Ausgabe: 04 / 2010
Seite: P42
"Wir wollten eine Arche Noah erfinden"
Von Volker Staab
Nach der Flut kam das Denken: fand eine geniale Lösung für das neue Depot der Dresdner Sammlungen
Der Berliner Architekt , 52, gewann 2004 den Wettbewerb für das neue Zentraldepot der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Er ersann eine Brückenkonstruktion, die über dem Innenhof des Albertinums schwebt. Im Juni wird das Museum als Heimat der Galerie Neue Meister und der Skulpturensammlung wiedereröffnet.
Der prägnante Wettbewerbstitel für Ihr neues Depotgebäude lautete "Arche". Wie kam es dazu?
Der Anlass für den Neubau war ja das bedrohliche Hochwasser im Jahr 2002, bei dem die Fluten von allen Seiten herandrängten. Wir wollten also eine Art "Arche Noah" für die Kunstwerke erfinden. Der Auftrag war von Anfang an, keine unterirdischen Strukturen zu schaffen, sondern etwas, das Gefährdung einschränkte. Auch in einem Keller hilft die Isolation ja nur so lange, wie kein Wasser von oben hereinläuft. Als Lösung bot sich der Innenhof des Albertinums an.
Ihr Depot schwebt nun genau darüber - wer das nicht weiß, kann es nicht ahnen. Wohin würden Sie einen unwissenden Besucher zuerst führen, um das Spektakuläre Ihres Entwurfs zu zeigen?
Selbstverständlich in das neue Foyer, das überhaupt erst durch unseren Eingriff entstanden ist. Allein beim Gedanken, den bislang kaum genutzten Innenhof mit Volumen zu füllen, war uns unbehaglich.
Indem wir das Depot gleichsam als Dach darüber hängten, gewannen wir einen repräsentativen Raum. Das Haus hat jetzt jenes Zentrum bekommen, das bislang fehlte. Insofern war das schwebende Depot auch der Schlüssel zu allen anderen Problemen des Hauses. Früher musste man erst in den Keller zu Kasse und Garderobe.
Mit der Halle wird der Rundgang zu einem schlüssigen Erlebnis.
Die eigentliche Dimension Ihrer Idee erschließt sich so richtig nur von oben, mit einem Hubschrauberflug vielleicht. Haben Sie Probleme mit Ihrem eigenen Understatement?
Das gefällt mir an unserem Konzept am besten. Es gibt Architekten, die eine Handschrift zelebrieren, während wir es spannender finden, Räume angemessen zu entwickeln. Das ist eine Frage der Haltung.
Der Zurück-Haltung gewissermaßen! Doch nicht nur die Architektur selbst ist fast unsichtbar, sondern auch die technische Leistung.
Ja, das Tragwerk der beiden Depotetagen ruht auf vier Stützen, die mehr als 20 Meter unter Elbniveau verankert wurden. Zwei sind im Mauerwerk verborgen, die anderen sind in den Lastenaufzug integriert.
Als Besucher erfährt man nicht, was die Brücke wirklich hält.
Das führt zu einem Eindruck von Leichtigkeit und Transparenz. Zudem lösen eine reflektierende Decke auf der Unterseite des Depots und zwei seitliche Lichtschlitze die Schwere der Konstruktion auf.
Und darüber gibt es dann herrliche helle Restaurierungswerkstätten.
So etwas hätten wir am Boden gar nicht realisieren können.
Ihnen ist offenbar das Kunststück gelungen, in Dresden eine Brücke zu bauen und niemand hat protestiert.
Ja, unsere unsichtbare Brücke beeinträchtigt, anders als die Waldschlösschenbrücke, das einstige Weltkulturerbe-Stadtbild überhaupt nicht.
Bildunterschrift:
Das Depot scheint über dem Innenhof des Albertinums zu schweben, Lichtschlitze lassen Tageslicht in das hier gewonnene Foyer (Simulation)
Nur in der Schnittdarstellung ist das versteckte Tragwerk zu erkennen
