Ausgabe: 04 / 2010
Seite: P16-P21
Reise in ein urbanes Inselreich
Von Till Briegleb
Dresden war vor seiner Zerstörung das Ideal einer europäischen Metropole. Heute bildet die Stadt ein Mosaik aus Barock, Gründerzeit, DDR-Moderne, spektakulären Solitären und Investorenarchitektur. Ein Architekturrundgang von
Die Linie 8 der Dresdner Straßenbahn ist eine Problemlinie.
Nicht, weil sie so unregelmäßig fährt, sondern weil sie auf ihrem Weg durch die Stadt die ganze problematische Struktur der sächsischen Hauptstadt erlebbar macht. Von der Südvorstadt über den Hauptbahnhof nach Hellerau im Norden durchquert sie alle historischen Inseln, aus denen Dresden besteht.
Von dem unentschlossenen Niemandsland rund um den Bahnhof führen die Schienen zur sozialistischen Gigantomanie der DDR-Moderne längs der Prager Straße, von dort zum wieder aufgebauten Barockensemble der Altstadt und über die Elbe mit Blick auf verstreute Solitäre zur Linken und renovierte Plattenbauten im Osten.
Mit der anschließenden Neustadt wird die Dresdner Wohnstadt des 19. Jahrhunderts erleb bar, die heute ein typisches Junge-Leute- und Ausgehviertel ist. Von dort rollt die Bahn durch ein marodes Villenquartier zum riesigen Militär- und Industrieareal der Albertstadt und hinauf ins lauschige Hellerau, wo die berühmten "Deutschen Werkstätten Hellerau" und das alte Festspielhaus im Grünen liegen.
In einer knappen halben Stunde hat man das ganze Dilemma dieser Stadt erfasst. Es gibt nicht ein Dresden, es gibt viele.
Epochen und unterschiedliche Dimensionen stoßen - vor allem im Zentrum der Stadt - unvermittelt aneinander. Wäre Dresden eine Wohnung, man fände das Stilgemisch der Einrichtung abscheulich.
Die traurigen Umstände dieser multiplen Stadtpersönlichkeit sind hinlänglich bekannt.
Bis zum Bombenangriff am 13.
Februar 1945 war Dresden das Ideal einer europäischen Metropole, dicht, schön, lebendig und kulturell reich. Mit dem Ende der DDR am 9. November 1989 zeigte die Stadt sich dann als urbanes Desaster: zugig und arm. Die alliierten Flächenbombardements zum Kriegsende und der banale Größenwahn sozialistischer Krämerseelen hatten dem einstigen Elbflorenz zwei Traumata beschert, an denen es sich bis heute abarbeitet.
Zu groß sind die Zerstörungen, die Bomber Harris vorbereitet, der kommunistische Oberbürgermeister Walter Weidauer mit seiner rigorosen Abräumpolitik zwischen 1946 und 1961 aber erst vollendet hat.
Hätten die sozialistischen Stadtvisionäre die erhaltene Bausubstanz bewahrt, saniert und in der Struktur des alten Stadtgrundrisses mit Neubauten ergänzt, Dresden wäre heute eine gesunde, dichte Mischstadt wie Berlin, Hamburg oder München.
Statt dessen wurden Plätze und Straßen um das Drei- bis Sechsfache vergrößert, wie der Altmarkt und die Prager Straße, intakte Straßenzüge entfernt, um billlige Hoch- und Zeilenbauten aneinander zu reihen.
Und nur der Finanzklammheit der Planwirtschaftler sowie dem Protest der Dresdner ist es zu verdanken, dass nicht auch noch ein 140 Meter hohes "Turmhaus" in stalinistischer Zuckerbäckerarchitektur ins Zentrum gesetzt wurde.
An diesem Nabel der Stadt befindet sich heute der 1969 eröffnete Kulturpalast, von dem aus man die ganzen Schwierigkeiten übersieht, mit denen die Planer seit 1989 bei ihrem Versuch zu kämpfen hatten, das Stadtbild Dresdens wieder zusammenzuflicken. Drei Fragen erhitzten vor allem die Debatte:
Darf man die verlorene Barockstadt im historischen Gewand neu aufbauen? Wie geht man mit dem DDR-Erbe um? Und wie vertragen sich diese beiden konträren Fragestellungen mit den Ansprüchen an eine moderne Innenstadt?
