiat gern verglich

Schädel mit Preisschild: Bei seinem Gemeinschaftswerk mit Warhol "6,99" (1985, 297 x 420 cm) erkennt man deutlich die Handschrift Basquiats

Auf Vermittlung ihres Galeristen Bruno Bischofberger starten Warhol und Basquiat (links) eine Serie von "Collaborations", zunächst noch unter Beteiligung eines dritten Künstlers, Francesco Clemente, später als kreatives Duo (Foto: 1985)

Warhol sagte über Basquiat:

"Ich bin wirklich eifersüchtig - er ist schneller als ich"

Mit den skelettartigen, Heiligenschein tragenden "Philistines" (1982, 183 x 313 cm) spielt Basquiat auf die philisterhafte Rezeption seines Werks an

Berühmte Vorbilder:

"Riding with Death" (1988, 249 x 290 cm) entstand kurz vor Basquiats Tod und lehnt sich stark an eine Kompositionszeichnung von Leonardo da Vinci an.

"Untitled (Skull)" ganz rechts (1981, 207 x 176 cm) erinnert mit seinen flächigen Farbschichtungen und der betonten Kontur der Figur an Bilder von Jean Dubuffet

Stilsicher: So posierte Basquiat 1985 für das Cover des "New York Times Magazine"

Die Graffiti "Untitled (Refrigerator)" kritzelte Basquiat 1981 auf den Kühlschrank in der New Yorker Wohnung seiner Freundin Suzanne Mallouk. Später verkaufte sie das Gerät an Andy Warhol

"Basquiat ist beileibe kein Primitiver.

Er ist eigentlich viel mehr ein Rockstar.

Er erinnert mich an Lou Reed, der für nette College-Boys brillant über Heroin singt" (Jeffrey Deitch, 1982)

"Erleuchtetes Wesen": frühe Basquiat-Freunde Michael Holman, Suzanne Mallouk und Kai Eric

Nicht wie die anderen Graffiti-Künstler": Kurator Diego Cortez hat Basquiats Talent entdeckt

Geliebte, Muse, Seelenverwandte: In Zeichnungen wie "Selbstporträt mit Suzanne", 1982 (152 x 102 cm) hat Jean-Michel Basquiat seine Beziehung zu Suzanne Mallouk verarbeitet

"Er war unglaublich produktiv und machte sehr viele Zeichnungen - hauptsächlich Zeichnungen, denn wir hatten nicht viel Platz und kein Geld für Leinwände. Stattdessen fand er Sachen auf der Straße. Holz, Schaumstoff, Gummi, Metall, Fenster, Türen.

Er malte sogar auf unseren Kühlschrank. Den hat später Warhol gekauft"

Der Galerist und zukünftige MoCA-Direktor Jeffrey Deitch: "Basquiat war ein Rockstar"

Dominique Philbert war als Straßenkünstler in den frühen 80er Jahren mit Basquiat unterwegs

"Seine Arbeiten sind politisch": Bei Künstlerin Lorraine O'Grady besuchte Basquiat Seminare

Eingangstür 57 Great Jones Street: In dem Haus in Downtown Manhattan wohnte Jean-Michel Basquiat und hatte dort zuletzt sein Atelier

"Die Bilder sind frisch, frech, originell, kraftvoll, auch kulinarisch-raffiniert und professionell. Sie zeigen den Einfluss nächtlicher Graffiti aus der Subkultur und karibischer Maskeraden ebenso wie die Handschrift Dubuffets, Twomblys und Larry Rivers" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", 18.12.1986)

Auf den Spuren von Jean-Michel Basquiat: art-Redakteurin in New York