Ausgabe: 04 / 2010
Seite: P14-P15
"Dresden, quo vadis?"
Von Susanne Altmann, Tim Sommer
Was kommt nach dem Wiederaufbau? art-Korrespondentin Susanne Altmann und art-Redakteur Tim Sommer sprachen mit Generaldirektor Martin Roth über die Perspektiven der sächsischen Kunstmetropole
Susanne Altmann\Tim Sommerart: Es gibt drei Museumsverbünde von Weltrang in Deutschland: München, Berlin und Dresden. Was macht den besonderen Rang von Dresden aus?
Martin Roth: Nirgendwo weltweit hat man so eine Gesamtwirkung der Stadt, ihrer Architektur, ihrer Geschichte, ihrer Musik und dann diese unbeschreibliche Sammlung.
Darum hat Dresden über Jahrhunderte bis heute immer namhafte Künstler hervorgebracht, nennen Sie mir eine vergleichbare Stadt! Dresden ist einerseits so weltbedeutend und andererseits so überschaubar, dieser vermeintliche Widerspruch löst einen ungewöhnlichen Reiz aus, der süchtig macht.
Sie stellen Ihr Jubiläumsjahr unter das Motto "Zukunft seit 1560". Wie könnte denn einmal die "Zukunft seit 2010" beschrieben werden? Was ist Ihre Vision?
Ich bin kein Orakel. Ich glaube, dass man sich in Dresden, dieser zerstörten Stadt, bei all dem Elend, immer ganz schnell auf ein Ziel einigen konnte, über politische Grenzen und alle Gegensätze im Osten hinweg.
Man wollte die alte Schönheit wiederhaben.
Das ist weitgehend abgeschlossen. Es breitet sich jetzt ein Horror vacui aus, gerade die Älteren sind unerbittlich, jeder Stein muss genauso aussehen, wie er angeblich schon immer ausgesehen hat. Dann offenbart sich eine traurige Hilflosigkeit, weil es keine neuen Ziele und Konzepte gibt. Gegen solch eine Engstirnigkeit muss man gegenhalten. Dresden war einmal eine internationale Stadt, war offen für Einflüsse von außen und für avantgardistische Experimente. Diese Stadt kann man nur auch mental wiederherstellen, wenn man die Brücken in die Welt wieder aufbaut, die es mal gegeben hat. Dresden, quo vadis?
Wird es eine Durchschnittsstadt oder eine Hochburg der Kultur und Künste?
Fast eine halbe Milliarde Euro wurden in Ihre Museen seit der Wende investiert, die Sammlungen werden so schön präsentiert wie nie zuvor. Fürchten Sie nicht den Stillstand?
Das Schlimmste für ein Museum ist, wenn eine Sammlung abgeschlossen ist. Es ist uns jetzt 450 Jahre gelungen, auf hohem Niveau zu sammeln, und ich kann nur hoffen, dass dieses Qualitätsbewusstsein nicht nachlässt.
Unsere treibende Kraft, unser Motor ist die Kunst, und leider habe ich schon das Gefühl, dass wir uns derzeit viel zu sehr mit Politik und Geld beschäftigen. Ich habe kürzlich in der "Art Newspaper" gesagt, "80 Prozent meiner Arbeit ist Abwehrkampf". Das klingt übertrieben, aber wenn Sie meinen Alltag miterleben würden, dann verstünden Sie, was ich meine. Dabei könnte man die Dresdner Museen in vielerlei Richtung weiterentwickeln, so sind wir hier das Tor zu Deutschland, wenn man aus dem Osten kommt, aus Tschechien, Polen, der Ukraine. Was könnte man allein daraus machen!
In der Provenienzforschung sind die Staatlichen Kunstsammlungen weltweit führend, warum ist das Thema für Sie so wichtig?
Ja, hier gab es auch besonders großen Nachholbedarf.
Hier im Osten sind bestimmte kritische Fragen in Bezug auf Zusammensetzung und Herkunft aus verständlichen Gründen gar nicht gestellt worden, es gab bekanntlich keine Ausgleichszahlungen, keine Entschuldigungen, keine Rückgaben. Nun ist es allerhöchste Zeit, zu klären: Was besitzen wir, was fehlt, was gehört uns und was nicht? Die Fragestellung ist einfach: Wenn es uns nicht gehört, wem gehört es dann?
Und wir müssen auch die Fragen unserer russischen, polnischen, baltischen, tschechischen, ukrainischen Kollegen akzeptieren:
Ist, was die vermissen, nicht vielleicht doch in unseren Depots? Solange wir uns nicht an einen Tisch setzen, wird es keine Lösung geben. An andere Fragen in diesem Zusammenhang hat sich noch niemand wirklich herangetraut: Was ist aus all dem Hausrat der jüdischen Familien geworden, die getötet oder vertrieben wurden? Sind diese vielleicht an irgendwelche Kunstgewerbemuseen gegangen? Was befindet sich in den ethnologischen Museen? Die Provenienzforschung ist überfällig. Aber sie hat auch noch eine andere Seite. Wenn man solche Sammlungen hat wie "Türckische Cammer", "Indianische Sammlung" oder Porzellan aus Asien, dann muss an solchen historischen Beziehungen wissenschaftlich gearbeitet werden.
Es ist immens in die Häuser investiert worden, gleichzeitig mussten Sie viele Stellen in Forschung und Verwaltung abbauen.