Die Antwort, die sich im Verlauf der letzten 20 Jahre in vielen erregt diskutierten Beschlüssen und Bauvorhaben gebildet hat, unterscheidet sich in wohltuend demokratischer Manier von den totalitären Stadtideen des letzten Jahrhunderts: Die Wiederherstellung Dresdens ist ein Kompromiss, und zwar ein Kompromiss der Insellagen. Der sozialistische Kulturpalast, der ab 2012 vom Hamburger Architekturbüro gmp denkmalgerecht saniert und mit einem neuen Konzertsaal bestückt werden soll, steht dabei am Schnittpunkt der historischen Kontraste.
Vor seinem Haupteingang am ehemaligen sozialistischen Aufmarschboulevard, der Ernst- Thälmann-Straße, liegt der Altmarkt, der in den Fünfzigern zum "Demonstrations- und Festplatz" aufgeblasen und mit grobem Pseudo-Barock umfasst wurde, gefolgt von der Prager Straße mit ihren zwölfgeschossigen "Wohnmaschinen". Im Rücken des "Kulti" liegt das Areal der historischen Rekonstruktion:
Das Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe, die Frauenkirche, diverse Palais und Bürgerhäuser rund um den Neumarkt dürfen seit einigen Jahren unter Einsatz von vielen Hundert Millionen Euro aus Ruinen auferstehen. Und rechter Hand vom Konzertsaal der Dresdner Philharmonie entsteht mit der Erweiterung der Altmarkt- Galerie und anderen Neubauten eine typisch gesichtslose Konsumarchitektur, wie sie die Städte im Zeitalter der Kettenläden prägt.
Durchmischung, wie man sie in anderen kriegsversehrten Städten Deutschlands in der Regel sieht, ist in Dresden eher die Ausnahme. Rund um die wieder aufgebaute Frauenkirche wird nur jene DDR-Architektur geduldet, die sich in der Dimension und Struktur der alten Stadt angenähert hat, wie an der Münzgasse. Ansonsten wird der historische Stadtgrundriss mit Neubauten rekonstruiert, die entweder original barocke Fassaden oder zumindest moderne Interpretationen dieser Epoche zeigen. Die Prager Straße ist zwar mit verschiedenen architektonischen Eingriffen ein wenig stadtverträglicher gemacht, hat ihre sozialistische Maßstabslosigkeit aber trotzdem denkmalgerecht bewahrt. Und dort, wo die saubere, sichere, überdachte Erlebniswelt der Shopping- Malls sich in der Innenstadt ausbreitet, wird wiederum keine Ostalgie geduldet.
Das 1978 eröffnete Centrum- Warenhaus mit seiner schönen Fassade aus Wabenreliefs wurde 2007 abgerissen und als moderne Shopping-Mall neu errichtet, immerhin eingekleidet mit einer Rekonstruktion der alten Aluminiumhülle. In dieser hybriden Form markiert sie den Übergang vom DDR-Erbe zur au tistischen Passagenarchitektur der Altmarkt-Galerie.
Für deren großräumige Erweiterung Richtung Zwinger wurden wiederum allen Spuren der DDR-Moderne beseitigt. Nur das historisierende Intecta-Möbelhaus von 1956, das nicht nach DDR aussieht, wird in den neuen Komplex integriert.
Diese Politik relativ homogener Archipele, die sich überall in der Stadt fortsetzt, wurde in den letzten Jahren punktiert von zahlreichen spektakulären Neubauten, die an den Grenzen dieser Areale angesiedelt wurden.
Das gefaltete Großkino von Coop Himmelb(l)au liegt am Rand der Prager Straße, die neue Synagoge von Wandel, Hoefer, Lorch + Hirsch am Ende der Altstadt, die Gläserne Manufaktur von VW zwischen dem Großen Garten und einem Wohngebiet des Wiederaufbaus, der neue Sächsische Landtag von Peter Kulka hinter der Semper- Oper am Fluss in einem Gebiet, das diverse isolierte Großbauten versammelt; und das Militärhistorische Museum der Bundeswehr, das gerade von Daniel Libeskind umgebaut wird, markiert den Übergang der Wohnviertel zum alten Militärareal der Albertstadt.
Gerade dieser Bau zeigt, wie ortsbezogen die Dresdner Stadtplanung entscheidet. Der massive krampenförmige Keil, den Libeskind in das historische Arsenal-Gebäude von 1875 bricht, wäre in seiner aggressiven Manier in der Altstadt niemals durchsetzbar gewesen. Für jede Zone gelten also eigene Gesetze.
