Ausgabe: 05 / 2010
Seite: 8-16

Studio

Von

KUNSTWISSEN FÜR ANGEBER (1)

Legenden, Lutscher und andere Leckerbissen • Das Lutscherlogo von Chupa Chups wurde von dem spanischen Surrealisten Salvador Dalí entworfen. • Die Darstellungen der Brotlaibe des Abendmahls schwollen vom 15.

Jahrhundert bis heute um 23 Prozent an, die Portionen um 70 Prozent. • Die bevorzugten Margarinesorten von Joseph Beuys zum Aufbau seiner "Fettecken" waren Rama und Deli Reform. • Blitzlicht ist per se für Kunstwerke nicht schädlicher als Tages- oder Kunstlicht. • Mehr als Dreiviertel der Berliner Museumsbesucher sind Touristen. • Imi Knoebel, bürgerlich Klaus Wolf Knoebel, hat seinen Künstler-Vornamen vom gleichnamigen DDR-Waschmittel entlehnt - weil ihm der Slogan "Imi gegen groben Schmutz" so gut gefiel. • Das erste schwarze Quadrat der Kunstgeschichte malte nicht Kasimir Malewitsch, sondern der Mystiker Robert Fludd im Jahr 1617.

Durch Shorts geht Schwimmbädern zehn Prozent des Wassers verloren - und tropft auf Wiesen und Wege. Daniela Nadolleck und Mirjam Bayerdörfer haben es in Bottichen gesammelt, um auf den Missstand hinzuweisen und durften dafür kostenlos im Performance Hotel Stuttgart übernachten. Der Künstler Byung Chul Kim ist Hotelier in dem Häuschen, das er als große Performance versteht: "Ich wollte eine Welt, in der jeder Künstler ist". Er ist Student bei Christian Jankowski, dessen Klasse gemeinsam mit der HBK Saar das Haus samt Garten und Freiluftwanne bis Sommer nutzen darf - für Lächel-Wettbewerbe, Poetry-Slams oder futuristische Kochperformances. Um die Fassade zu tapezieren, seilten sich Künstler sogar vom Dach ab.

Gewöhnliche Gäste sind Byung Chul Kim aber die liebsten: "Die besten Performances kommen oft direkt aus dem Alltag."

Disco-Atmosphäre für das Wohnzimmer: Die beiden Industriedesigner Fabian Nehne und Martin Meier haben eine Lampe entwickelt, die auf dem Prinzip der additiven Farbsynthese basiert. Aus den drei Grundfarben R(ot), G(rün) und B(lau) entstehen Sekundärfarben wie Gelb, Magenta und Cyan und die Tertiärfarbe Weiß. Das RGB-Mischlicht sei "ein Objekt, das dezent Aufmerksamkeit auf sich zieht, ohne sich im Raum aufzudrängen", beschreibt Meier sein Konzept.

Die Studie gibt es noch nicht im Handel.

"Hängt es höher, höher, noch höher!" und "Nein! Nein!", schrie Ted Riederer, Ex-Aufbaugehilfe, Künstler und Mitorganisator der ersten Olympischen Spiele der Ausstellungsaufbauer in New York. Er mimte einen grausamen deutschen Kurator im Hahnentrittanzug und feuerte die zwölf konkurrierenden Teams an. Um die Goldmedaillen zu gewinnen, wurde Kunst gehängt, verpackt und transportiert, es gab absurde Kamikaze-Stunts und spontane Trinkgelage. "Kunstpacker bilden das unbeachtete Rückgrat der Kunstindustrie", erklärten die Organisatoren. Das erste Gipfel treffen bescherte den Handwerkern im Hintergrund einen verdienten großen Auftritt. Mehr Infos: www.arthandlingolympics.com

"Ich wollte eigentlich nur auf die Ersatzliste", sagt die 82-jährige Gisela Schmidt, doch jetzt ist ihr von Joseph Kosuth in Beschlag genommener Keller eine der Attraktionen der Biennale für Internationale Lichtkunst Ruhr.2010.

Bis 27. Mai stellen 60 Künstler ihre Arbeiten in privaten Räumen zwischen Lünen, Hamm und Fröndenberg aus, darunter Stars der Szene und talentierte Neulinge wie der Isländer Egill Sæbjörnsson.

Ein schönes Konzept, das alte und neue Werke nicht nur im ungewohnten Rahmen zeigt, sondern buchstäblich Türen öffnet und Menschen durch die Kunst zusammenbringt.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (18)

Mathilde, 5, über "Der Hutladen" (1914) von August Macke "Auf dem Bild sind ganz viele Hüte! Der gelb-rote oben in der Ecke ist der schönste, weil er so bunt ist. Eine Frau schaut sich die Hüte an. Sie hat eine weiße Schaumkrone auf dem Kopf und hält einen Regenschirm in der Hand - dabei regnet es gar nicht! Hüte trägt man auch nur im Sommer am Strand, um sich vor der heißen Sonne zu schützen. Mein Sommerhut ist rosa gestreift mit Blumen drauf. Die Hüte sind alle in so einer komischen Mauer drin, das sieht ein bisschen aus wie in einem Museum. Vielleicht ist das ein Hut-Museum! Im Museum sind die alten Sachen immer hinter Mauern aus Glas, damit niemand sie anfassen kann. Das finde ich eigentlich doof, denn anfassen würde viel mehr Spaß machen."

