Ausgabe: 04 / 2010
Seite: P4-P11
August und der Reiz der Fremde
Von Susanne Altmann
Prachtentfaltung war ein barockes Herrschaftsinstrument - und keiner hat es in Deutschland so perfektioniert wie August der Starke. Orientiert hat er sich dabei vor allem an dem sagenumwobenen Reichtum ferner Großreiche
Wo war sie da nur hingeraten?
Als Braut des sächsischen Thronfolgers kam die habsburgische Kaisertochter Maria Josepha (1699 bis 1757) in ihre neue Heimat.
Am Dresdner Elbufer jedoch, wo ihr Schiff anlegte, begrüßte sie eine veritable türkische Zeltstadt.
Zudem waren 24 königliche Handpferde mit prunkvollem osmanischen Zaumzeug ausgerüstet worden, und eine Garde von 25 staatlichen Mohren marschierte auf, allesamt angetan mit türkischen Phantasiegewändern.
Auf ihren Turbanen wippten weiße Straußenfedern. Sah so jenes liebliche Kurfürstentum Sachsen aus, auf das man sie vorbereitet hatte? Ob sich die 19-jährige Erzherzogin an jenem 2. September 1719 bei dem Anblick gefürchtet hat, ist nicht überliefert. Fest steht jedoch, dass in ihrer Heimatstadt Wien viele Menschen die Belagerung durch das Türkenheer von 1683 noch in angstvoller Erinnerung hatten.
Vor den Toren von Dresden hatte es eine solche Bedrohung freilich nie gegeben, was das entspannte Verhältnis des sächsischen Kurfürsten dazu erklärt. Ihn begeisterte alles, was aus dem fernen Reich im Osten kam, vom modischen Kaffeegenuss bis zum militärischen Zierrat, und so ließ er seine Untertanen, einschließlich der künftigen Schwiegertochter, an dieser Vorliebe teilhaben.
Bereits Jahre vorher hatte Friedrich August I. (1670 bis 1733), genannt August der Starke, seiner Langzeitmätresse Anna Constantia von Cosel ein opulent bestücktes "Türkisches Haus" vermacht, das heutige Taschenbergpalais.
Anlässlich der Hochzeit seines Sohnes zog der Potentat dann alle Register seiner Türkenleidenschaft:
Zu Ehren von Maria Josepha inszenierte er sogar zwei Wochen später ein ganzes "Türkisches Fest". Hierfür hatte er nicht nur ein weiteres Türkisches Palais herrichten lassen, sondern rüstete ganze Infanteriebataillone zu Janitscharengarden um. Die sächsischen Rekruten mussten sich einen "moustache à la Turque" stehen lassen und wurden mit türkischen Dolchen und Flinten bewaffnet. Offenbar kannte das osmanische Fieber kaum Grenzen, so soll sich August auch selbst als Sultan verkleidet haben - in Bewunderung für die, aus europäischer Sicht vermutete, Allmacht und Militärgewalt des Herrschers am Bosporus.
Unter diesen Umständen wundert es kaum, dass die Museen in Dresden noch heute über eine der bedeutendsten Sammlungen orientalischer Kunstgegenstände in ganz Europa verfügen. Die "Türckische Cammer", die am 7. März eröffnete, zeigt glanzvolle, meist kriegerische Exponate aus dem Orientfundus von Barock und Renaissance.
So manchen Säbel mögen die falschen sächsischen Janitscharen zur Fürstenhochzeit 1719 geschwungen haben. Zu den absoluten Höhepunkten der neuen Räume gehören jedoch zwei osmanische Staatszelte.
Unter deren reich bestickten Stoffbahnen wandeln die Besucher wie einst August der Starke. Schon seine Vorväter hatten Waffen und Helme, Sättel und Brustpanzer aus dem Orient gesammelt, doch erst unter seiner Regentschaft erreichte die Türkenmode ihren absoluten Höhepunkt. Während vor dem 18. Jahrhundert viele Stücke der Kammer als Beute aus den Türkenkriegen oder Diplomatengeschenke nach Dresden gelangten, schickte August 1713 seinen treuen Kammerdiener Johann Georg Spiegel mit einer Einkaufsliste nach Konstantinopel.
Neben Gewändern, Waffen, Teppichen und Zelten findet sich auf ihr auch der Wunsch nach lebendem exotischen Personal wie Sklaven und Eunuchen. Es ist ungeklärt, ob Spiegel tatsächlich Eunuchen nach Dresden brachte, aber unüblich waren solche Importe nicht. So unterhielt der galante August bereits zehn Jahre zuvor eine Liaison mit einer türkischen Gesellschafterin namens Fatima.
Fatima schenkte ihm zwei Kinder und wurde dann passenderweise später mit Diener Spiegel vermählt. Der fürstliche Frauenheld arbeitete indessen weiter an der sächsischen Version eines Serails: Auch mit seinen ungezählten Mätressen und Geliebten sah er sich in der Tradition von östlichen Haremsherren.