Und das hat vermutlich auch damit zu tun, dass hier so massiv und kontrovers um das richtige Bild der Stadt gestritten wird.
Bürger initiativen, Architekten, Feuilletonjournalisten und andere Experten kämpfen seit der Wende mit allen Mitteln - von Plädoyers über Verleumdungen bis zum Bürger begehren - um Bewahren, Wiederherstellen und Neubauen. Die Verletzungen, die die Stadt erlebt hat, werden in diesen Diskussionen stets von neuem spürbar.
Diese Debatten erreichen manchmal internationale Ausmaße wie beim Streit um den Wiederaufbau der zerstörten Frauenkirche oder den Bau der Waldschlösschenbrücke im Elbtal.
Aber bereits die Frage, ob ein Plattenbau am Rande der Altstadt abgerissen werden sollte, um eine alte Sichtbeziehung wieder herzustellen, beschäftigt die Bewohner Dresdens so, dass die gütliche Trennung in homogene historische Erlebniszonen tatsächlich als die weiseste Lösung für Dresden erscheint. So kann man 20 Jahre nach dem städtebaulichen Neuanfang auf kurzer Distanz einige realtiv intakte Stadtmodelle aus drei Jahrhunderten durchwandern:
Barock, Gründerzeit, Klassische Moderne und die heutige Investorenherrschaft.
Wobei die Kontraste doch ziemlich parteilich machen. Die sozialistische Idee einer Stadt, die keine Unterschiede macht, fühlt sich unendlich viel fremder an als die Umarmung mit Pracht und Abwechslung, die auf dem gedrängten Stück Stadt zwischen Grünem Gewölbe und Albertinum, Hof- und Frauenkirche die Touristen anlockt. Auch die Aneignung der Neustadt durch Studenten, Kneipen, Läden und Straßenleben spricht für die alte Struktur der dichten Blockrandbebauung als Stadt der Möglichkeiten.
Die tristen Zeilenwohnbauten rund um die Altstadt verlieren dagegen selbst mit Spongebob-Puppen im Fenster nicht ihre Kasernen-Atmosphäre.
Wie diese unwirtlichen verstreuten Blöcke jemals in die Stadt integriert werden können, dafür haben Planer und Architekten immer noch keine Antwort gefunden. Und schließlich versprechen die neuen sterilen Einkaufspassagen so viel weniger Zauber, als ein Bummel durch die wiederhergestellten Gassen rund um den Neumarkt.
Dieses städtische Mosaik, das so charakteristisch für das neue Dresden ist, macht die rund 800 Jahre alte Stadt aber auch zu einer Mustermetropole des 21.
Jahrhunderts. Die Freiheit der Geschmäcker, diese alles erfassende Philosophie der gegenwärtigen Epoche, findet in dem urbanen Inselreich Dresdens seine ideale Stadtgestalt. Und das ist auch wieder schön.
Bildunterschrift:
Wie von Canaletto gemalt: Am historischen Neumarkt sind um die rekonstruierte Frauenkirche ganze barocke Straßenzüge wiedererstanden
In der "Gläseren Manufaktur" (Henn Architekten) am Großen Garten nahe der Altstadt fertigt VW seit 2002 die Phaeton-Limousinen
Utopia made in GDR: Hotels und eine 240 Meter lange "Wohnmaschine" im Plattenbau säumen die Prager Straße aus den sechziger Jahren
Links von oben: die neue Synagoge von Wandel, Hoefer, Lorch + Hirsch (2001), Daniel Libeskinds Projekt für das Militärhistorische Museum und der Sächsische Landtag von Peter Kulka (1991/97), rechts das Elbpanorama mit Frauen- und Hofkirche und Dresden-Neustadt, wo heute das Leben spielt
Durchmischung, wie man sie aus anderen kriegsversehrten Städten kennt, ist hier die Ausnahme
Links: Das wiederaufgebaute Residenzschloss und die Centrum Galerie von Peter Kulka (2009). Rechts von oben: Plattenbauumgestaltung von rohdecan architekten (2010), Konzertsaal der Hochschule für Musik (hammeskrause architekten, 2008) und der Kulturpalast (Wolfgang Hänsch, 1969)
Die relativ homogenen Archipele wurden punktiert durch zahlreiche spektakuläre Neubauten
Moderne, gestern und heute: im Hintergrund das "Rundkino" aus den siebziger Jahren, vorn der "UFA-Kristallpalast" von Coop Himmelb(l)au (1998)