DIE ART-HOME-STORY (34)

Zu Gast bei Carsten Nicolai Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Kodak-Linsenreinigungspapier 1998, als ich ein Atelier in New York hatte, hing diese Packung über meinem Schreibtisch. Ich mochte Kodak immer wegen der Gestaltung der Verpackungen, mir gefiel dieses funktionale Industriedesign.

Der Zweifachdruck mit seiner simplen Typografie erinnert mich an die zwanziger Jahre und ist durchaus eine Inspirationsquelle für das Design meines Labels Raster-Noton.

Kleinsche Flasche Das Objekt ähnelt einem Möbiusband, bezieht sich allerdings nicht wie dieses auf die Fläche, sondern auf den Raum. Eigentlich ist es das Modell einer unendlichen Fläche im Raum. Das Thema Unendlichkeit - in Form von Modellen die an den Rand des Denkbaren führen, etwa bei Georg Cantor - fasziniert mich ungemein, es kommt in vielen meiner Arbeiten vor. Das Fläschchen ist sozusagen ein Souvenir für Mathematiker.

Modell Stealth Bomber Der Stealth Bomber ist wie aus einem finsteren Märchen, er dokumentiert den Versuch, unsichtbar zu sein, Informationen zu verbergen. Meine Arbeit "Anti" (2004) bezieht sich auf Albrecht Dürers "Melancholia I".

Ursprünglich wollte ich das Objekt mit Stealth-Farbe, die beim Militär zur Tarnung benutzt wird, besprühen.

Doch leider war es unmöglich, diese Farbe zu bestellen.

Lithostein Ursprünglich dienten die Räume meines Ateliers als Lagerraum für eine Druckerei. Hier wurde sogar eines der berühmten Käthe- Kollwitz-Plakate gedruckt. Als ich hier das erste Mal hereinkam, stapelte sich das Material vier Meter hoch. Ein paar Sachen habe ich behalten, wie diesen herrlichen Lithostein.

Arbeitshocker Ein Fund, der mich schon lange begleitet und den ich seit Jahren bei mir im benutze. Der Hocker kommt aus einer ehemaligen Trikotagen-Fabrik in Chemnitz.

Irgendwann habe ich ihn im Bauhaus-Museum gesehen, es ist ein Entwurf aus dem Hause Rowac. Die Beinkonstruktion besteht aus gefaltetem Blech, eine extrem billige Produktionsweise.

Bildunterschrift:

Der britische Pavillon des Designers Thomas Heatherwick für die Expo 2010 in Schanghai (1. Mai bis 31. Oktober) sieht aus wie eine überdimensionale Pusteblume. Für den Kuschel-Look sorgen 60 000 Hightech-Acrylstäbe, die das Tageslicht in den Innenraum leiten, nachts leuchten und an deren inneren Ende verschiedenste Pflanzensamen eingearbeitet sind - wie in einer Kathedrale für die Artenvielfalt. Nur schade, dass man nicht pusten kann.

Achtung, großer Irrtum: Die meisten Männer denken, dass Frauen mit ihren Haaren spielen, weil sie flirten wollen. In Wirklichkeit ist das kokette "Ich-weiß-ich-bin-süß"-Zwirbeln aber eher selten. Frauen praktizieren die Fingerlocke, wenn sie nachdenklich, ängstlich, angespannt und nervös sind, sagt der US-amerikanische Fotograf Jeff Mermelstein. Und der muss es wirklich wissen, denn seit über sieben Jahren fotografiert er heimlich in den Haaren zwirbelnde Frauen in New York. Aber das ist nicht sein einziges Laster: Auch rennende Menschen faszinieren Mermelstein. Deshalb kombiniert sein neuer Bildband "Twirl/Run" (Powerhouse Books, 40 Dollar) auf 88 Seiten solche alltäglichen Straßenszenen, die erst durch die ständige Wiederholung des immergleichen Motivs ihr absurdes Potential voll entfalten.

Schon Claude Monet hat sie geliebt und gemalt: Die grünen Holzhäuser gehören zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der nordholländischen Region Zaanstad.

Der niederländische Architekt Wilfried van Winden (WAM Architecten) hat für den Neubau des Inntel Luxushotels (seit April geöffnet) in Zaandam rund 70 dieser Häuschen übereinander gestapelt - und so eine spektakuläre Fusion aus Tradition und Moderne geschaffen. Oder spektakulären Architekturkitsch - wie man's nimmt.

Gratis-Übernachten gegen Performance: das Performance Hotel in Stuttgart

Designstudie "MischlichtRGB" von Fabian Nehne und Martin Meier Lichtkunst von Joseph Kosuth (links) in einem Keller und von François Morellet (rechts) in einer Scheune

Im Karton einmal um den Block: eine der olympischen Disziplinen

Der deutsche Künstler und Musiker Carsten Nicolai, 45, in seinem Berliner Atelier (Foto:

Nina Lüth)