Doch als wahrer "Global Player" seiner Zeit orientierte sich August, seit 1697 auch König von Polen, nicht nur am Türkenhof allein. Bewundernd blickte er auf alle geheimnisvollen Großreiche des Ostens: Indien, Persien, China oder Japan. Und weil sein kluger Hofgoldschmied Johann Melchior Dinglinger (1664 bis 1731) den Vorlieben seines Herrschers schmeicheln wollte, produzierte er bis 1701 im Eigenauftrag ein ausgefallenes Ensemble aus Gold und Email:
"Das Goldene Kaffeezeug" sah aus wie feinstes chinesisches Porzellan, es war über und über mit asiatischen Malereien bedeckt und huldigte nebenbei dem Hang zum "Türkentrank".
Heute funkelt es im Neuen Grünen Gewölbe, der Dresdner Schatzkammer. Der Juwelier hatte auf die richtige Karte gesetzt, und August erwarb das Service für 50 000 Taler. Für diese Summe hätte man damals fast 17 Wohnhäuser in bester Innenstadtlage bekommen. Noch tiefer griff er in die Tasche für Dinglingers "Thron des Großmoguls Aureng-Zeb" von 1708. Dieses atemberaubende Kabinettstück besteht aus 132 Miniaturfiguren sowie zahlreichen glitzernden Kleinstobjekten und zeigt das Geburtstagszeremoniell des legendären, historisch verbrieften Großmoguls (1618 bis 1707).
Majestätisch unter einem Baldachin thronend, beobachtet Aureng-Zeb, wie im Vordergrund sein stattliches Körpergewicht mit Schätzen aufgewogen wird. August der Starke, mit seiner Körpermasse von rund 120 Kilogramm, konnte von solchem Überfluss nur träumen. Das hielt ihn freilich nicht ab, sich mit dem Mogul gleichzusetzen und ihm in der Prunksucht zumindest nachzueifern. Doch trotz aller Juwelen - eine andere Sehnsucht des Regenten, nämlich jene nach echtem, kostbarem Porzellan, konnte auch der kunstfertigste Goldhandwerker nicht stillen. Der Kurfürst litt an einer regelrechten "maladie de porcelaine", der Porzellankrankheit, und ließ zunehmend fernöstliche Stücke ankaufen.
Einmal tauschte er beim Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. sogar 600 Soldaten gegen 152 blauweiße Chinagefäße ein, darunter 18 Monumentalvasen, die später "Dragonervasen" genannt wurden. Nur zu gern hätte der mächtige Sachse auch selbst Handelsschiffe nach China und Japan entsandt.
Doch dieser Markt war fest in der Hand der holländischen "Vereinigten Ostindischen Kompanie", über deren Mittelsmänner der Erwerb in europäischen Häfen abgewickelt wurde. Hier mussten auch Augusts Einkäufer Schlange stehen, zusammen mit denen des russischen Zaren etwa.
Gleichzeitig aber hielt August bereits seit 1701 einen Hoffnungsträger in Verwahrung, den Apothekengehilfen Johann Friedrich Böttger (1682 bis 1719). In echter Alchimistenmanier wollte dieser eigentlich lebenslang den "Stein der Weisen" finden und Gold machen, doch gemeinsam mit dem gelehrten Graf von Tschirnhaus gelang ihm 1708 die Erfindung des europäischen Porzellans.
Eine Sensation! Nun konnte man sich in der deutschen Provinz auf Augenhöhe mit den Märchenfürsten des Orients fühlen: So sehen die ersten Stücke der 1710 gegründeten Porzellanmanufaktur Meissen denn auch wie 1:1-Kopien chinesischer Vorlagen aus. Die Blütezeit der Chinoiserie war angebrochen. In diesem pseudo-asiatischen Stil fabulierten Porzellanmodelleure und - maler wie Johann Joachim Kaendler (1706 bis 1775) oder Johann Gregorius Höroldt (1696 bis 1775) um die Wette.
Die mit niedlichen Chinesenszenen geschmückten typischen Vasen, Figuren und Tafelzeuge "made in Sachsen" sollten sich nun auch öffentlich mit ihren fremdländischen Vorbildern messen.
Von Graf von Flemming erwarb August daher einen Prachtbau auf der rechten Elbseite und ließ ihn als "Japanisches Palais" zum Schautresor für seine ständig wachsende Porzellansammlung umrüsten.
Ein noch heute sichtbares Giebelrelief zeigt den einstigen Stolz auf die Dresdner Erfindung: Chinesen und Sachsen huldigen der Göttin Saxonia mit Porzellangefäßen.
Nach Augusts Tod im Jahre 1733 verlor das ehrgeizige Sammlungsprojekt an Fahrt, und im 20. Jahrhundert zogen erst das Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, dann andere Museen in das Gebäude. Erst in letzter Zeit wurde wieder öffentlich über ein "Porzellanschloss" von augusteischen Dimensionen gesprochen. Konsequent also, dass die ehrgeizige Jubiläumsausstellung zum 300. Geburtstag des Meissener Porzellans an diesem geschichtsträchtigen Ort stattfindet. Vom 8. Mai bis 29. August 2010 treffen unter dem Titel "Triumph der blauen Schwerter.