Wir haben vom Freistaat große Unterstützung erfahren. Aber dennoch existiert ein eklatantes Missverhältnis, die Mauern werden wieder errichtet, das wissenschaftliche Personal wird abgeschafft! Ich tröste mich damit, dass ich mir sage, erst mal wurde die Hardware wiederhergerichtet und gesichert, die Brainware kommt später - um es zynisch auszudrücken. Aber ich bezweifle, dass sich die Situation so schnell ändert, dass keine bleibenden Schäden entstehen. Jeder versteht die Sparmaßnahmen in einer Krisensituation, aber dieses destruktive Element, die akute Gefährdung des gesellschaftlichen Eigentums durch die Politik, ist für mich unverständlich.
Sie haben sich für den Austausch mit China, den Golfemiraten und dem Iran eingesetzt.
Was versprechen Sie sich von diesen diplomatischen Missionen?
Das ist Teil unserer politischen und sozialen Verantwortung. Ich habe große Hochachtung vor den jungen Leuten, die etwa in der arabischen Welt leben und eine Gesellschaft aufbauen wollen, die mit dem Westen redet, und nicht nur Bomben schickt. Für die müssen wir als Partner zur Verfügung stehen.
Wir wollen ja nicht die Sixtinische Madonna in den Wüstensand schicken. Aber nicht mit den Emiraten zu reden, ist unglaublich arrogant. Und es ist auch für unsere eigene Zukunft wichtig, dass wir auch an den Orten bekannt werden, wo gesellschaftliche Veränderungen im Gang sind.
Die Kunst und die Künstler müssen die politischen Grenzen überschreiten.
Was leistet das Museum heute für die gesellschaftliche Debatte?
Die offizielle Meinung dazu ist: Wir sind eine Institution, die sammelt, forscht und bewahrt. Aber die Wahrheit ist doch: Das Museum kann viel mehr! Im Museum sieht man nur die schönen Seiten des Lebens, da stimmt doch irgendwas nicht. Das Museum ist eine soziale Kohäsionseinrichtung. Wenn die Museen mal den Mut hätten, sich richtig auf die Bevölkerung mit all ihren Sorgen einzulassen, die Leute wirklich dort abzuholen, wo sie stehen, keine Angst mehr hätten, sich mit Alltagsthemen auch in die Niederungen zu begeben! Wir haben hier so viel Material, um Welten zu erklären, politische Zusammenhänge herzustellen - und trauen uns nicht ran. Das Museum als zutiefst soziale Einrichtung, das nimmt heute keiner ernst. Asche auf mein Haupt.
Der Streit um die Waldschlösschenbrücke hat Dresden den Titel als Weltkultur erbe gekostet und den Ruf der Stadt beschädigt.
Wie haben Sie diese Diskussionen erlebt?
Was mich am meisten gestört hat, ist die Tatsache, dass man überall denkt, hier in Dresden müssen alle doof sein. Natürlich gerät dieses Brückenthema auch wieder in Vergessenheit, aber wir wissen nicht, was es wirklich verändert hat. Das ist, als ob Bayern München plötzlich beschließt, freiwillig in die Bezirksliga zu wechseln. Was mich zusätzlich stört, ist diese altmodische Idee einer Brücke. Dresden hat früher so viel experimentiert, und dann plant man 2010 hier immer noch mit Gummi auf Asphalt. Hallo?
Da hätte ich erwartet, dass man mit Szenarien experimentiert, die das Mobilitätskonzept der Stadt für die nächsten 50 Jahre abbilden.
Avantgarde zu sein, ist anstrengender als banale Brücken zu bauen. Seltsamerweise liebt man in Dresden die Schönheit und war auch immer bereit, recht brutal mit dieser Schönheit umzugehen.
Im Sommer wird das Albertinum wiedereröffnet.
Wie stellen Sie sich das Profil des Hauses vor?
Die große Freude auch für mich ganz persönlich ist, dass wir das Gebäude wieder haben und grandios viel Platz gewonnen wurde. Das Profil wird sich vor allem in einem auch weiterhin sehr dynamischen Pro zess darstellen. Wir sind nun endlich wieder in der Lage, die Romantiker zu zeigen, das, was nach der Arisierung und DDR von der Moderne übrig geblieben ist, die großen Künstler der Gegenwart, die ihre Herkunft aus Dresden haben, und die DDRKunst.
Ferner wird es einen Flügel geben, in dem wir mit Sammlern und Galeristen zusammenarbeiten können. Wenn wir uns im zeitgenössischen Bereich - auch bei den Skulpturen - positionieren wollen, brauchen wir dafür eine eigene Institution, das kann das Albertinum allein nicht auch noch leisten. Interessanterweise werden wir mit vielen Fragezeichen an die Zukunft aus der Eröffnung des Albertinums herausgehen.
Ist es heute noch ein Unterschied ein Museum im Osten zu leiten?
Die Dynamik ist hier viel größer. Der Westen war 1989 genauso am Ende wie der Osten, wenn auch auf andere Weise. Unsere Generation hat die unglaubliche Chance bekommen, dieses vereinigte Deutschland nach unseren Vorstellungen zu gestalten. In den USA spricht man von einer "Preußifizierung" Deutschlands, da ist sicher etwas dran. Wir haben eine preußische Bundeskanzlerin und einen preußischen Innenminister. Ob es einen Unterschied gibt, fragen Sie? Ja. Wir leben hier im moderneren Teil Deutschlands.
Bildunterschrift:
, Martin Roth (v.l.)
Der General: Martin Roth Martin Roth, geboren 1955 in Stuttgart, war Mitarbeiter am Deutschen Historischen Museum, bevor er 1991 Direktor des Dresdner Hygienemuseums wurde. Ab 1996 war er Leiter des Themenparks der EXPO 2000 in Hannover, zudem acht Jahre lang Präsident des Deutschen Museumsbundes. Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist er seit 2001
