Ausgabe: 04 / 2010
Seite: P22-P29
Räuchermann und Sprühdose
Von Susanne Altmann
Im Mekka des Barock kämpft die junge Szene gegen die Idylle. Ein Rundgang durch Dresdner Ateliers von art-Korrespondentin
Bisweilen trübt der Leipziger Schlagschatten den Blick auf Dresden. Im innersächsischen Kunstwettbewerb führt die ehemalige Residenz ganz klar in den klassischen Disziplinen, aber das Zeitgenössische hat es hier traditionell schwer. Eberhard Havekost, Thomas Scheibitz und Frank Nitsche, die Malerstars des letzten Jahrzehnts, sind längst nach Berlin abgewandert, viele Absolventen der Hochschule für Bildende Künste Dresden folgen. Dennoch halten einige beherzte Galerien (siehe Seite 38) hier die Stellung - und drum herum existiert eine vitale Szene, die extrem experimentierfreudig mit dem lokalen Erbe umgeht. Aktuell grassiert im Kernland des Räuchermännchens eine große Lust an Volkskunst und Kunsthandwerk, die sich in frechen Hinterglasmalereien, abgründigen Laubsägereien und düsteren Scherenschnitten Bahn bricht. Auch Widerstand gegen die allgegenwärtige barocke Idylle kann zum Markenzeichen werden - und ist Graffiti nicht die neue Volkskunst? Hier erfanden die Brücke-Maler den Expressionismus, bevor Sie nach Berlin zogen - auch für Oskar Kokoschka, Otto Dix und Gerhard Richter war Dresden der kreative Durchlauferhitzer. Auch wenn die reinblütige Elb-Peinture heute nicht so punktet, kann man sicher sein: Hier wird nach wie vor Großes ausgebrütet.
Sieben rote Keramikfliesen mit randalierenden Zimmermannsgesellen. Ein Doppelporträt vom Empire State Building und der Ruine der Dresdner Frauenkirche als Hinterglasmalerei. In Beton eingebettete Rosenzweige. Der Künstler Tilman Hornig wechselt Techniken und Themen wie ein Chamäleon die Farbe und bleibt sich selbst dabei so treu, wie es wohl nur noch eine multiple Persönlichkeit vermag. Im ostsächsischen Zittau geboren, wuchs er mit Einflüssen von Folklore und Volkskunst auf. Das begründet wahrscheinlich auch das völlige Fehlen von Berührungsängsten dazu. Wenn er sich fast zärtlich dem Rosenthema in Beton widmet, wird er zum poetischen "Newromanzer", wenn er den Schriftzug "New York" in einer Art-Deco-Typografie variiert, dann wird er zum Bewunderer einer fernen Großstadtkultur. Doch manchmal gelingt eine Synthese: 2009 versah er eine Wand auf der Art Basel mit seinem monumentalen Namenszug.
Das Schriftmosaik formierte sich aus den Splittern missratener Glasbilder, flankiert von zersplitterten Herzen. Mehr persönliche Handschrift geht nicht.
Galerie: Gebr. Lehmann, www.galerie-gebr-lehmann.de
Ausstellungen von Britta Jonas erinnern ein bisschen an Jahrmarktsbuden.
Ein Ausrufer könnte davor stehen und schreien: "Hereinspaziert, hier tanzt die einmalige ‚Prinzessin vom Obergraben'.
Hier gibt es das Liebespaar mit den zwei Holzbeinen. Nur hereinspaziert!" Und wirklich balanciert da ein makabres Prothesenduo auf einem Ochsenwagen; und zieht man die Schnur, so hebt die bizarre Prinzessin ihr Köpfchen über der Krinoline. Daneben vollführen enthemmte, wenn auch unbekannte Naturvölker ihre erotischen Rituale auf Video. Dieses Panoptikum aus Basteleien und pseudoethnografischen Fundstücken wirkt unterhaltsam, humorvoll und äußerst belebend. Dabei spart es weder martialische Abgründe noch subtile Zivilisationskritik aus. So werden imaginäre Volksstämme gleichberechtigt zu seriösen Anzugmännern vorgeführt, die Schafe melken oder in lächerlichen Papageienmasken herumtollen. Britta Jonas' visuelle Orgien erzählen davon, dass in einer Welt, wo alle Entdeckungen scheinbar schon gemacht sind, noch eine Menge Skurrilitäten lauern. Man muss sie nur sehen wollen.
Galerie: Birgit Ostermeier, www.birgitostermeier.com
Ulrike Gärtner tritt manchmal im Laborkittel auf. Der ist bei ihren Experimenten auch angemessen, etwa, wenn sie Setzlinge des Götterbaums, lateinisch Ailanthus altissima, sortiert, um später damit ihre Raupenzucht zu füttern. Schließlich sollen sich die Insekten bald in einen Kokon aus Seide einspinnen und zeigen, dass man auch hier den zarten Stoff herstellen kann - und nicht nur in China. Das Irritierende dabei ist nur, dass dieses ganze Biotop in einer Art Raumschiff siedelt, genannt "VIVARIUM und/oder Mobile Einbürgerungshilfe für ALIENS". Seit vielen Jahren thematisiert Ulrike Gärtner so die grassierende Angst vor dem Fremden, gern am Beispiel von lebender Vegetation. Dafür findet sie präzise Bilder. So legte sie bereits vor zehn Jahren einen noch immer herrlich gedeihenden "Fremden Garten" an. Ganz im Sinne der trendigen Zen-Mode schuf sie eine japanische Oase mitten in der Dresdner Neustadt.