Meißner Porzellan für Adel und Bürgertum 1710 bis 1815" erlesene Stücke aus Japan, China und Meissen fast wieder so zusammen, wie einst geplant (siehe Seite 34). Wer weiß, vielleicht überzeugt das auch noch den letzten Skeptiker aus Kultur und Politik, das Palais wieder dem edlen Steinzeug zu widmen - zumal die Porzellanabteilung der Dresdner Kunstsammlungen auf beengtem Raum im Zwinger nur ungefähr ein Zehntel ihres Bestands zeigt. August der Starke, der schließlich über 35 000 Porzellanartefakte verfügte, wusste schon, warum er ein ganzes Schloss dafür wollte. Eigentlich hatte er für das Bauwerk sogar ein Dach aus bemaltem Porzellan geplant. Dazu kam es nicht mehr, aber beim Anblick des geschwungenen grünen Kupferdachs versteht man auch heute noch, was damals mit Chinoiserie gemeint war. Und man begreift, was für eine magnetische Anziehungskraft alles Fremdländisch- Orientalische, in wildem Ethnomix auch gern pauschal als das "Indianische" bezeichnet, auf die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts ausübte. Wer den absoluten Höhepunkt architekturgewordener, barocker Asiamode sucht, wird in Pillnitz fündig. Stilgerecht empfiehlt sich eine Anreise per Boot - die Sächsische Dampfschiffahrt ab Terrassenufer macht es möglich. Wenn man nach knapp zwei Stunden an der Schlossanlage vorbeigleitet, wähnt man sich in einem chinesischen Traum. Mit der zauberhaften Anlage am Ufer der Elbe setzte August der Starke ab 1720 seine Vision eines "indianischen" Schlosses in die Tat um. Seine genialen Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann (1662 bis 1736) und Zacharias Longuelune (um 1669 bis 1748) entwarfen Wasser- und Bergpalais ganz im Geiste der Chinoiserie.
Als Vorlage empfahl ihnen der fürstliche Auftraggeber einen Kupferstich mit der Ansicht der "Verbotenen Stadt" im fernen Peking. Ebenso wie jene achsensymmetrisch angelegt, sind es besonders die Dächer des Gebäudekomplexes und die erzählerischen Bildfriese in den darunter liegenden Hohlkehlen, die asiatisches Flair verströmen. Allerlei possierliche Chinesen sind mit Alltagsverrichtungen beschäftigt, bei denen die vom Porzellan her bekannten Motive inspirierend wirkten. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass sich der Kurfürst wahrlich wie ein asiatischer Despot vorkam, wenn er mit seiner Prunkgondel an der großen Freitreppe anlegte. Ob Drachenkaiser, Großmogul oder Türkenherrscher - die Rollenspiele, Kostümierungen und märchenhaften Kulissen des sächsisch- polnischen Barocksultans August verführen bis in die Gegenwart. Eine Reise nach Dresden, die in der "Türckischen Cammer" beginnt und in Pillnitz endet, gerät so zu einem Ausflug in ein "indianisches" Phantasiereich, wo man geografische Grenzen nur vom Hörensagen kennt.
Bildunterschrift:
Barocke Rollenspiele: August der Starke als "König von Polen" auf einem Gemälde von Luis de Silvestre (rechts, um 1723) und 1709 als "Chef der Afrikaner" für eine Quadrille kostümiert
Als "Global Player" seiner Zeit orientierte sich August nicht nur am Türkenhof, sondern blickte bewundernd auf alle geheimnisvollen Großreiche des Ostens
Osmanischer Säbel aus dem 16. Jahrhundert, goldene Trinkschale Iwan des Schecklichen (nach 1563, oben)
Um die osmanischen Prunkreitzeuge in der neuen Türckischen Cammer stilgerecht präsentieren zu können, wurden edle Araberpferde aus Holz geschnitzt
Der "Thron des Großmoguls Aureng- Zeb" (1708) des Juweliers Johann Melchior Dinglinger (oben ein Detail) ist bis heute eine Hauptattraktion im Neuen Grünen Gewölbe
Aureng-Zeb lässt sein stattliches Körpergewicht mit Schätzen aufwiegen. August konnte von solchem Überfluss nur träumen
Alles Fremdländischorientalische übte auf August den Starken und seine Zeitgenossen eine fast magische Anziehungskraft aus
Commedia dell'Arte in Meissner Porzellan, "Scaramuz und Colombine", von Johann Joachim Kaendler um 1741 geformt
Das "Goldene Kaffeezeug" (links ein Teller und eine Deckeltasse) sieht aus wie aus Pozellan, besteht aber aus Gold, Silber, Elfenbein und Edelsteinen
Die berühmt berüchtigten "Dragonervasen" erwarb Friedrich August I. in Preußen - im Tausch gegen Soldaten, die standen dort noch höher im Kurs als das kostbare chinesische Porzellan