Doch wo waren die exotischen Gewächse? Mit Rhododendren, Pfirsichbaum oder diversen Sträuchern verwendete sie nur scheinbar heimische Arten. All diese Pflanzen waren bereits vor hunderten von Jahren erfolgreich und unreguliert aus Asien in unsere Breiten eingewildert.
Der Horror vor dem Fremden scheiterte schon damals an der Durchlässigkeit von politischen und geografischen Grenzen.
Internet: www.aliensunterwegs.de
"Perlicke! Perlacke!". Mit diesem Spruch beschwört man Geister und wird sie wieder los. Ob Martin Mannig die Wirksamkeit der magischen Formel überprüft hat, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall nannte er eine Ausstellungen so. Das war als Handlungsanweisung für Besucher sicher hilfreich, denn das gezeichnete und gemalte Gruselkabinett des Künstlers ist nur auf den ersten Blick possierlich. Hier trifft sich alles, was seit den Gebrüdern Grimm das Kinderzimmer zum Vorhof der Hölle macht. Sämtliche Giftpilze erwachen zum Leben, Rotkäppchen greift sich in den Schritt, und Teddy wird als "Pornobär" zum Sexmonster. Mannigs Bilderbögen kennen keine Tabus. Nicht einmal die Zwerge und Räuchermännchen aus dem nahen Erzgebirge sind ihres naiven Daseins noch sicher. Der gebürtige Freiberger gräbt hier an den eigenen lokalen Wurzeln. Dabei verlässt er sich nicht nur auf Märchen, Mythen und Volkskunst allein, sondern fusioniert diese Motive gekonnt mit solchen aus der Welt des Comics, des Animes und der Tattoo-Szene. Galerie: Gebr. Lehmann, www.galerie-gebr-lehmann.de
"Ich war einfach von der Farbe überfordert", erinnert sich Stefanie Busch auf die Frage, warum das Schwarzweiß ihre Palette bestimmt. Und Grau, immerhin. Tatsächlich bewegen sich alle ihre Leuchtkästen, Siebdrucke und Collagen in diesem grafischen Spektrum. "Vielleicht" so denkt sie weiter laut nach, "traut man in meiner Generation dem Schwarzweiß manchmal mehr als Farben, weil es etwas Historisches und Authentisches suggeriert." So haben Buschs Arbeiten in ihrem formsicheren Spiel mit dem Helldunkel auch etwas von Archivmaterialien. Mit Landschaftsmotiven wie Birkenwäldern oder der Silhouette eines Windparks hat sie vor einigen Jahren begonnen. Mittlerweile sind die Kompositionen dicher geworden, vielleicht auch etwas näher an kritische Themen gerückt.
So schichtet sie Ansichten aus dem früheren Jugoslawien, etwa zerschossene Fassaden oder zerstörte Gebäude übereinander und kombiniert sie mit einer vielblättrigen Pflanze: Das düstere Bild explodiert gleichsam und wird zum Dokument eines noch nicht vergessenen Krieges. Im Sozialismus geboren und im Kapitalismus aufgewachsen, hat sie den Wandel von Politik und Umfeld am eigenen Leibe mitbekommen. Insofern betreibt Stefanie Busch mit ihrer Samplingtechnik persönliche Erinnerungsarbeit.
Galerie: Baer, www.galerie-baer.de
Bereits als 14-Jähriger streifte Jens Besser nachts durch die Straßen seiner sächsischen Heimatstadt Freiberg, ausgerüstet mit Sprühdosen, Kleister und Pinsel.
Seine Leinwand ist noch immer die Stadt und sind ganz besonders Mauern von Abrisshäusern oder verlassenen Industriearealen. Dort inszeniert er seine Variante des "Muralismo" als zeitgenössische Wandmalerei, gelehrt doziert er über Diego Rivera und dessen mexikanische Kollegen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wird er selbst aktiv, so meist unter Pseudonym und in der Grauzone zur Legalität. 2009 tat er in Dresden, in der Nähe des Justizministeriums, ein leerstehendes Fabrikgebäude auf: Wer den Eingang findet, begegnet einem von Bessers jüngsten Monumentalwerken:
"§ 304 Abs.1 StGB" nennt es sich, nach dem berüchtigten "Graffiti-Paragraphen" und reflektiert als comicartiges Triptychon das schwere Los von Streetartisten, eingequetscht zwischen einem Heer von Gesetzeshütern und einer Flut von bürgerlichen Konsumartikeln. Das mag naiv wirken und ein bisschen plakativ.
Doch Besser, der brav an der Dresdner Kunsthochschule studiert hat, will mehr Freiräume schaffen für Kunst jenseits von Leinwand oder Ausstellungsraum.
Seine "Pixelpopulation"-Plakate kann sich jeder selbst aus dem Internet herunterladen, ausdrucken und selbst ankleben. Soviel Demokratie muss die Rebellion vertragen.
Kontakt: www.koloni. wordpress.com
Bildunterschrift:
Empire State Building versus Ruine der Frauenkirche: "New York City Dresden" (Lack hinter Glas, 2009)
Makabrer Holzbein-Pas de deux auf dem Karren: "Ochsenwagen" von 2008
"VIVARIUM und/oder Mobile Einbürgerungshilfe für ALIENS" (2008): In der Kapsel (hier in Dresden-Hellerau) wächst Futter für Seidenraupen
Blumenstück mit diversen Tag- und Nachtfaltern: "Wiese" (Öl und Eitempera auf Leinwand, 2008)
Aus Überblendungen von Fragmenten ensteht ein Bild der Kriegsspuren in Sarajevo: "Notiz" (Folienmontage im Leuchtkasten, 2008)
Graffiti-Aktion im innersächsischen Feindesland: "Nachtgeist", 2008 gesprüht in Leipzig-Plagwitz
